Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16./19./20. November 1924 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 16. Nov. 1924.
Mein innig Geliebtes!
Es ist eben 11, und nach vielen langen Nächten muß ich heut mal wieder etwas früher schlafen gehen. Deshalb kein Brief, sondern nur – eine Karte im Umschlag. Stichwortartig.
Goldbeck, mit dem ich vorgestern bis 12 bei 1 Flasche Rotwein saß (jeder hatte für das Getränk 20 M zu zahlen!) sagte mir, man dürfe ja nicht des Morgens, solange noch die Blutfülle in den Augen andaure, mikroskopieren. Hast Du Diese Regel immer beachtet und beachten können? Was G. selbst betrifft, so war er geistvoll, aber es blieb in mir eine tiefe Depression nach diesem Gespräch, das alles und alles aus der Sexualpsychologie herausholte.
Zum Faust gibt es einen guten Kommentar in 2 Bändchen von Witkowski, Hesse u. Becker Verlag in Leipzig. Diese Art lesen hat aber wenig Sinn u. bietet kaum Genuß. Die klass. Walpurgisnacht kann man überschlagen. Das Nötigste bietet das Konversationslexikon, und nur in der Helenentragödie bleiben vielleicht dunkle Partien, die das Verstehen des Ganzen hindern.
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Riehl fand ich gestern, im Gegensatz zu vor 8 Tagen, schlecht. Es ist etwas an der Lunge. Er wird bestrahlt. Während mich aber vor 8 Tagen sein fabelhaftes Gedächtnis in Staunen setzte (als ich von Reval sprach, sagte er plötzlich unvermittelt: Kiek in de Kök – Name eines Turmes in Reval, wo er 1917 war!) bestand diesmal eine gewisse Trübung des Bewußtseins mit den eigentümlichen Zeitverschiebungen, die im höchsten Alter aufzutreten pflegen.
Die Vorlesung u. Übungen sind im Gange, z. T. nur zu sehr besetzt. Aber ich bemerke zweierlei: 1) daß mir z. Z. das Lehren keine Freude macht 2) daß die Studenten dieses Semesters seltsam stumpf sind. Schon menschlich finde ich nicht zu ihnen hin.
15.I – 17.I   3 Gastvorlesungen an der Univ. München. 23.XI Vortrag im Verein f. d. Deutschtum im Auslande: Erziehung zum Volksbewußtsein. – Die Erträge von Reval verarbeiten sich in mir zu ungewöhnlich großen Perspektiven. Ich sehe, daß ich früher u. öfter ins Ausland gesollt hätte. Auf Grund eines rührenden Briefes der Rer Gesandtschaft soll ich am Dienstag im Auswärtigen Amt Bericht erstatten.
In einer Diskussion am Mittwoch habe ich unter großem Beifall gegen die Schulreform gesprochen. Leider waren die Anwesenden alle mieße Oberlehrer fossilsten Charakters.

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19.11.24.
Fortsetzung nach nur allzu langer Pause. Ich habe am Montag die „Übungen“ mit 130 Damen eröffnet; natürlich eine Unmöglichkeit. Deshalb habe ich erklärt, daß ich nur 3 Vorträge über Fichte halten würde. Vorher war ich mit Susannes Bruder u. seiner jungen (19. jähr.) Frau bei S. zusammen. Er ist auf der Hochzeitsreise; die 1. Frau ist erst im Frühjahr gestorben. Da er in der Politik der Deutschen im nunmehr litauischen Memelgebiet eine führende Rolle spielt, so würde ich eigentümlich genug wieder in diese Ostfragen hineingeführt, wie ich schon 1919 bei den unseligen "Friedensverhandlungen" durch Zufall in die Kommission für Ostfragen kam.
Heut war ich bei Dora Thümmel, die eigentlich zu mir kommen sollte, aber durch Krankheit verhindert war. Es sind Verdauungsstörungen, aber die Symptome könnten auch auf Niere hindeuten, und ich bekenne unter uns, daß ich nicht ohne schwere Sorge bin.
Hast Du nicht noch ein Bildchen vom Hochberg für Frankes? Mit der persönlichen Unterschrift kann ich meines nicht gut zeigen.
Gestern hatte ich "Instruktionsstunde" bei 2 Admirälen für den Verein für das Deutschtum im Auslande. Die "Struktur" der Herren war so furchtbar durchsichtig, d. h. wohlmeinend unerfahren.
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| Wir kehren die Situation vielleicht einmal um. Die Freude an dem Vortrag aber ist im voraus getrübt.
Ich möchte Dir den Vorschlag machen, daß Du allmählich wieder anfängst, ganz kleine Beträge zurückzulegen. Von Zeit zu Zeit schicke ich Kleinigkeiten. Im Falle meines frühzeitigen Abganges erbst Du freilich eine große Bibliothek und ein ganz kleines Kapital. Es ist aber gut, wenn Du auch selbst ein wenig sammelst, und wäre es zunächst nur monatlich 20 M.
An Eurer Verjudung habe ich natürlich keine Freude. Aber non olet. Hoffentlich findet Ihr bald andre Leit.
Kerschensteiners Frau ist noch in Garmisch schwer erkrankt u. bis heut im Krankenhaus. Ebenso ist der Koll. Noack seit seiner Rückkehr aus Partenkirchen bettlägerig.
Das Zusammensein mit Susanne habe ich etwas eingeschränkt. Sie hört diesmal nur eine Vorlesung (Mittwoch.) Freie Zeit ist wenig. Durch diese Carenz wächst sie ganz allmählich ein bißchen, obwohl es ihr sehr sauer wird. Was ist Dora Thümmel für ein tiefer Mensch geworden!
Ich kann heute auf gewisse Erweiterungen meines Horizontes noch nicht eingehen. Aber Reval hat mir viel genützt, so daß ich für das Frühjahr wieder ins Ausland strebe. – Erwähnen will ich nur noch, daß unter den Hörerinnen Frau Lasch war, von Frl. Friedberg ohne Hohn 3mal verleugnet. Sie hat die Stelle nicht bekommen. Für heut einen – immer noch vorzeitigen – Schluß u. innigste Grüße Dein Eduard.
[re. Rand] Durch einen "Zufall" haben wir mein Deckbett u. m. Roßhaarkissen wieder entdeckt. Frl. W. sancta simplicitas.

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<Zettel, der vermutlich diesem Brief beigelegt wurde>
Die neusten Nachrichten über Riehl lauten sehr ungünstig.
20.XI.