Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. November 1924 (Wilmersdorf)


[1]
|
5.XI.24.
Mein innig Geliebtes!
So weit es in einer späten, kurzen Stunde möglich ist, will ich Dir wenigstens die äußeren Vorgänge meiner Reise schildern.
Auf der Hinfahrt am 23.X. fiel mir der kulturell unentwickelte Zustand Littauens auf. Kowno, landschaftlich recht schön an der Memel gelegen, zeigt von der Bahn her überwiegend einfache Holzhäuser. Hinter der Stadt überraschend ein Tunnel. Von Lettland sah ich nichts, da es dunkel war. Kurz vor Riga fuhren wir über die große Dünabrücke, die wegen Reparatur grell beleuchtet war. Am Bahnhof fand ich keinen Bekannten, nahm mir eine Droschke, die schon nach ½ Minute vor dem Hotel Bellevue am Ziel war. Als ich eben mein Zimmer betreten hatte, erschienen Dr. Klumberg, 2. Vorsitzender des Herderinstitutes (einer deutschen Privatuniversität) und Direktor Unverhau, der um 1919 kurz in Leipzig bei mir Hörer gewesen war. Sie wollten mich in Privatlogis umquartieren, was ich ablehnte. Am Abend saßen wir im Hotel zusammen und berieten das Programm wie die Situation. Da ich die Uhr auf osteuropäische Zeit umstellen mußte, war es 1, als wir schieden.
[2]
|
Am nächsten Morgen um ½ 11 erschien Direktor Gurland von der Städt. Deutschen Mittelschule (einer Riesenanstalt in 4 höheren Schulzweigen mit 850 Schülern, Knaben und Mädchen.) Meine Verabredungen mit ihm blieben unbestimmt, weil ich mir vorbehalten mußte, im Dienste deutscher Interessen gegebenenfalls auch für die lettischen Lehrer zu reden. Nach 11 holte mich Herr v. Stryk, ein Kunsthistoriker ab und zeigte mir mit guten historischen Erläuterungen die Stadt. Von innen sah ich nur den Dom genauer. Außerdem die "Große Gilde", wo ich abends reden sollte. Gegen 1 war ich bei dem deutschen Gesandten, der mich von 1908 her kannte. Damals war er Lektor bei Diederichs; inzwischen Reichsinnenminister sozialdemokratischer Färbung: Herr Köster aus Hamburg. In seinem ganzen Wesen erinnerte er auffallend an Biermann. Auch er empfahl, die Letten nicht zu übergehen. Ich eilte daher von ihm per Droschke zu dem ehemaligen lettischen Kultusminister Dange, der als "Sprangerianer" gilt u. sich selbst so bezeichnete. In ihm lernte ich einen angenehmen Mann kennen. Die Rede für die lettischen Lehrer wurde auf später verlegt. Um 3 aß ich im Hotel ruhig, aber recht schlecht, schlief ein bißchen u. beschäftigte mich dann trotz der
[3]
| wunderbaren Herbstsonne, die an die Düne lockte, mit meiner Rede über "die geistige Lage u. die Psychologie". Daß diese den dort wirksamen Ton nicht traf, habe ich Dir schon geschrieben. In Riga hat niemand darüber ein Wort pro oder contra gesagt. In Reval behauptete Direktor Blosfeld, nur Günstiges darüber gehört zu haben. Es waren 250–300 Hörer anwesend, darunter viele Dozenten des Herderinstituts und einige Letten. Nach der Rede war für mich ein Rout bei Dr. Klumberg. Etwa 30 Herren waren geladen. Prof. Sokolowski, der 1. Vors. d. Herderinstituts, für den ich von Harnack Grüße hatte, erfuhr erst bei dieser Gelegenheit, daß ich schon gesprochen hätte. Im einzelnen sprach ich länger mit Oberpastor Keller (Chef des Deutschen Schulwesens), v. Samson, Vorsitz. d. Deutschen Elternbundes, dem Agrartheoretiker Tobien. Auch der Gesandte war da. Um 12¼ verabschiedete ich mich u. kam um 1 zur Ruhe.
Am Sonnabend (25.X.) fuhr ich in die Deutsche Schule, besichtigte die Räume u. hörte eine Tassostunde in einer Mädchenklasse bei dem lieben Magister v. Schrenck (Freund v. Harnack) und einem jungen Historiker. Dann ging ich an die Düna u. fuhr mit dem Dampfer hinüber u. zurück. Nachdem ich 5 als Sehenswürdigkeiten im Glaskasten verstaute Zigarren glücklich erstanden hatte, fand ich mich um 2
[4]
| beim Minister Köster ein; an dem Frühstück nahmen außer der Gattin u. den Attachés Dange u. der Philosoph des Herderinstitutes Starenhagen teil. Nach Tisch kam ich mit den Diplomaten in eine interessante u. lehrreiche Diskussion über die politischen Aufgaben der Deutschbalten, deren Inhalt hier nicht wiedergegeben werden kann; im ganzen fand ich mich mehr mitdem Gesandten als mit dem Herderinstitut einig. – Ich hätte nun Zeit gehabt, meine Schülerin Else Mitrewitz zu besuchen, die ihrer maßlosen Schwärmerei für mich durch einen Rosenkorb u. einen Notizblock mit Silberplatte ("Dem Meister der Rede") bei dem öffentl. Vortrag Ausdruck gegeben hatte, zu besuchen, konnte aber ihre Wohnung durchaus nicht ergründen. So ruhte ich mich etwas aus, bis mich gegen 9 Uhr Klumberg u. Starenhagen zu einem Studentenabend der ehemals Dorpater Corps Livonia u. Curonia, sowie der Rigensis abholten. In einem eigenartigen ländlichen Gebäude der Vorstadt zechten wir, von dickem Rauch umgeben. Ich sprach hauptsächlich u. sehr angeregt mit Sokolowski. Nach 1 kam ich heim. Um 7 stand ich auf und packte m. Koffer.
Sonntag 8 Uhr 20 fuhr ich mit einem behäbigen Lehrer der Deutschen Schule Dr. Klein in 3stündiger Reise nach Ligate in der Rigaischen Schweiz. (Landschaft wie in der Märkischen Schweiz.) Unterwegs erzählte
[5]
| er mir s. Erlebnisse mit den Bolschewiki, vor denen er aus Petersburg geflohen war. Es war dies die erste der tragischen Geschichten, die ich seitdem in mannigfachen Variationen immer wieder gehört habe. "Ein Wagen wird Sie von der Bahn abholen", hatte Direktor Gurland gesagt. Ich sollte nämlich an einer Freizeit seiner Eliteschüler in Ligate teilnehmen. Häuser sah ich nicht; wohl aber einen unsagbaren schlampampigen Morast. In diesem stand ein Vehikel, bestehend aus einem langen Brett mit etwas Überzug. Auf diesem Brett mußte ich im Reitsitz Platz nehmen; hinter mir Dr. Klein. Eine am Bhf versammelte Ehreneskorte hatte das Glück laufen zu dürfen. Wir aber waren, ohne daß der drohende Regen über uns kam, nach einer Stunde Fahrt über Land vor der großen Papierfabrik Ligate u. wurden im schön gelegenen Herrenhause empfangen. Die Personalien blieben mir anfangs ziemlich dunkel. Eine ältere deutsche Frau übergab mich einer lieben jungen Frau als meiner Wirtin. Dann holte mich ein Primaner auf verwickeltem Weg eine Stunde weit zum Krug, wo Gurland mit s. Kollegium und ca 50 Schülern über den rechten Geist der Schulgemeinschaft debattierte. Ich hörte nur noch ¼ Stunde zu, hatte aber gleich heraus wo der Fehler saß. Gemeinsames Mittagessen
[6]
| unter Vorsitz der Freizeitmutter Frl. v. Tiling folgte (ihre Schwester ist preuß. Landtagsabgeordnete, mir wohlbekannt, fast ein Duplikat.) Ich war zwischen eine Schülerin u. einen Schüler gesetzt. Nach Schluß des Essens hieß es: jetzt kann jeder gehen, wohin er will. Punkt ½ 4 versammeln wir uns wieder zum Vortrag von Prof. Spranger. Ich zündete eine Zigarre an, eilte auf die Höhen, betrachtete die ländlichen Siedlungen der Fabrikarbeiter (Henry Ford!), ging über Täler u. Pässe. Auf einer freien Höhe sah ich junge Siedlungen, hörte deutsche Volkslieder singen, ja sogar eine ferne Musikkapelle. Mit m. Gedanken beschäftigt kehrte ich um u. verlief mich – hoffnungslos. Gottlob fragte ich zur rechten Zeit u. fand auch bisweilen Deutschsprechende. Atemlos in Jagd kam ich mit 20 Min. Verspätung an u. redete in Gegenwart der Schüler u. Ortshonoratioren über den Geist der Deutschen Jugendbewegung u. das Führerproblem. Nach einer Kaffeepause folgte eine lebhafte Debatte, die aber überwiegend starren Konservatismus zeigte. Die Strömungen der Deutschen Jugend sind dort noch fast garnicht hingekommen. Doch erzeugte mein Bericht eine Bewegung, die Tagelang tief nachgezittert haben soll. Nach dem gemeinsamen Essen
[7]
| Abendlieder der jungen Leute u. ein feinsinnig religiös zusammenfassender Rückblick auf den Tag von der sympathischen Gesanglehrerin Frl. Sießler. Um ½ 10 versammelten sich einige der Lehrkräfte im Direktorhause bei Tee. Um ½ 12 wurde ich von der Marterdroschke abgeholt u. fuhr in die Stadt hinein, in einer Stellung, daß ich dachte, die Kniee müßten mir brechen.
Um ½ 1 zeigte sich mit 3 feurigen Augen der Schnellzug von Ligate [über der Zeile] Riga auf der Station. Ligate. Ich hatte eine Schlafwagen karte II. Kl; fand mein Bett noch frei, weil es Nr. 13 trug. Geschwätz eines Sowjetjuden, Zollrevisionen in Walk und nicht zuletzt die alte Wahrheit, daß ein frisch gewaschener Sünder angenehmer ist als 2 Juden mit Schweißfüßen beeinträchtigte meine Ruhe. Doch schlief ich in voller Kleidung etwa von 3–8 u. merkte nichts von der Durchfahrt in Dorpat.
Gegen ½ 11 liefen wir in Reval ein. Anfangs sah ich niemanden. Schließlich kam mit meinem Leipziger Schüler Dr. Hermann (jetzt Lehrer an der Domschule) der Direktor Blosfeld, eine hohe vornehme Erscheinung.
[8]
| Er lud mich in ein ganz europäisches Auto u. fuhr mich kreuz u. quer durch die Stadt, bei scharfer Luft, auch an das Schloß u. den Park Katharinental, zuletzt auf eine Anhöhe (Glindformation) unmittelbar über der Ostsee mit Fernblick über die Stadt. Dieser schnellen Fahrt schreibe ich es zu, daß ich mich 2 Tage lang in der Stadt überhaupt nicht zu orientieren vermochte. Da ich durchaus Privatlogis abgelehnt hatte, quartierte er mich bei einem deutschen Arzt (Dr. Hirsch, nicht Juden) in dessen Parksanatorium am Rande von Katharinenthal ein. Mein Zimmer war wunderhübsch. Der Ton im Hause angenehm; aber ich saß nun doch – zum Essen – an einer Table d'hote schweigsamer Neurotiker. Nach Tisch schlief ich ein wenig. Um ½ 4 holte mich Dr. Blosfeld ab, fuhr mit der Dampfbahn, die ich nun regelmäßig benutzen mußte, in die Stadt u. zeigte mir noch Türme, Höfe, Häuser, Winkel dieser romantischen u. doch im Aufbau deutschen Hansestadt. Gegen 5 führte er mich in seine auf dem Schloßberg (Dom genannt) in einem Turm gelegene Wohnung, wo ich im Kreise s. Familie sehr gemütlich Kaffee trank u. in s. Schwägerin Frau Dr. Schilling einen
[9]
| höchst sympathischen Menschen kennen lernte. Zum Abendessen war ich zu Hause und konnte – freilich ganz trocken – den Abend zum Durchdenken meiner Vorträge benutzen.
Am Dienstag früh meldete ich mich auf der Polizei, fuhr zum Deutschen Gesandten, der verreist war u. vom Legationsrat Dittmar vertreten wurde. Dieser hat meinen Vorträgen am 1. Nachm. beigewohnt. Von dort ging ich zum estnischen Bildungsminister Rahamägi; auch hier stellte ich fest, daß die Fremdstämmigen m. Schriften mindestens so gut kennen wie die Deutschen. Er lud mich zum Besuch der Revaler Kunstschule am nächsten Tag ein. Bei dem Haupt der deutschen "Gesellschaft", Buchhändler Ströhm, gab ich m. Karten ab, da ich für den folgenden Tag zu Mittag geladen war.
Abends um 6 begann die erste Sitzung mit Berichten über deutsches Schulwesen in Estland u. Lettland. Besichtigung des Schwarzhäupterhauses, in dem unsre Tagungen stattfanden, mit ältesten Erinnerungen aus der Zeit Peters des Großen, Karl des XII u.s.w. Dann ein geselliger Abend, leider nur mit Tee u. Musik. Ich empfahl mich früh, kam dann aber über Bier u. Schnaps noch in eine Lehrergesellschaft (NB. es war ca 300 Lehrer u. Lehrerinnen, darunter 90 aus Lettland) u. war einer der letzten, der das Haus verließ. Meinen Droschkenkutscher hatte ich in Verdacht,
[10]
| daß er mich falsch führe. Er brachte mich aber um ½ 1 ans Ziel, u. der Nachtwächter half mir hinein.
Mittwoch war der anstrengendste Tag: 9 – ½ Sitzung. Um 12 mit dem Minister u. einem Bildungsrat per Staatsauto in die Kunstschule. Besichtigung bis um ½ 2. Um 2 bei Herrn Ströhm zum Diner. Auf eine huldigende Ansprache antwortete ich mit, wie mir schien, wohl geglückter Danksagung. Nach dem Kaffee Aufbruch. In 1 Kaffee kurze Sammlung. Von 5–7 mit Pause mein Festvortrag über Verlauf u. Sinn der Deutschen Jugendbewegung, der auch der Minister beiwohnte; außerdem die Spitzen der deutschen Gesellschaft u. viel esthnische Lehrer – vielleicht 450–500 Menschen. Wirkung war fühlbar gut u. nachhaltig. Mit Verspätung kam ich um 8.20 ins Sanatorium Hirsch, dessen Besitzer mir ein Abendessen gab. Stille liebe Frau mit 2 guten Schwestern "Luther" – Verwandte des Reformators, Blosfeld u. Frau, mein guter Gesinnungsgenosse Baron von Engelhardt (der bedeutendste Geist des Kreises) u. Direktor der Irrenanstalt Ernst v. Kügelgen, der mit m. Freunde Constantin unglaubliche Ähnlichkeit hatte, obwohl er wie sein Onkel Prof. Zoege Manteuffel über Constantin sehr negativ urteilten. Ernst v. Kügelgen hat mir am letzten Abend gute herzliche
[11]
| u. tiefe Worte gesagt; übrigens hinzugefügt, mein Auge habe ihm fast noch mehr gegeben als mein Wort. Am Schluß des anregenden Abends saß ich noch lange an m. 4 Vorträgen über "Neuere Strömungen der Jugendpsychologie".
Donnerstag 9 – ½ 12 Sitzung. Um 12 mit Frl. Ströhm Besuch des Deutschen Kindergartens. Über Mittag in meinem Parkheim. Von 5–7 die beiden ersten psychol. Vorträge, die sichtbar noch tiefer wirkten u. ein ganz festes Band mit m. Hörerschaft schmiedeten. Den Abend verbrachte ich bei gutem aber teurem Wein mit Dr. Hermann im Goldenen Löwen. Der erzählte manches aus der reichsdeutschen Perspektive gesehen. Nachts wieder Arbeit bis gegen 12.
Freitag 9–11 Sitzung. Inzwischen hatte sich durch Schreiben u. Telegraphieren herausgestellt, daß die neuen Zugverhältnisse v. 1. November an meinen Aufenthalt u. also auch m. Rede in Dorpat unmöglich machten. Von 11–1 hatte ich die temperamentvolle Führung des guten, feinen Barons von Staël-Holstein durch die alten Kirchen u. das Museum, – ungemein lehrreich u. packend.
Um 1 besuchte ich Frau von Nottbeck, die Tante der über mir wohnenden Frau Prof. Franke (verwandt mit Familie v. Niebuhr.). Nach schnellem Essen in kl. Kaffee kurz nach Hause, letzte Vorbereitung. 5–7 letzte, stark
[12]
| gesteigerte Vorträge. Allgemeine Ehrung u. Sympathie. Angenehm war mir besonders auch Baron v. Maydell, Harnacks Vetter. Man sagte mir am selben Abend, daß ich der deutschen Sache bei der dortigen Regierung unmittelbar u. greifbar genützt hatte. Abends verbrachte ich in feinem Restaurant mit Baron v. Engelhardt in Gesprächen über kulturelle Zukunftspläne für Estland. Zu Fuß nach Hause. Bei offenem Fenster schrieb ich bis nach 12 Uhr nachts ein Dutzend Ansichtskarten.
Sonnabend gegen 10 ging ich mit der Familie Hirsch in den schönen Park Katharinental (St. Kathrin selbst im Reiche Peters des Großen) mit wunderbaren Buchen, Strandfernsichten etc. In der kurzen Schlußsitzung um 12 sagte der gute Blosfeld, der zwar gar kein Redner, aber ein ganzer braver Mann von goldenem Herzen ist, noch liebe Dankesworte. Honorar für m. Vorträge lehnte ich ab. Auf die Kunde, daß es mir an den dort sehr seltenen Zigarren mangelte, waren mir nicht weniger als 3 Kisten zur Verfügung gestellt worden. Zwischen 1 und ½ 3 fuhr mich Blosfeld im Auto mit 2 Herren an das malerische Kloster Brigitten (am Strande – Ruine), in eine hübsche Landhauskolonie am Fluß u. Wald und in den Hafen. Ein kurzes Mittagessen. Dann heim zum Packen. Um 6 ging der Zug. Die 90 Lettländer waren drin. Ein deutsches Lied zum Abschied. Von 6–11, d. h. bis Dorpat,
[13]
| anregende, aber auch ermüdende Gespräche mit Baron v. Engelhardt. Dann konnte ich mich lang legen, natürlich in den Kleidern, u. etwa 4 Stunden schlafen. Um 7 waren wir in Riga. Direktor Gurland u. Unverhau gaben mir das Geleit an den Dzug nach Eydtkuhnen. In ihm saß ich von 8 bis abends um 8. Bis Rowno hatte ich Gesellschaft vom Direktor der dortigen Deutschen Schule. Nach der Zollrevision, bei der ich einen ganzen Koffer voll Fressalien u. Chokolade verbergen mußte (Liebesgabe) noch 1½ Stunden bis Insterburg. Dort über Nacht. Dann am Montag früh 7.50 Abfahrt u. in glatter Fahrt bis 7.38 Charlottenburg, wo mich Susanne empfing, der ich dann noch das Wichtigste erzählte.
Ein lieber Brief von Felizitas begleitete mich nach Deutschland hinein. Erinnere mich, daß ich Dir ihre Briefe schicke.
Gestern erledigte ich die aufallend maßvolle Post u. machte 2 Stunden Vorlesung für heute. Nach der Vorlesung vor 4–500 Leuten kurze Mittagspause. Von 3–6 Sprechstunde mit ca 90 Leuten. Von 6–9 Senat. Nun habe ich dies noch geschrieben u. sage Dir herzlich gute Nacht. Die eigentlich ideellen, politischen u. pädagogischen Probleme konnte ich nicht berühren. Genug: meine Reise hat der Sache gedient u. mich in jeder Hinsicht berührt. Dein Eduard.