Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. Januar 1924 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 22. Januar 1924.
Mein liebstes Herz.
Du willst keine Antwort, u. ich will Dir auch nicht antworten, nur danken. Mit wahrer Erlösung fühle ich den veränderten, kraftvolleren Ton in Deinen Worten u. mit tiefem Glück das unveränderte Vertrauen.
Und Dank auch für die aufrichtige Beschwerde, die ich doch hoffe, ein wenig entkräften zu können. Zu der Anwandlung von Verzweiflung muß ich mich bekennen. Sie kommt immer über mich, wenn mich die Gefahr einer Entfremdung von Dir zu bedrohen scheint. Ich sehe dann immer die brausenden Wasser an der Spitze unsrer Insel von Ketsch u. möchte darin versinken dürfen. Es sind Momente, aus denen mich ein Pflichtbewußtsein immer wieder zurückholt, u. vor denen mich Deine Nähe behütet.
Und mit den Druckbogen sprichst Du ganz aus, was ich selbst empfand. Ich hatte sie am Weihnachtsabend nur gestreichelt u. dann so recht nah unter den Tannenbaum gelegt. Hätte ich geahnt, daß Walther sie nehmen würde, hätte ich sie mit mir im meine Wohnung genommen. Ich war außer mir, als ich von meiner Arbeit aus der Küche ins Zimmer kam u. das Buch in Walthers Hand sah. Aber es war nicht mehr zu ändern, u. ich mochte nun gerade jetzt gegen ihn nichts darüber sagen. Aber ich hatte eben doch die erste sein wollen, die es las. - Und die Bemerkung, daß ich das
[2]
| Kolleg hörte, sollte nur entschuldigen, daß ich zuerst eine von dir bezeichnete Stelle gesucht hatte, anstatt als Ganzes aufzunehmen: das Ganze sei mir eben nicht fremd, sondern schon persönlich vertraut.* [Kopf] * Seit Sonntag las ich täglich, jeden Abend! Ich bin ganz erfüllt von der Art, wie sich Verständnis u. Kritik verbinden. Ich muß mit Dir reden über alles, was sich mir daran anknüpft.
Siehst du, so schrecklich ist das mit dem Schreiben. Man müßte immer ganze Bücher verfassen, wollte man sich wirklich in seinem Meinen u. Wollen verständlich machen.
Darum bilde ich mir auch nicht ein, nach den Andeutungen Deines lieben Briefes zu wissen, was Du sagen willst. Aber ich habe ein so sicheres Bild von der Totalität Deines Wesens, daß ich allem, was du willst, vertraue. Möchtest du die Kraft zur Wahrheit immer in mir finden.
- "Heimatkunden" hätte ich gern: 1) für Aenne zum 2.II.  2) für Anna Weise.  3.) für Frau v. Donop.
- - Es ist schrecklich mit Deinen Zähnen, diese ewige Quälerei. Ich war noch nicht beim Rösel!
Dr. Gans hat am Sonnabend revidiert u. war recht zufrieden, Prof. Teutschländer äußert sich immer sehr begeistert. - Am Montag soll jemand kommen, den blauen Stoff zu nähen. Hoffentlich gut!
- Gestern habe ich im Dunkeln den Kopf so gegen eine halboffene Tür gerannt, daß ich mir an der Schläfe eine blutige Beule schlug. Frl. Dr. Herbig wickelte mir eine weiße Binde um u. jeder erklärte, sie stände mir so fein, daß ich sie öfter tragen sollte. Sehr freundlich, nicht wahr? -
Ich grüße Dich in treuer Liebe.
Deine Käthe.

[Kopf S. 1] Dich brauchte man nicht zu vertreten als Dekan!!
Der Arm heilt scheinbar normal ohne große Beschwerden. Nur die Hilflosigkeit, verstärkt durch persönliches Ungeschick, ist lästig.

[li. Rand S. 1] Daß der Brief sich wiederfand, ist mir doch lieb. Denn sie sind nun mal alle mit dem Herzen geschrieben u. <Fuß> nicht für andre Leute.