Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Oktober 1924 (Wilmersdorf)


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10.X.24.
Mein innig Geliebtes!
Erwarte keinen Brief, sondern nur einen Bericht u. eine mir wichtige Mitteilung. Ich fand soeben Eure beiden lieben Briefe vor und habe mich daran erfreut, z. T. amüsiert. Vor allem freut mich, daß es in der Augsburgerstr. besser geht. In Neubabelsberg soll es auch täglich etwas besser sein. Ich fahre heut Nachm. hin und werde mich überzeugen. Es ist Frau Riehls Geburtstag. Im übrigen ersticke ich unter Anfragen. Die Post bringt mich ums Leben. Hier muß etwas geändert werden. In 2 Tagen Abwesenheit - 20 Postsachen zu noch unerledigten. Dies ist bis jetzt, die 15. Postsache, die ich schreibe.
Also: Heinrich Maier hat mich am Abend vor der Reise sehr erfreut. Er hat - ohne m. Zutun - alle seine Sünden erkannt, benannt u. Besserung gelobt. Obwohl ich dies nicht glaube, ist es mir doch ein Zeichen seiner guten Gesinnung.
Am Montag bin ich um ½ 6 aufgestanden u. war, bes. auch um Susanne eine Freude zu machen, mit ihr in Rheinsberg. Der Tag war schön. Jedoch kam keine Stimmung auf. Sus. Ist trockener als je. Ich bin manchmal ganz trostlos über diese Koppelung, die nun eben doch sehr fest geworden ist. Sie kann ja nichts dafür. Wir verliefen uns ein wenig. Die Zeit war knapp. Es wurde dunkel. Die Sache erinnerte bedenklich an uns bei Kappel u. beim Bodenseeblick. - 11 Uhr zu Hause.
Nach Thale mußte ich auch schon früh. Stand wieder um ½ 6 auf. Die Konferenz war groß. Hotel Zehnpfund jetzt = Soziale Frauenschule. Ich wohnte dort, aß aber z. T. im Ritter Bodo, wo Richter u. Joh. Wezel wohnten. Am 1. Tage schöner Nachmittagsspaziergang ins Bodetal mit Alice Salomon. Am 2. Tag mit Richter, Wezel,
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| Dietrich, Koch auf Hexentanzplatz. Herbstfarben. Mein Referat machte ich in der Nacht; stand um ½ 7 auf. Es schlug wieder sehr ein u. hat den Leuten, glaube ich, genützt. Zu Haus war ich erst um 12 Mitternacht. - Heute habe ich die ersten Schritte in der Postangelegenheit getan.
Was ich also sagen wollte: Wenn Ihr beide mal auf ein ernsteres Gespräch kommt, dann sprich ganz vorsichtig u. ohne Beziehung auf sie vom Wert der Offenheit. Da fehlt es. Du kannst das ja an das anknüpfen, was zwischen Dir u. mir üblich ist. Verheimlichen aus Schonung sei auch gefährlich u. führe in unlösbare Verwicklungen.
Was in dem Reichenaubuch drinsteht, weiß ich nicht. Jedenfalls ist es aber von Frl. Kiehm. Richter erzählte auch viel von der Reichenau.
Du Arme, was Du für einen Trubel hast! Aber der Winter wird hoffentlich ruhig. Sorge nur dafür, daß "unser Kind" in Basel nicht unvorsichtig ist. Zeige ihr auch ein bißchen von m. Büchern, daß sie allmählich einen Begriff von mir bekommt. Frl. Wingeleit ruft. Ich muß abbrechen.
Herzlichste Grüße auch an Felizitas, die heute keinen direkten Gruß bekommen kann.
Dein
Eduard.