Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27./28. Januar 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27. Januar 1924.
Mein unendlich geliebtes Herz.
Ob es möglich ist, Dir zu schreiben, was mir die Seele bis ins Tiefste erschüttert? Ich bin wie betäubt , u. doch mußte ich nach außen scheinen wie immer! - Wie sollte ich irgendjemand zürnen um des Verhängnisses willen, in das - wir alle verstrickt sind? Es ist nur das Eine in mir, mit absoluter Klarheit: wenn Dein Gefühl für Susanne so ist, daß es fähig wäre, Dein ganzes Leben zu erfüllen, dann laß es keine Hindernisse für Dich geben, ihm zu folgen. Sonst [über der Zeile] wenn nicht, wäre es ein Leid ohne Ende, das Du auf Dich nähmest. Für beide!
Ich kann es ja nicht verstehen, wie solche mehr äußere Liebe entstehen kann, denn bei mir ist das alles nur Eines. Das Schicksal hat es nicht gewollt, daß meinem Leben auch die äußere Erfüllung zuteil werden sollte. Ein seltsamer Traum gab mir schon als Kind die Ahnung davon ins Herz. In stillen Kämpfen, die zuweilen fast ans Leben gingen, habe ich wieder u. wieder überwunden. Denn ich bin gar nicht so kühl, wie Du meinst, u. man ist innerlich nie so alt, wie man andern erscheint.
Aber es war das Schicksal, das ich vom ersten Tage an - seit jenem 31. August 1903 bewußt - auf mich nahm, nur Deinem Werden u. Wollen, Deinem freien, gottgewollten Sein in Liebe zu dienen. Wie sollte ein Zwang, eine Forderung Deine feinfühlige, vielgequälte Seele drücken.
- Und jetzt steh ich ratlos vor dem Zwiespalt in Dir u. fühle wie eine Schuld, daß ich in Dein Leben kam. Es stand doch gar nicht in unsrer Macht, es zu hindern! -
Wenn wir nicht wüßten, was Liebe ist - es wäre wohl leichter. Und doch - alles Leid der Welt nehme ich lieber auf mich, als dieses Wissen nicht zu kennen.
Du solltest ein Intellektualist sein! Immer habe ich in allem, was Du warst und tatest, die leidenschaftlich ringende Seele gefühlt. Und ob ich an Dich glaube? Was wäre eine
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| Liebe, die nicht glaubt? Nein, ich glaube unbedingt [über der Zeile] an Dich, auch wenn ich Dich nicht verstehen sollte. Ich glaube auch an Dich, wenn Dein Weg Dich von mir trennen sollte. Aber du hast recht: was soll denn da geschehen? Unser Sein ist in einer Welt verbunden, in der es keine Zeit u. kein Vergehen gibt.
Mein Glaube ist so stark u. sicher, daß es Deiner ausdrücklichen Versicherung bedurfte, um mir das schreckhafte Gefühl zu wecken, ich verstände Dich nicht mehr. Die Veränderung in Dir habe ich längst gefühlt, aber niemals als eine Gefahr der Entfremdung zwischen uns empfunden.
Ich kenne Dein Wesen so gut. Wie oft schon habe ich das Erbteil des Vaters in Dir gefühlt. Aber veredelt, erhöht. Du wärst von Dir aus auch niemals in diese Lage gekommen, die nicht Deinem innersten Sein gemäß ist, wenn nicht Susanne Dich dazu gebracht hätte. - Erinnerst Du Dich der drei Gestalten auf dem Frühlingsbildchen von der Reichenau. Aus einem unterbewußten Gefühl heraus entstanden sie mir in symbolischer Bedeutung. Die dritte, die nach den Blumen am Wege greift, war mir Susanne mit ihrem selbstverständlichen, naiven Zufassen. -
Ich habe bisweilen gedacht, ob wohl die Sicherheit, die Du mir gegenüber im Verkehr so unbedingt haben kannst, Dich nicht zuweilen unvorsichtig gegen andre machte. Deine "Güte" wird dann leicht anders verstanden.
Die psychoanalytischen Theorien sind mir gar nicht als eine "Lösung" bewußt geworden. Sie scheinen mir als die Aufdeckung einer Causalität, - aber die ganzen Probleme jener Capitel haben mich tief erregt u. beschäftigt. Schon damals durch das Kolleg war ich tief erschüttert, u. wenn wir uns im März sehen, muß ich darüber mit Dir reden. Zu Dir werde ich es können, so sehr ich sonst das Wort scheue, vor allem über solche Dinge.
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Damals, als Susanne 1921 hierher kam, war ich erstaunt über den Ton ihres Umgangs mit Dir. Es lag eine Vertraulichkeit darin, wie ich sie nicht erwartet hatte nach der Art, wie Du Deine Stellung zu ihr bezeichnet hattest. So ist es auch jetzt. Die äußeren Tatsachen überraschen mich. Dein Wesen ist mir nicht fremd in alledem. Und um alles in der Welt laß mich das Gefühl nicht haben, ich könnte ein Hindernis sein auf dem Wege, den Du gehen mußt. Nur die Forderung Deiner Seele, Dein ganzes, liebes, von reinem Wollen erfülltes Ich, darf entscheiden. Nur was Dich fördert, darf für Dich sein. Denn Du lebst nicht nur Dir, Du bist auch in Deinen Kämpfen für alle da, die den Weg zur Höhe suchen.
Der Brief von Susanne ist rührend. - Das ist die große Frage: ist ein Gefühl an sich gut? Ich habe es an mir nicht erfahren. Und in all der Not scheint es mir doch beinah, als ob sie nicht Dich, sondern sich fühlte in ihrer großen Hingebung. Darum scheint sie auch unmöglich einen Weg über sich hinaus finden zu können. Sie will es garnicht, denn sie hat sich selbst verloren. Ich verstehe jetzt, was ich bisher nicht begreifen konnte, daß du sagst, sie müßte eine andre sein. Die eigentümliche Starrheit ihres Auges ist durch irgend etwas in ihrem Wesen begründet.
Es ist längst über Mitternacht, u. ich lese u lese immer wieder von all der tiefen Seelennot. Du machst Dir Vorwürfe, daß Du dies alles nicht verhindert hast. Ja - hast Du das denn nicht immer wieder versucht? Sie ließ sich nicht abweisen u . hat sich damit eben doch einen Platz in Deinem Herzen erworben.
- Wie seltsam, wie unverständlich ist das Leben.
Ist es so tief oder suchen wir nur eine Tiefe, die garnicht ist? Ich habe das bestimmte Gefühl von geheimen Untergründen des Daseins, von dämonischen Mächten, denen ich vertraue. Ich weiß, daß nichts in Dir bleiben kann, was nicht echt ist, u. wenn es sein muß, um Deiner inneren Wahrhaftigkeit willen, dann wirst Du auch mit Susanne eine Form des
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| Verkehrs finden, die dauern kann.
Ich verstehe so gut, wie Du schroff warst aus Notwehr u. weich wirst, wenn Du bei ihr den (vergeblichen) guten Willen zur Zurückhaltung siehst. -
Ich hatte seit Deinem Brief vom 14. Januar immer erwartet, es würde sich zwischen Euch doch noch anders gestalten. Ich kann mich aber jetzt des Eindrucks nicht erwehren, daß eben doch deine anfängliche Stellung zu ihr die entscheidende war. -
- - Der Brief von Anni Stümcke erscheint mir unfein, anmaßend u. von einer Oberflächlichkeit, wie ich sie hinter der Verfasserin des bewußten Dramas nicht gesucht hätte. Es ist so etwas Gesuchtes u. Unwahres in allem, ein interessant sein wollen um jeden Preis.
Und der andere Brief ist so echt menschlich. Und wie treu war Dein Herz schon damals als ganz kleines Kind. - Wußtest Du etwas von dieser Frau?
Mein lieber, lieber Einziger. Meinst Du, man müsse unfehlbar sein, um andern helfen zu können? Versteht man nicht andre umso besser, wenn man selbst in Not u. Kämpfen war? Wie auch Deine Überwindung aussehen mag, sie wird Deiner würdig sein. Und was Susanne leidet, kannst Du doch nicht als Schuld empfinden. Sie wollte es so. Wäre Deine Seele nicht so rein und vornehm, so wäre vielleicht unheilbares Unglück geschehen. -
Ich käme so gern, Dir zu helfen. Aber ich weiß, daß Du mich rufst, wenn Du es brauchst. Ich vertraue fest darauf u. will nur, was Dir lieb ist. - Meine kleine Verwundung ist rasch geheilt. Ich bin auch gewöhnt, körperlichen Schmerz nicht hoch anzuschlagen. - Desto schwerer liegt mir die Sorge um Dich auf dem Herzen. Und glaube nie, ich könnte Dich nicht verstehen. Jedes leise Wort klingt in mir nach, u. ich leide mit Dir. Aber ich will auch, daß Deine Seele wieder frei wird. Denn nur in Freiheit kannst Du leben.
Ich hätte dir noch soviel zu sagen. Aber es ist schon garzu spät heute. - - Bleibe, der Du bist, "wie seit Jahren", u. sei <Kopf> es in gläubiger Zuversicht. Wenn Du in Zweifeln u. Qualen den eignen Weg suchst u. mit dunklen Mächten ringst, so weiß ich doch, <li. Rand> wie rein Deine Seele, wie stark Dein Wollen ist. Laß mich Dir helfen. Deine Käthe.
[li. Rand S.1] Ach, ich vergaß den Dank für das Geld. Es bedrückt mich, daß Du immer so viel schenkst!

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Montag früh. Nach einer schlaflosen Nacht muß ich noch einmal mit Dir reden. (Dein Brief kam erst gestern Sonntag mittag in meine Hände) - Mein geliebtes Herz, weißt Du ganz sicher, daß das, was Dich zu Susanne zieht, nicht über Dein Leben entscheiden kann! Ist die Erkenntnis in Dir ganz reif? Ist Dir nur das bestimmend, was Dir innerste Notwendigkeit ist? Es soll niemals ein andrer Grund bestimmend sein als die lautere Wahrhaftigkeit Deines Wesens.
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Haben wir das alles nicht schon einmal erlebt? Sollte mich das Leben jetzt schwächer finden als damals? Sei gewiß, daß ich Dich liebe u. daß Deine Seele ganz rein vor mir ist.
Immer
Deine Käthe.