Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21./22. Dezember 1924 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 21. Dezember 1924.
spät
Mein innig Geliebtes!
Wenn diese Zeilen auch wohl noch vor dem Heiligen Abend bei Dir eintreffen, so wollen sie Dir doch vor allem sagen, daß ich in den Tiefen meiner Seele das Fest, das wir zusammen seltsamer Weise noch nie begangen haben, gemeinsam mit Dir feiern werde und daß ich Deiner Nähe dann wie immer gewiß bin. Ich hoffe noch zu erfahren, ob Ihr in Ludwigshafen seid. Im ganzen ist man ja froh, wenn man sich an diesen Tagen irgendwie "angebracht" hat. Die Wünsche, die man im tiefsten hat, liegen wohl jenseits der Erfüllung, und man ist unkindlich genug, dies auch längst eingesehen zu haben. Dir habe ich diesmal eine recht phantasielose Gabe überreicht, jedoch in der Hoffnung, von dem, was Du darin liest, später zu lernen, auf gemeinsamen Fahrten. Ich muß übrigens, um dich nicht hinters Licht zu führen, noch dazu bekennen, daß Du diesmal buchstäblich nur meine "abgelegten Sachen“ bekommen hast. Denn
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| ich besaß diese Bände doppelt. Aber deshalb ist dies kleine Geschenk nun auch doppelt "von mir". Etwas "Eignes" im besseren Sinne ist im Moment nicht fertig, kommt aber bald nach.
Ich muß Dir leider bekennen, daß ich diese Weihnachten unter einem unsäglichen schweren Druck begehe. Vielleicht sollten die positiven Tatsachen auf der guten Seite nicht so vergessen werden, wie ich sie gerade heut vergessen habe. Es ist gewiß viel zum Freuen da. Die Nachricht, die ich Dir durch eine Visitenkarte gab, ist vorläufig vertraulich. Es fehlt noch die Bestätigung durch die Regierung. Aber beide Klassen haben abgestimmt, und bei den zahlreichen persönlichen Gratulationen, die ich am Donnerstag von den Akademiemitgliedern erhielt, sagte mir einer, er könne sich nicht erinnern, daß eine Wahl gleichermaßen ohne die mindeste Schwierigkeit verlaufen sei. Heinrich Maier verdient dafür wohl einen besonderen Dank. Es ist der Sitz von Troeltsch, also ein neubegründeter oder disponibler, keiner von den altehrwürdigen. Ich muß übrigens mal forschen, ob mein Universitätslehrstuhl der von Fichte und Hegel oder der andere ist. Nimm hinzu, daß heut Niemeyer schrieb, er müsse im Januar 6000 Exemplare Lebensformen
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| drucken, daß "der gegenwärtige Stand", daß "Kultur u. Erziehung", daß wohl auch die "Jpsychologie" neu gedruckt werden müssen. So siehst Du meinen literarischen Erfolg, meine zu erwartenden Einnahmen, meine Last an bloß reproduktiver Arbeit für die nächste Zeit. Die "Pestalozziausgabe" scheint von seiten des Verlags gesichert, ich habe aber an die Schweizer einen ultimativen Brief geschrieben, weil der Kantönligeist von dort mir Steine in den Weg rollt. Endlich ist auch die neue Zeitschrift im Werden. In dieser Angelegenheit waren heut vor 8 Tagen Quelle, Litt, Fischer und Flitner bei mir zum Kaffee. Die Herren saßen dann auf den am Tage vorher eingetroffenen neuen Polstermöbeln, die in der Form sehr schön, in der Farbe des Bezuges nicht mein Geschmack sind, die ich aber für den Spottpreis von 480 M mal genommen habe, da ich sie ja immer neu beziehen lassen kann. So baue ich die Wohnung allmählich aus.
Auf der negativen Seite ist zu buchen, daß ich mich seit 8 Tagen nicht gut fühle. Ob eine im doppelten Sinne "kalte" Sitzung im DLV in dem Saal des Ministeriums daran schuld ist, bezweifle ich. Es ist jedenfalls merkliche Neigung zum Schulterrheumatismus, zunächst links, da, und einige
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| Tage hatte ich überhaupt das Gefühl, als ob schädliche Stoffe im Blut wären. Das Ganze macht mehr den Eindruck einer Nervenentzündlichkeit als einer Erkältung. Wenig gut für die maßlose Last von Arbeit, die gerade diese „Ferien“ bringen.
Zur negativen Seite gehört auch, daß die durch mein Privatissimum mühsam erarbeitete Seminarkasse von 607 M, die der gut(mütig)e (-) Wenke im Tischkasten aufgehoben hat, einem der täglichen Diebstähle zum Opfer gefallen ist, und daß der Herr Universitätsrat weder aktiv noch intelligent genug scheint, um die mir einigermaßen durchsichtige Sache aufzudecken.
Aber nun der Hauptknoten, den ich ja nur in den Hauptlinien schildern kann: die neue Habilitationsarbeit von Hans Heyse ist - verglichen mit der ersten - fast noch schlimmer. Sie ist das völlig unlesbare, ungenießbare Opus eines nur mit seinen eignen, unkontrollierten Gedanken Umgang pflegenden Sonderlings. Mehr als 20 Seiten dieser Abhandlung konnte ich am Tage nicht lesen, ohne entweder einzuschlafen oder in Wut zu geraten. Lange habe ich gewürgt. Am Freitag schrieb ich ihm einen Brief, der die klare Wahrheit enthielt u. ihm sagte, daß ich an einen positiven Ausgang nicht glauben könnte
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| und ihm riete, seinen Erwerb bald wieder aufzunehmen. Diesen Brief hat durch einen Zufall (?) nicht er, sondern Frau Riehl geöffnet. Sie telephonierte 10 Minuten später an, u. schon ihre Stimme verriet ihre schwere Herzaffektion. Heut Nachm. war ich nun draußen, nachdem ich, ohne Stimmung, mit Susanne das 3 Stunden lange Weihnachtsoratorium anfangs genossen, dann ausgedauert hatte. Die Unterredung war frei von jeder Nuance des Mißtrauens auf beiden Seiten, durchaus sachlich und besonnen. Aber sie enthüllte die ganze Tragik der Situation schon mit den ersten Worten: Sie stehe vor deer schweren Aussicht, wenn sich die Angelegenheit so vollende, "auf mich verzichten zu müssen." Da Frau Riehl gleichzeitig hinzufügte: außer mir habe sie keine Stütze, sie stehe in diesem Hause mit diesem nervös schwer belasteten, unkräftigen Menschen allein, so kannst Du Dir meine Ratlosigkeit denken.
Der Brief war im vollen Einverständnis mit Maier geschrieben, der ihn eine "Mannestat" nannte. Frau Riehl weiß und sagt, daß mein Urteil sachlich durchaus zutrifft. Selbst Lore ist mit meiner Beurteilung von Hans einig. Aber, das muß ja jeder sehen: Hans und Adelheid würden den Mißerfolg eben mir zuschieben,
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| wie sie schon den ersten (mit Unrecht) mir zugeschoben haben. Übrigens erzählte Lore, Vater Riehl habe die 1. Arbeit unbedingt gelobt und zu ihrer Einreichung geraten, sei aber dann auf die Seite der Fakultät getreten.
Kernpunkt: Adelheid wie Hans sind nervös so widerstandsunfähig, daß die Ablehnung sie zu freudlosen, verbitterten, das Haus völlig verdüsternden Menschen machen würde. Frau Riehl sagte das alles ohne den mindesten Versuch, auf mich im Sinne einer Revision meines Urteils einzuwirken; sie wünsche nur, daß das Urteil nicht von mir, sondern von Jaeger ausginge, der als bisher nicht belasteter Freunde ein besonderes Vertrauen genieße. Das ist nur kein Ausweg. Denn 1) hat Jaeger für die Sache gar keine Zeit, und 2) heißt es dann, daß ich keinen Mut zur offenen Aussprache gehabt hätte.
Du kannst Dir denken, wie der heutige Abend war, an dem ich Hans und Adelheid nichts merken lassen durfte, obwohl doch alles in meinen Minen stand. Er wartet ja seit dem 5. Tage nach der Einreichung auf eine Antwort, als ob nicht an diesem Tage Riehls Tod all meine freie Zeit beansprucht hätte. Du kannst dir weiter denken, wie dieser Heilige Abend wird, ein
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| förmliches Intrigenspiel aus liebvollen Motiven miteinander. Was soll nun werden? Ich habe beschlossen, die Arbeit sozusagen meinerseits umzuarbeiten. Was das aber bedeutet an Zeitverlust, Stimmungsdruck, Selbstüberwindung, das wirst Du ahnen, wenn Du weißt, daß ich auch ohne diese Aufgabe keine Minute in den Tagen bis zum 10. Januar mehr frei habe. Das ist also das Zeichen, unter dem diesmal Weihnachten für mich steht.
Nun ist ja klar: Hans Heyse ist kein Mann. Die ganze Zeit über hat er neben den Frauen die 4. Rolle gespielt. Er wird nie eine Laufbahn machen. Er ist spekulativer Lyriker. Ich kann diese Geistesart nicht ertragen; darin treffe ich mich mit dem unausgesprochenen Standpunkt von Mutter Sofie, mit dem ausgesprochenen von Lore.
Für heut sage ich Dir gute Nacht. Morgen um ½ 11 kommt ein Amerikaner von der Carnegiestiftung, um 12 Morgner, der bis 5 bleibt; um 6 ist Habilitation von Baumgardt, nach der 3. Arbeit, die ebenso von mir gemacht worden ist, wie die von Heyse gemacht werden soll. Dann Beratung mit Jaeger u. H. Maier. Der - Rest! des Tages gehört - mir.

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Montag früh.
Mein Liebes! Soeben kommt Dein lieber Brief, der mich erfreuen würde, wenn es Dir weniger schlecht ginge. Ein übler Trost, daß wir auch darin wieder einmal übereinstimmen. Hoffentlich kannst Du in den Weihnachtstagen ausruhen und Dich behandeln. Es ist doch zum Zeichnen jetzt zu Dunkel.
Die Rede für Riehl ist Dir zugedacht, kann aber erst kommen, wenn ich sie abgeschrieben habe für Frau Riehl. Ich breche jetzt ab. Wenn ich erst gegen Neujahr wieder schreibe, so sei nicht ungeduldig. Du weißt ja, wie es jetzt hier steht: es ist ein Kampf mit dem - Nichtszubewältigenden.
Viele innige Grüße und tausend gute Wünsche
Dein
Eduard.

Besorge doch für den Vorstand eine Kleinigkeit. Ich schicke gegen 1.I. wieder etwas Geld.
Am 1. werde ich wohl bei Susanne sein, am 2. nach alter Tradition bei D. Th., die wieder - in etwas rätselhafter Weise - krank war u. Urlaub hatte.

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Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften: