Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13./18. Januar 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 13. Januar 1924.
Mein liebes Herz,
Es scheint mir wie eine Ewigkeit, seit ich nichts mehr von Dir hörte. Liegt doch so viel an Eindrücken zwischen heut u. Deinen letzten Briefen, die mich innerlich doch keine Minute loslassen. Von Kassel bekamst Du den kurzen Bericht, der unter Schwierigkeiten geschrieben, Dir wohl ein Bild gab von der Drangsal jener Tage. Ich besuchte dort niemand als die nächste Familie, machte für Ida Besorgungen, kam nicht einmal auf den Friedhof, was ich mir gewünscht hatte. In Hofgeismar fand ich meine Cousine wohler aussehend, aber das Leiden schreitet nach Aussage von Georg merklich fort. Trotzdem hofft Annchen im Sommer gesund zu sein. Am liebsten hätte sie mich dort behalten u. auch die Kinder bettelten, ich solle bleiben. Die armen Mädels kommen gar nicht zu ihrem Recht u. Hilde, die jüngere, soll recht verwildern. Die ganzen Verhältnisse bedrücken mich sehr. - Auf der Fahrt grüßte ich unsere Wanderwege u. wünschte mir, es möchte bald 10. März sein. Es hat mir etwas ganz Seltsames gehabt: zu reisen u. nicht zu Dir! Die Rückfahrt wurde mir recht verbittert durch die Vorstellung, es sei mir aus der, wie Du weißt, recht unpraktischen schwarzen Handtasche ein Brief von Dir verloren gegangen. Zum Glück war es damit genau wie bei Dir: alle lagen wohlbehalten zu Haus. Aber den Brief, von Susanne [über der Zeile] u. A. St. habe ich nicht mehr. [unter der Zeile] (nur den aus Lichterfelde) Schickte ich die [über der Zeile] andern bereits zurück?
Also Frankfurt war durch die Zwangsvorstellung des verlorenen Briefes etwas beeinträchtigt. Aber es freute
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| mich doch, die alte Freundschaft mal wieder zu erneuern. Sehr ergiebig war das Zusammensein nicht gerade, dazu war wohl die Zeit zu knapp. Aber über Tübingen hörte ich Seltsames, wovon ich mit Dir reden muß.
Wenn ich nur schon ein schönes Plätzchen für die beabsichtigte Reise wüßte! All meine Erkundungen führen zu keinem Erfolg. Man sagt mir allgemein, daß sei noch zu früh für den Schwarzwald. Kennst du die Luisenruh bei Freiburg?
Dein liebes Buch begleitete mich auf der Reise u. verkürzte mir die Fahrt, sofern ich nicht vor Müdigkeit schlief. Jetzt lese ich es von neuem u. werde mir Notizen machen, um Dir davon berichten zu können. Denn sonst bleibt mir nur der Totaleindruck, der mich tief bewegt. - Was war das nur mit der eingeschriebenen Sendung von Niemeyer? Ist sie richtig bei Dir eingetroffen? - Johanna Wezel war wohl u. recht frisch. Sie freut sich besonders auf Dein Buch für ihre Lehrzwecke. Denn es wäre nun mal außer Dir nichts Rechtes da!
Wie es Onkel seit meiner Abreise ging, hörte ich noch nicht. Am 19. wird er 75 Jahre. Und da hätte ich die große Bitte an Dich, ob Du ihm wohl noch so einen Heimatkundevortrag schicken könntest? Er hatte lebhaftes Interesse dafür, aber ich hatte ja nur mein eignes Exemplar mit, das ich ihm nicht lassen konnte. Immer komme ich mit Bitten, nicht wahr? Aber ich weiß garnicht, durch welchen Verlag man es bekommt!

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(Fortsetzung am Freitag abend.) Meine stille Hoffnung, daß inzwischen noch ein Lebenszeichen von Dir kommen würde, hat sich nicht bewährt. Nun will ich halt diese Zeilen abschicken, u. Dir noch berichten, wie es hier steht. Glücklicherweise ist Aenne jetzt wieder ziemlich selbständig, u. ich bin nicht mehr viel notwendig. Während meiner Abwesenheit hatte mich Marga Jannasch vertreten. Jetzt arbeite ich nun mit Volldampf, um die versäumte Zeit nachzuholen; vormittags 3 Stunden für Gans, u. nachmittags noch 2 im Pathologischen Institut. So gehen die Tage rasend schnell. - Der alte Prof. Ewald ist während meiner Reise gestorben. - Onkel sagte: "wohl ihm!" Du hast so recht mit der Befürchtung, daß selbst im günstigsten Fall die Erholung sehr schwer sein wird. Denn wer pflegt den armen Mann, wenn er zu Haus ist?! Ida klagt doch nur immer über das eigne Befinden. -
Sehr gern hätte ich von dir eine Auskunft darüber, ob die Ausgaben der Plato-Übersetzung von Schleiermacher von 1817 u. von 1855 eine verschiedene Orthographie haben? Lily Scheibe will den Phaidron besprechen u. findet in der Ausgabe von 1817, die sie von der Universität hat, die Orthographie störend. Nun möchte sie mein Exemplar, ich aber möchte es lieber nicht hergeben. Du weißt, es sind die selbstgebundenen Bücher. Was könnte man da machen?
Es ist so schwer, so lange gar nichts von Dir zu hören. Denn die ganze Zeit hat mich doch recht mitgenommen.
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| Vor allem aber mache ich mir Gedanken, wie es in Dir aussehen mag. Die Andeutungen zum 2.II. schienen ja wohl Gutes zu bedeuten.
Dein Wunsch, daß das "Blaue" ein Kostüm werden solle, hatte sich bereits erfüllt, u. wie mir scheint auch gut. Nun wartet es im Schrank auf den 10. März. Denn dazu muß es Frühling sein! Ich sehne mich so, daß Kälte u. Sturm nun endlich aufhören möchten, u. daß eine friedliche Sonne scheine.
Verzeih, daß ich in den aufregenden u. anstrengenden Tagen versäumte, an Frl. Wingeleit zu schreiben. Ich hatte wohl die Absicht, aber konnte nicht dazu kommen.
Und nun ade für heute. Ich bin mit treuen Wünschen u. heißer Liebe bei Dir. Laß es Dir gut gehen!
Deine
Käthe.

[] Soeben Karte von Onkel Hermann. Es geht besser u. er hofft aufzustehen.
Mit Schmerz sehe ich eben, daß noch 22 Tage bis zum 10. März sind!
Das ist wohl die grüne Tinte von <unleserliches Wort>