Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19./20. Januar 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Januar 1924
Mein liebstes Herz.
Gestern - Freitag abend - als ich mir gegen 10 Uhr das Zimmer geheizt hatte, schrieb ich Dir "zum Sonntag", wie meist. Dann warf ich den Brief zum übrigen in den Ofen. Deine Zeilen vom 14. haben mein ganzes Sein aus den Fugen gerissen, u. es scheint mir alles sinnlos, was ich tue.
Laß mich ganz ehrlich u. rückhaltlos mit Dir reden, anders wüßte ich ja gar nicht zu sein. Und ich denke, es soll für Dich keine Beschwerde sein - nur Dir meine Stellung erklären. Du vermißtest bei mir ein Eingehen auf Einzelheiten Deines Neujahrsbriefes, u. ich war so ganz mit allem was Du schreibst erfüllt, daß ich darin nur die Bestätigung fühlte für meine ständig wachsende Sorge. Ich hatte nur den einen Wunsch, Du möchtest die Wochen bis zu den Ferien leidlich durchhalten u. dann in Ruhe u. Frieden überwinden u. das Gleichgewicht wiederfinden. Das Einsamkeitsgefühl - wer könnte es bannen?
Warum dringen die Stimmen des Menschen nicht zu Dir, die von Dir ergriffen u. erhoben sind? Warum kann die große Wirkung, die machtvoll von Dir ausgeht, Dich nicht beglücken?
Was mich an Deinem Briefe am tiefsten beschäftigte um Deinet- u. ihretwillen: Susanne, davon sprachen wir ja schon oft. Warum wird dieser Verkehr, der doch schon Jahre in der gleichen Weise bestand, nun so unhaltbar? Das kommt doch aus
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| Dir, nicht aus ihr. Oder hat die Unsicherheit ihrer Lage durch den Abbau, die vielleicht eine Veränderung für sie bedingt, die Krisis verstärkt? Ich kann es nicht begreifen, daß jemand, der so beständig in Deiner Nähe ist, der sich seit Jahren in Deinen Vorlesungen bildet u. im persönlichen Umgang Dir anpassen kann, nicht ganz selbstverständlich in Deine Geistesart hineinwächst.
Hättest Du Zeit für größeren geselligen Verkehr, es würde sich gewiß manche Anregung finden. Aber der Aufwand an Zeit u. Kraft würde so selten von einem wirklichen Ertrag aufgewogen. Du hättest die Gabe, in einem geistvollen Kreise den Mittelpunkt zu bilden. Aber wie die Welt ist, muß man so viel Oberflächliches u. Wertloses in den Kauf nehmen, daß Du wohl vor Ungeduld vergingest.
Lebenserinnerungen, wie die von Schleich oder Richard Voß, die von einem Schwimmen in anregenden Beziehungen berichten, lösen in mir immer nur das Gefühl aus: Warum kann meinem geliebten Freund das nicht zuteil werden? Und dann muß ich mir sagen, daß wir beide zu viel in jedes Einzelne hineinlegen, daß wir von denen sind, wo es heißt: alles oder nichts. Man kann manch freundliche Beziehung haben, aber es soll auch fruchtbare Stunden geben, Menschen die unser ganzes Sein durchdringen u. bereichern. Ein solches Zusammensein ersehnte ich vom März,
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| da mich der vorige Herbst so ganz betrogen hatte. Du warst noch übler dran, mein armer Kranker, aber glaube mir, es gibt auch für mich Stunden, wo ich meine, an der Qual des Daseins zu verbluten, u. wo ich Lena beneide.
Mangel an Kraft, das Leben zu meistern - es ist kein geistiger Mangel bei Dir, wie es vielleicht bei mir sein kann. Nur bei einem Erschöpfungszustand, wie er regelmäßig in dieser Jahreszeit eintritt, wachsen die Schatten auch des inneren Lebens so bedrohlich. Ich war so ganz, so ganz mit meinem Herzen bei Dir, daß ich mit Zuversicht darauf wartete, Du werdest eingedenk unsrer tiefen Verbundenheit mir ganz selbstverständlich sagen: komm her u. hilf mir über diese schweren Wochen fort. Da ich meine augenblickliche Arbeit überall machen kann, wo es ein Mikroskop gibt, bin ich nirgend festgelegt. Stattdessen schreibst Du mir, ich verstünde Deine Entwicklung nicht mehr. Weißt du nicht, daß jedes Deiner Worte in mir lebt u. daß ich oft erstaune, wenn Du mir als Neuigkeit sagtst, was ich längst weiß?
Du fühlst aus meinem Brief trotz allem die Liebe. Das allein auch war sein Sinn, der Dir sagen sollte: Du kannst ja gar nicht so allein sein, denn ich liebe Dich. Aber war ist eine Liebe wert, die nicht versteht?!
Meinst du nicht, ich könnte aus eigenster Erfahrung
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| verstehen, wie das ungesunde Mißverhältnis in einer nahen Beziehung drücken kann? Wie man sich als Sklaven der Gewohnheit fühlt, wo nur ein freier Austausch würdig wäre? Wie jede kleine Äußerlichkeit einen Mißklang geben kann, weil schon der Grundton nicht richtig zusammenklingt.
- - Auch sonst bewegt mich schon lange manch stiller Gedanke. Aber das wären ja die Vermutungen, die notwendig fehlgreifen müssen!
Darum laß es gut sein, mein Herz, wenn ich nicht rede, sondern den Knotenpunkt Deines Lebens, der, wie der Vegetationspunkt der Pflanze, eine neue Stufe der Entwicklung in sich schließt, wie die dichte Knospenhülle still u. schützend mit meiner Liebe umfasse. Laß mich helfen, daß nicht neue Wunden, sondern neue, freie Entfaltung Dir beschieden sei. Hast Du das alles nicht aus den Geleitworten der Kalender herausgefühlt? Laß meinen Glauben Dir helfen - glaube selbst an das heilige Recht der inneren Notwendigkeit, an das Recht Deiner werterfüllten Existenz. Könnte ich doch das Leiden von Dir nehmen, u. wäre es auch für mich Vernichtung, - ich täte es gern. Das ist kein leeres Wort, Du weißt es.
Ich grüße Dich innig
Deine Käthe.

[Kopf] Aennes Arm ist in normaler Heilung begriffen. Mitte nächster Woche wird der Gipsverband abgenommen. Sie trug mir Grüße auf!

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Sonntag. - Einige Zeilen will ich noch beifügen, denn so schreiben, wie ich es möchte, kann ich ja doch nicht. Wie matt u. nichtssagend ist der Brief von gestern gegen mein Gefühl! Ich sehe Deine lieben Züge, die so blaß u. verschlossen sein können u. stehe beständig unter dem Druck Deiner düstern Andeutungen. Möchtest Du das fühlen, u. möchtest Du in der Offenheit gegen mich Dein Herz erleichtern können. Und wenn meine Antwort nur zögernd u. leise Deinen Schmerz berührt, so denke, daß man gerade schriftlich viel besser ein Wort zuwenig als zuviel sagt.
<Zeichnung eines links-schrägen Parallelogramms über die ganze Seite>
Sieh die Form des Rechtecks, die ich auf diesen Zettel zeichnete. So ist ein Stück Kupferblech, das ich längst in der Metallsammlung verschwunden glaubte. Man kann daraus ein Schildchen an die Tür machen, statt des Messingschildes, das zu groß war. Bitte gib mir
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| einmal an, wie die Größe am besten auf das Klingelbrett paßt. Dann: willst den den Namen klein u. vollen Vor- u. Zunamen; oder so große Buchstaben wie auf dem alten Schild?
In dem alten Büchlein von der Reichenau steht als Datum der Bestätigungsurkunde von Karl Martell d. 25. April 724. - Als Schwarzwalderbe wurde mir empfohlen: Schweigmatt im Wiesental, [über der Zeile] als geschützt gelegen, Herrenalb - aber allgemein hält man den März noch für rauh in der Höhe. Da wäre z. B. Guttach - der Löwen besser. -
Und nun denke nicht, ich wolle Dir auch noch Schwierigkeiten machen, falls Du allein Erholung suchen möchtest. Das wäre doch recht häßlich - nein, es wäre ganz unmöglich von mir!