Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5./6. Dezember 1924 (Wilmersdorf/Hohenzollerndamm 39)


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Wilmersdorf, Hohenzollerndamm 39
den 5. Dezember 1924.
Mein innig Geliebtes!
Ich schrieb vor einigen Stunden an Dich wegen der Wahl. Da ich jetzt Deinen Brief vom 1. Dezember wieder vor mir habe, kann ich mir nicht denken, daß Du nach Frankfurt gefahren bist, und schreibe daher nach Heidelberg.
Am Freitag, den 21. November, noch ehe ich aufgestanden war, wurde von Neubabelsberg an mich telephoniert. Ich rief nicht erst wieder an, sondern fuhr sofort hinaus, in der stillen Hoffnung, Riehl vielleicht noch lebend anzutreffen. Bei der Ankunft sagten mir die geschlossenen Fensterläden, daß der Tod eingetreten wäre. Er war um 3 Uhr nachts gestorben. Beim Betreten des Sterbezimmers fand ich ihn mit Blumen und Tannenzweigen geschmückt, völlig angezogen auf seinem Bett. Seine Züge waren edel und schön, aber tiefernst.
Mutter Sofie, die nicht nur diese schwere Nacht gewacht hatte, war tapfer und stark. Wir berieten die Anzeige, verhandelten mit der Vertreterin des Beerdi
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|gungsinstitutes; der Arzt kam. Hans Heyse war selbst elend und krank. Lore noch nicht da. Adelheid immer gleich in ihrer Schönheit und Größe. Um 5 mußte ich in der Stadt meine Übungen halten, die ich mit einem Nachruf auf Riehl begann.
Am Sonnabend gleich nach 3 war ich wieder draußen. Frau Riehl sprach den Wunsch aus, daß ich am Sarge für die Fakultät spräche; auch sollte ich allein den Pastor Schweizer in Potsdam für seine Rede vorbereiten. Die Adressen vom 80. Geburtstag brachte ich mit. Um 10 kam ich heim und machte die Rede für den Verein für das Deutschtum.
So schlecht ich vorbereitet war, so ungeheuer wirkte, was ich sagte. Der Vorsitzende, Ex. Admiral v. Hintze, gab mir dann das Muster einer Lügenrede, indem er 7 mal die Vorzüge des Herrn Geheimrats Professor Dr. Spranger erwähnte. Zu einer Diskussion kam es nicht. Frau Rabl erschien, nichtssagend, und außerdem ein komisches Wesen, von dem ich nicht hoffen will, daß ich richtig gehört habe, wenn ich verstand: Frl. Virchow. "Natürlich" soll die Rede gedruckt werden, als ob man eine echte Rede drucken
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| könnte.
Um 4 war ich schon in Potsdam beim Pastor und erzählte ihm eine Stunde lang, so gut ich konnte. Am nächsten Morgen störte mich mancherlei Besuch, auf der Fahrt der unselige Birkemeier. Frau Riehl war wortlos, jenseitig, am Rand ihrer Kräfte.
In der kleinen Kapelle von Glienicke hatte sich nur ein kleiner Kreis von Freunden u. Kollegen zusammengefunden. Vor 2¼ Jahren feierten wir dort Hochzeit. Ich kam im Wagen mit den Angehörigen. Der Geistliche sprach ein wenig befangen, aber gut und sehr taktvoll. Dann sprach ich im Namen der Fakultät, zuletzt im ganz persönlichen. Auf mich folgte Wenke, der der Situation nicht gewachsen war und ziemlich versagte. Wir folgten dem Sarg nach dem alten, poetischen Friedhof; unmittelbar nach der Versenkung in die Gruft verließen die Angehörigen den Kirchhof. Nur der liebe Pompeckj, der den erkrankten Rektor und den verreisten Dekan vertrat, konnte im Wagenschlag noch kondolieren.
Es war ein Tag von einem seltenen Licht und
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| einer herbstlichen Farbfülle, die man nie vergißt.
In der Dämmerung ging ich dann allein im Garten hin und her, wo wir so oft philosophiert haben. Lore kam und legte ihren Arm in meinen. Sie ist in ihren kindlichen Heitersinnträumen ein liebliches Bild auf dem ernsten Hintergrund. – Auch Adelheid kam allein zu mir hinaus und küßte mir die Hand. Sie ist seine Erbin. Am tiefsten freute mich, daß Frau Riehl von den Eindrücken des Tages dankbar beglückt war. Die Rede des Pastors hatte sie befriedigt.
Wir saßen beim Essen heiter mit Lina Felicetti, der Adoptivnichte des verstorbenen Innsbrucker Bruders. Zuletzt besuchte ich Frau Riehl oben in ihrem Zimmer. Das war das Ende der Trauerfeier.
Am letzten Sonntag war ich wieder bei Frau Riehl. Sie hatte Fieber u. war sehr erkältet. Jetzt scheint es besser zu gehen. Aber wie will sie leben? Er war ja doch das Licht im Hause.
Ich habe meine Rede niedergeschrieben. Aber sie sagt wenig. Denn der Ton fehlt. Der Eindruck war tief. Aber sie blieb hinter dem, dem sie galt.
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Die Arbeit geht ihren gewohnten Gang. Ich kann nicht trauern. Alles was Riehl war, ist in mir. Ich habe ihn ganz nah. Seine Gegenwart ist mir nur erhöht.
Die Briefe und persönlichen Äußerungen an die Familie und mich sind seiner würdig. Nur Rickert habe ich eben etwas kühl geschrieben. Er ist dem Manne, über den er geschrieben hat, nicht kommensurabel.
Die wirtschaftliche Frage wird ernste Schwierigkeiten bringen. Übermorgen fahre ich wieder hinaus. Hans Heyse war die ganze Zeit krank und inaktiv. Eben hat er eine neue Habilitationsarbeit eingereicht. Der II. Band des Kritizismus ist im Druck. Vermutlich werde ich ihn herausgeben.
Ich lese, daß Braus gestorben ist. – Warum ein Professor in Charlottenburg Kühne sein soll (der nicht Professor ist) sehe ich nicht ein. Seit Sigmaringen habe ich ihn nicht gesehen. Von dem blutigen Kommunistenputsch in Reval hast Du gelesen. Ich erhielt eine Anzahl schöner Bilder und ein Sammelheft der Berichte über den Lehrertag. Noch habe ich nicht gedankt.
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| Die sog. Ferien beginnen am 19., die Vorlesungen fangen am 6.I. wieder an. Ich habe überlegt, ob ich in den Ferien nach Heidelberg kommen sollte. Aber vom heutigen Abend muß ich bei Riehls sein. Dann kommt sehr bald (am 14.I.) die weite Fahrt nach München. Wenn Du herkämest, würden wir wenig von einander haben. Denn abgesehen von den vielen Arbeitspflichten: ich muß ein wenig auch, wenn ich nicht ganz vereinsamen soll, meine hiesigen Beziehungen pflegen. Es ist besser, wenn wir im März in Heidelberg oder anderswo zusammen sind. Ein zerstreutes gehetztes Zusammensein ist nie gut gewesen. Alle meine Schriften: Lebensformen, Jugendpsychologie (bis jetzt 12'tausend gedruckt), Kultur- und Erziehung, Gegenwärtiger Stand der Geisteswiss., erfordern Anfang 1925 eine neue Auflage. Wann ich die machen soll?? Vielleicht fahre ich auf 1 Tag nach Leipzig. Das ist nach beinahe 5 Jahren auch notwendig.
Für heute breche ich ab. Ich war den ganzen Tag in der Stadt. Gute Nacht. Dein Eduard.

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6.12.24.
Es wird heut nicht mehr viel werden. Ich habe in Heyses Habilitationsarbeit angestrengt gelesen. Rein spekulativ; liest sich qualvoll. Man braucht Wochen dazu.
Montag Abend war ich bei Harnacks. Ich erzählte ihm aus seiner Heimat. Wir waren sehr lebhaft. Aber er wird rapide alt.
Mein Befinden was bisher durchaus gut. Das Aussehen ist freilich schon wieder recht mäßig, und die unablässig wachsende Beanspruchung bringt einen in kurzer Zeit herunter. Nicht nur das Befinden, auch die Wissenschaft leidet darunter.
Die Revaler haben mir mitgeteilt, daß 2 Wochen nach dem Lehrertage die Domschule vom Minister revidiert worden ist und unerbeten die Rechte einer öffentlichen Schule erhalten hat. Daran ist mein paritätisches Auftreten auch ein bißchen mit schuld. Mit dem Auswärtigen Amt verhandle ich über die Begründung eines Jahrbuchs für ausländisches Schulwesen. Quelle nimmt sich der Sache mit Energie an. Meine Beziehungen zum Ministerium sind gleich fern u. kühl. Von der Wahl ist kaum eine Änderung zu erwarten.
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Was hörst Du von Inge? Das Bild ist sehr niedlich. Die Briefe von Felizitas habe ich gelesen. Meine waren leider sehr unvollständig, den wichtigsten konnte ich nicht finden, einen anderen habe ich liegen lassen. Daß sie die Liesel grüßen läßt, ist nicht nur süddeutsch; sie fand da gewiß auch etwas, was sie mehr ihrer eignen Späre verwandt fühlt. Aber ihre Briefe an mich zeigen eine riesige Entwicklung. Und Heidelberg spielt dabei vielleicht noch eine größere Rolle als Genf.
Heut in 8 Tagen ist wieder die entsetzliche "Erziehungswissenschaftliche Hauptstelle des deutschen Lehrervereins." Ich habe einen Vortrag übernehmen müssen. Überhaupt: bis zum 22. ist kein Nachmittag mehr unbesetzt.
Daß ich Frau Lasch in einem meiner Montagsvorträge traf, schrieb ich wohl schon.
Jetzt aber Schluß für heute. Ich grüße Dich innigst und bleibe in alter Liebe
Dein
Eduard.