Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. Januar 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Januar 1924.
Mein Liebstes.
Ob es richtig ist, Dir im ersten Eindruck Deines Briefes zu schreiben, weiß ich nicht. Aber es läßt mir keine Ruhe. Auf jeden Fall muß ich Dir sagen, daß ich hier schweigend mit Dir getragen habe, was Du mir klagtest. Es wird mir immer schwer, zu schreiben von etwas, was noch ungelöst in der Tiefe nach Erlösung ringt. Täglich u. stündlich begleitete mich das Gefühl Deiner Not, wie schon so oft. Aus eigner Erfahrung weiß ich, wie man in Zeiten der Erschöpfung unter dem Druck innerer Kämpfe erliegt u. wie alles zu überwinden ist, wenn körperliche Frische die geistige Spannkraft belebt. Einige Tage der Freiheit wie in Potsdam hätten Dir viel helfen können. Was hätte ich darum gegeben, wenn wir uns hätten sprechen können! Gerade weil ich nicht liebe, mich in vagen Vermutungen zu ergehen, schreibe ich nie etwas von dem, was noch ungestaltet die Berührung scheut.
Beständig erfüllte mich der Wunsch, Dir irgendwie eine Freude bereiten zu können, um Dir das warme Gefühl Deines Selbst zurück zu geben. Stündlich zog es mich in quälender Sorge u. Sehnsucht zu Dir - aber ich hatte nicht den Eindruck, als ob meine Gegenwart Dir helfen könnte. So war ein stilles, banges Warten in mir u. über allem doch die Hoffnung, Du werdest in gewohnter täglicher Arbeit die letzten Semesterwochen hinbringen u. dann uns beiden eine Möglichkeit tröstender u. helfender Gemeinsamkeit kommen.
Sieh, mein Einziger, vielleicht irrst du doch, wenn Du meinst, ich verstände dich nicht. Ich war von je u. je erstaunt, wie sehr ich rein gefühlsmäßig Dein Sein u. Wesen erlebte. Aber es hat immer Zeiten gegeben, in denen Du daran zweifeltest, u. andre, in denen Du es fühltest. Jetzt ist wie stets im Kreislauf des Jahres die dunkle Zeit. Glaube mir, sie ist auch für mich dunkel, so daß ich zuweilen fürchte, den Sinn des Ganzen zu verlieren. Nur das Gefühl Deiner Nähe kann mir Halt u. Sicherheit zurückgeben. Ich will nichts von Dir, mein Einziger,
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| nur das Bewußtsein haben dürfen, daß ich mit Dir u. für Dich lebe.
Ich denke nicht daran, Deine inneren Schwierigkeiten durch physische Ermüdung erklären zu wollen." Es ist der Geist, der sich den Körper schafft" - aber wenn Du nicht so erschöpft wärst, so würdest Du Herr darüber. Aber Du sollst nicht unter neuen Wunden leiden, du sollst einen Weg finden der Heilung.
Kann ich denn nicht irgend - irgendetwas für Dich tun? - -
Von hier ist nichts zu erzählen. Ich zeichne täglich, bis auf 2 Tage, an denen ich durch Schmerzen verhindert war. Abends erkämpfe ich mir seit Sonntag regelmäßig eine Stunde für Dein Buch, das mich sehr beschäftigt. Vor allem scheint es mir von großer Wichtigkeit, wie Du all die Unebenheiten des Übergangsalters, die man gewöhnlich abfällig kritisiert, als sinnvolle Durchgangsstufen verständlich machst. - Da ich Dein Kolleg damals größtenteils miterlebte, ist mir natürlich vieles bekannt.-
Ich grüße Dich in immer gleicher Liebe.
Deine
Käthe.