Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9./11./12. Januar 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Januar 1924.
Mein liebes Herz, ich kann nicht bis zum Freitag mit dem Schreiben warten, wennschon meine Briefe das Porto nicht wert sind. Aber ich möchte gern ein wenig bei Dir sein. Es quält mich so, daß es Dir so wenig gut geht. Ich träume beinah jede Nacht von Dir, von Schönhausen, von meinem Vater - - u. am Tage grüble ich darüber nach, was man tun könnte, Dir zu helfen. Es ist alle Jahre die schlimmste Zeit von jetzt bis in den Februar. Wenigstens hatt[über der Streichung] ben wir doch heute endlich einmal wieder die Sonne gesehen, das tut dem ganzen Menschen wohl! Könnte ich Dir doch an Deinen Schreibtischplatz alle Tage warmen Sonnenschein zaubern. - Denke Dir, jetzt sind schon 2 Wochen seit Weihnachten vorbei u. es hat noch nie eine ruhige Stunde mir gehört. Seit Sonnabend arbeite ich wieder regelmäßig: ½ 9 Kaffee, - 10 Toilette (mit der gebrochenen Hand!) Von 11-1 bin ich in der Klinik - nach Tisch nochmals 2 Stunden, dann Kaffee u. Arbeit im Hause, eine Besorgung oder ein Besuch u. abends Näherei. - Wenn ich dann abends spät in meinem Zimmer mich zum Schlafen lege, dann liebäugle ich jedesmal mit dem lieben Buch, nehme es in die Hand, u. kann doch bei dem schlechten Licht u. in der Kälte nicht mehr lesen. Die Augen tun weh u. der Kopf ist müde. Jetzt muß ich doch noch viel unten sein; habe das grüne Kleid fast fertig genäht u. Stiefel besohlt. Es ist so schwer, immer mit diesem Alltagskram zu kämpfen u. nicht Herr darüber zu werden. Aber ich gebe doch die Hoffnung nicht auf, in dieser Woche über die Hauptsache fort zu kommen u. dann endlich einmal wieder Mensch zu sein.

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Nun ists doch Freitag geworden, ehe ich wieder schreiben konnte. Jetzt brennt nun ein behagliches Feuer im eisernen Öfchen, u. wenn auch das Thermometer nur 11° zeigt, finde ich es doch herrlich warm! Man hat sich eben eine ganze Reihe von Zwiebelhäuten angewöhnt zur Warmhaltung, da ist man von der Zimmertemperatur unabhängiger. Sehr viel innere Wärme freilich habe ich nicht. Als ich mir vor einigen Tagen eine kleine Handverletzung zuzog, war ich erstaunt über die helle Farbe meines Blutes. Wann wird man sich einmal wieder wirklich durchsonnen lassen?
Wegen eines Schwarzwaldortes mit mildem Klima habe ich bisher noch nichts in Erfahrung gebracht, glaube eigentlich, daß das in größerer Höhenlage kaum zu finden ist. - Wegen der Reichenau werde ich wohl am besten dorthin schreiben. –
Ich arbeite jetzt täglich im gleichen Raum mit einer Schreibmaschine. Das ist an u. für sich kein Genuß. Aber es gibt mir zu denken. Warum kann solch Serologe, der gewiß kein Krösus ist, sich diese Dora Schöll (Tochter des Philologen) als Tippfräulein halten, u. du, mein armer Vielgeplagter, mußt alle gleichgültigste Schreibarbeit allein machen! Es bliebe doch immer noch genug für Dich übrig, wenn du Dir fürs Offizielle eine Hülfe hieltest. Hier muß jedenfalls auch das Institut die Kosten tragen! - Aber Du verstehst nun mal nicht, Deinen persönlichen Vorteil wahrzunehmen. Ich bin ganz traurig, wenn ich höre, wie fleißig da getippt wird, u. es ist ordentlich etwas wie Mißgunst in mir.
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| Sonst ist die Arbeitsstätte sehr viel besser als drüben. Es ist ein großes Fenster, Centralheizung, niemand hört mich u. wenn ich aufstehe, liegt da über den Dächern der ganze Abhang des Königstuhls vor mir u. lockt bei sonnigem Wetter zum Durchbrennen! Heute freilich zogen die Nebel wie Rauch darüber hin u. erst spät kämpfte sich die Sonne durch. Meine Arbeit schreitet gut voran, mit dem Helfen unten richten wir uns immer besser aufeinander ein, sodaß ich nun doch nicht mehr so unter den unerledigten Sachen ersticke. Am Sonntag mache ich mir ganz bestimmt einen Feiertag, heize mir das gut aufgeräumte Stübchen u. - lese! Du kannst das ja sicher nicht verstehen, wie man nicht eher Zeit finden sollte. Aber gerade weil ich freien Sinnes u. möglichst "mit Verstand" darangehen möchte, weil es mir eine wichtige u. feierliche Sache ist, darum konnte ich nicht [über der Zeile] in hastigen Minuten mit dem Gefühl der Eile damit anfangen.
Morgen muß noch geplättet werden. Ich bleibe dann nachmittags mal zu Haus. - - Im Laufe der nächsten Woche will ich auch mal Verhandlungen anknüpfen, um den bildschönen Kleiderstoff machen zu lassen. Wie bist du mir auf den Gedanken gekommen, mir solch riesiges Geschenk zu machen? Ich konnte es erst gar nicht verwinden. Und jetzt schreibst du noch gar: die Besten hätten von Dir fast nichts bekommen, also merke ich auch noch, daß ich nicht zu Deinen "Besten" gehöre. Und ich möchte doch Deine Beste sein! -
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| Ist es in Deinem Sinne, wenn ich versuche, ob man mir daraus Rock u. Jacke machen kann, oder soll es lieber ein Kleid werden? Das erstere wäre gerade, was ich brauche u. der weiche, feine Stoff würde gewiß sehr schön zu verarbeiten sein. Auch habe ich eine dunkelblaue Bluse, die ich sehr gern trage u. die gut dazu passen würde! Durch die Nachzahlung aus der Erbschaft brauche ich wegen des Machens nicht ängstlich zu sein. - Es kommt mir ganz unrecht vor, in dieser Zeit dann auf einmal zwei neue Kleider zu haben! - Alles andre ist aber auch allerdings so herunter getragen, daß es gründlicher Aufbesserung bedarf. Wenn nur die Tage länger u. meine Fähigkeiten größer wären. Ich bringe so wenig fertig, u. doch bin ich eigentlich nie müßig.
Schön ist es, daß man doch jetzt entschieden schon eine Zunahme der hellen Tagesstunden bemerkt. Ich kann meist bis 4 Uhr ohne Schwierigkeit durcharbeiten, u. auch morgens wirds früher Licht. Davon mache ich freilich nur sehr mäßigen Gebrauch. Denn die kalte Stube lockt nicht zum Aufstehen! Es war doch auch garzu toll damit. Hier waren die Straßen ganz vergletschert u. auch jetzt pickt man noch viel an den Bürgersteigen, die nicht beizeiten gereinigt wurden. Wie mag es nur damit in deiner Wildnis ausgesehen haben? Waren die Wege zu passieren? Hier ist immer das Schlimmste bei Tau
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|wetter. Und es ist doch nichts mehr mit Gummischuhen! - Hermann schickte ein Bildchen mit von Gisela, die genau aussieht wie Hermann als Kind, ganz Familie Brose. Es ist zu merkwürdig mit diesen Vererbungen. Er schreibt von viel Schnee (womit man uns in diesem Jahr nicht imponieren kann), u. von Volksfachschulkursen über moderne Erzähler, bei denen er zu seiner Freude 200 Hörer hatte. Das ist jedenfalls für Stolp "allerhand". Auch von Frau Oesterreich muß ich dir noch erzählen. Sie schrieb wieder sehr nett, u. was mir besonders auffiel, bei dem Bericht über die Parapsychologie ihres Mannes fügt sie hinzu: "Ich bin 'gespalten' " (oder kann das Wort so nicht lauten?) "u. darum ist für mich die ganze Sache ziemlich peinvoll." - Wie schwer muß das sein, wenn sie vielleicht einsieht, daß er innerlich u. äußerlich damit auf einen Irrweg kam! -
Trotz der strengen Kälte ist der Neckar diesmal nicht zugefroren. Es wechselte zu sehr mit dem Wasserstand, sodaß es immer wieder losbrach. Dafür war meine Wasserleitung zu u. wir mußten den Klempner holen. Angenehme Unkosten! Wegen einer städtischen Umlage haben wir eine Eingabe gemacht um Erlaß, die hoffentlich Erfolg haben wird. Die Steuern steigen ja von Monat zu Monat. - Der Dr. (siehe: Centrum) ist eben recht hoch. Erzberger u. Wirth steigen im Wert. - Die Reise über die Rauhe Alb hat ihm übrigens einen
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| enormen Katarrh eingetragen. Zum Glück scheint er nicht ansteckend. Denn das könnte Aenne zu ihrem Arm nicht auch noch brauchen. -
Vorgestern kam von der Goethe-Gesellschaft die Ankündigung, daß Prof. Spr. den Festvortrag gütigst übernommen hat: ...... also wirklich die Metamorphose. - Hast du die der Pflanzen schon gelesen? Wir fangen erst in der nächsten Woche wieder an. Diesmal waren alle Beteiligten verhindert. - - Mich berührt immer so stark dieser fabelhaft einfache Gedanke der Spiraltendenz: dieses Herausholen des tiefsten, einfachsten Prinzips allen Lebens. Denn das sind doch wohl parallele Linien: Centrifugal - u. Centripetalkraft im Lauf der Gestirne - Ausdehnung u. Zusammenziehung bei der Bildung pflanzlicher Form – Universalität u. Individualität bei der Gestaltung geistiger Totalität. Und auf jedem dieser Wege welch eine Fülle immer neuer Eigenart. Ganz einfach u. ganz unendlich! - Ein solches Zurückgehen auf die einfachen Bildkräfte des Lebens ist eben Dein Isolieren der Elemente geistiger Formung des Lebens auch. Ich bin so ganz gewohnt, in diesen Formen zu sehen, daß ich oft gar nicht begreife, daß andern das nicht auch geläufig ist, u. daß sie das Umfassende Deiner ordnenden Begriffe nicht verstehen, weil sie an irgend einer überkommenen Wortdeutung haften. - Es ist darum, meine ich, noch gar nicht so notwendig, die "Lebensformen" zu erweitern
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| durch Ausbau des individuell-psychologischen, als sie so, wie sie sind möglichst vielen zugänglich zu machen. Darum laß sie ja aus dem Buchhandel nicht verschwinden. Vielleicht könnte doch auch das, was Du noch hinzufügen willst, eine selbständige Ergänzung sein?
Wenn alles in der Welt seinen Sinn hat, so kann ich doch keinen Sinn darin finden, daß Du Dich oft mit untergeordneter Tätigkeit so maßlos ermüden mußt. Das rein mechanische Deines Berufes müßte Dir zu erleichtern sein. Wenn ich könnte, wie ich möchte, dann übte ich Stenographie u. Schreibmaschine, würde hier mein "Logis" vermieten oder verkitschen u. würde bei Dir Schreibhülfe. Denn ich kann mir nichts Wichtigeres denken, als Deine Kräfte zu schonen u. zu erhalten. Wenn hier die Arbeit für mich aufhört, u. man wird wohl nicht allzu viel zeichnen lassen beim allgemeinen Abbau - dann wäre das für mich sogar noch eine tröstliche Unterkunft!
- Jedesmal wollte ich für Frau Riehl u. für Susanne einige Zeilen beifügen u. immer kommt es nicht dazu. Richte es, bitte, einstweilen aus. Ich hole es bestimmt noch nach.

Sonnabend früh. - Hoffentlich ist Dirs Lesen noch nicht zu langweilig geworden! Ich könnte immer weiter schreiben. - Heute ists wiedr kälter, so geht es stets in beständigem Wechsel. Aber die Luft ist klar u. hell, das tut wohl. Wie geht es mit Deiner Heizung, - hast du noch
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| Kohlen?
Man ist hier ziemlich erregt über den Separatistenunfug in der Pfalz. Natürlich gibt es viele Beziehung zu den Betroffenen u. auch im Großen u. Ganzen weiß man wohl noch nicht, ob die Franzosen die Loslösung aufgeben werden. Augenblicklich ist man wohl etwas besorgt vor England. Möchten wir doch einmal die Fähigkeit haben, aus der Rivalität unsrer Gegner Nutzen zu ziehen. -
Von der Anilinfabrik hören wir, daß wieder ein viel lebhafterer Arbeitsgeist herrsche. Auch ist die Arbeiterschaft sehr bereit 10 Stunden zu schaffen. Frl. Dr. Herbig erklärt das als neue Ausbeutung durch die Großindustrie.
Sehr bedrohlich scheint aber - laut Dr. B. - das neue Bankgesetz, wonach jede Aktie mindestens 100 Goldmark wert sein muß, um Gültigkeit zu haben. Vielleicht wird man da noch um den Rest des Geldes beschubbst.
- Von Walther kam heute früh ein Brief, sehr bedrückt durch die ungemütliche Lage, die er spätestens zum Frühjahr durch Versetzung nach auswärts abgeändert zu sehen hofft. Innerlich wird das natürlich nicht viel ändern. Immerhin hält er sich scheinbar doch aufrecht.
Lieber, lieber Einziger, laß mich bald wieder von Deinem Ergehen hören. Schreibe mit Bleistift, wenn die Hand müde ist, das geht leichter, u. ich bin auch mit einer Karte zufrieden, wenn mehr eine Quälerei für Dich wäre. Aber laß mich hören, wie es geht. Und ich hoffe, es kann Gutes sein.
In stetem innigem Gedenken
Deine Käthe.

[Fuß] Kommt dieser Brief noch am Sonntag an? Bitte Antwort!