Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14./16. Oktober 1924 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 14. Oktober 24 spät.
Mein innig Geliebtes!
Nun werden für Dich wieder ruhigere Tage kommen. Eure lieben Grüße habe ich erhalten, und ich habe mich aus der Ferne an Eurem Zusammensein innig gefreut. Was Du schriebst, ist mir auch wohlbekannt: Es kommt mit Felizitas nie zu einem richtigen Gespräch. Dafür ist sie noch zu jung; aber auch zu wenig geistig geschult und beweglich; endlich aber auch zu verschlossen. Denn bei all seiner Naivität ist dieses kleine Wesen doch schon geschieden in eine Welt, die sie zeigt, und eine andere, die sie teils tapfer, teils scheu zurückhält. Schon seit Jahren hat es immer großer Veranstaltungen von mir bedurft, um diesen Wall zu durchbrechen. In diesem Sommer war es nur einmal, daß ich sie in der Tiefe fassen konnte, im Anblick des Sternenhimmels, der stark auf sie wirkt. Da legte sie ihr Köpfchen an mich und war wirklich ganz Kind, was sie sonst nur scheint.*) [li. Rand] *) Leider verstand es die Mutter nicht, diesen reichen Augenblick ganz auszuschöpfen. Ihr Verhältnis zu mir, das wirst Du gefühlt haben, ist wirklich etwas Reines und Schönes. Es ruht auf dem Vertrauen, das mit den Jahren still gewachsen ist, und was es ist, bleibt ihr so unbewußt wie mir. Aber es liegt darin der Keim u. die Möglichkeit einer Freundschaft fürs Leben.
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So sehr ich weiß, daß Du die Zeit für dieses Zusammensein gern gewidmet hast, empfinde ich das alles doch auch als ein großes Opfer für F. und mich. Denn ich weiß zu sehr aus eigener Erfahrung, wie solche Besuche in die Ordnung und die Pflichten des täglichen Lebens eingreifen. Kaum würde ich so lange für Feliz in Berlin Zeit aufbringen können.
Hoffentlich lauten die Nachrichten über Inge dauernd gut. Ich möchte auch glauben, daß das Kind nun erst wirklich gesund wird und aufblüht.
Vermutlich ist dies für längere Zeit der letzte Brief. Denn die Reise gewinnt nun Gestalt, und zwar nach den heute gefaßten Dispositionen so:

Mittwoch 22.X. früh:Berlin Insterburg.Dort die Nacht.
Donnerstag 23.X. früh   Insterburg ab bis Riga  10 Uhr Abends.

Freitag 24} Besichtigung der Stadt, Wohnen im Hotel,
Sonnabend 25}  Riga.   Ansprache im Deutschen Gymnasium. Sonntag
Sonntag 26} ca. 5 Uhr Vortrag in der Herdergesellschaft. 10.50 abends ab.

Montag   27.X.  vorm. 11 Uhr an Reval.
28.X.Begrüßungstag.
29.X.Festrede 2 Stunden.
30.X.1. Vorlesung 2 Stunden.
31.X.2. Vorlesung 2 Stunden.
 1.XI.Abreise nach Dorpat und - hoffentlich noch Vortrag dort u. Reise
 3.XI.abends Ankunft in Berlin.
 5.XI.Anfang der Vorlesungen.
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Der Paß ist da. Es fehlen noch die Visa. Ich habe aber den Paß einfach ans Auswärtige Amt geschickt mit der Bitte um Erledigung.
Was bis dahin zu bewältigen ist, ist keine Kleinigkeit. Jede Abreise ist immer wie eine Erledigung aller Pflichten vorm Sterben. Denn tausend Leute hängen mit ihren Wünschen an mir. Das erste, was ich nach der Rückkehr besorge, ist ein Sekretär oder eine Sekretärin. Die Korrespondenz geht ins Ungemessene. Morgen Abend erwarte ich Heinrich Scholz. In Neubabelsberg ist mindestens eine Remission eingetreten. Aber was Riehl am Freitag (Frau Riehls 70. Geburtstag) zu mir sagte, trug einen stark jenseitig entrückten Charakter.
Ich baue meine Wohnung aus. Obwohl ich für das 3. Quartal 1890 M Einkommensteuer u. für I-III 275 Mark Kirchensteuer zu zahlen hatte, schaffe ich an. Das Regal ist sehr gut u. geräumig. Ein guter roter Läufer für den Korridor kostete 175 M. Winterüberzieher 155 M. Das nächste ist eine Stehlampe für das Mittelzimmer, das im Winter regelmäßig geheizt werden soll.
Ich sehe, daß man m. Schrift nicht mehr lesen kann [über der Zeile] Rotwein! - daher Schluß und gute Nacht für heute
Dein Eduard.

17.X.
Der Knoten zieht sich immer enger zusammen. Daher nur noch die notwendigsten Nachrichten. Rektoratsübergabe; Meinecke getroffen, war mit Frau in Hinterzarten, gleichzeitig mit uns. Am Abend Heinrich Scholz ½ 8 - 12. Schreckliche
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| Einzelheiten erzählt; er sieht seelisch völlig zerstört aus; philosophierte aber dann mit gewohnter Intensität und nicht schlecht. Mit beiden Schwestern völlig auseinander!
Gestern bei Riehls. Es sieht ein wenig besser aus. Sollte es ein Sterbelager sein, so müßte ich sagen: ich habe nie etwas Höheres, im edelsten Sinne Philosophisches gesehen. Beide leben eigentlich schon hier ein verklärtes Leben. Ob ich ihn wiedersehe? Er interessiert sich noch brennend für alles Wissenschaftliche. - Studiengemeinschaft, Gottlob, kommt erst Ostern zustande.
Nun noch meine Adressen - für den Fall, daß Du schreiben willst oder zu schreiben hast: In Riga am besten durch Direktor Gurland, Kalpakboulevard, Städt. deutsche Mittelschule; in Reval: Direktor Blosfeld, Domschule.
Die Handwerker sind immer noch im Hause. Außerdem wird die Sicherheit durch zahllose Tagungsbesucher bedroht. Neulich saß ich neben Bucherer, Direktor Eures Gymnasiums. - Die Rundfunkstunde will Vorlesungen von mir.
Der brave Zeppelin wird uns in Amerika mehr nützen als Kant - Fichte - Hegel zusammen.
Sei herzlichst gegrüßt mit tausend guten Wünschen, mein Liebes. Vorläufig nur Karten. Bitte sage auch unsrer Freundin herzlichen Dank für Ihre Güte u. Gruß. Ich erhielt zuletzt Eure Karte aus Jugendheim.
Dein
Eduard.

[re. Rand] Es ist möglich, daß Grete Paulsen auch um Rat an Dich wendet.