Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Januar 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29. Januar 1924.
Mein einzig geliebtes Herz.
Nur mit Mühe zwinge ich mich zur täglichen Arbeit u. meine Gedanken sind immerfort weit weg - bei Dir. Wenn Du doch mein Kommen wünschtest! Es quält mich fortwährend, Dich so allein u. in schmerzlicher Erregung zu wissen.
Es ist mir seltsam, daß Ihr bei dem Wunsche, jemand in Eurer Not um Rat zu fragen, nicht an Frau Riehl dachtet. Ist sie gar nicht mehr fähig, auf die Leiden andrer verständnisvoll einzugehen? - Aber es ist doch wohl nur eine flüchtige Idee gewesen, daß ein Andrer raten sollte! - Wie wird es nur jetzt in Dir aussehen? Das ganze Ungelöste, Verworrene der Lage lastet auf mir. Und doch. Es ist ein so grenzenloses Vertrauen in mir, daß Du auch ohne Rat von außen den rechten Weg finden wirst. Die Stimme des Gottes ist in Dir.
Aber Susanne - ob ich ihr etwas sein könnte, wenn ich mit ihr redete? Ich glaube, ich würde zu scheu sein, wirklich zu sagen, was ich denke. Sie würde meine Art doch nicht verstehen.
Ich habe zurückgeblättert in Deinen Briefen u. verstehe jetzt darin Manches anders. Du hast ganz recht, daß man alles wissen muß, um flüchtige Äußerungen richtig zu bewerten. Und von diesen, jetzt anders verstandenen Bemerkungen aus fällt mir eben doch auch ein andres Licht auf die letzten Mitteilungen. Wäre etwas zu wecken in Susanne von dem, was Du suchst, dann hätte es ja aufwachen müssen nach dem, was Du mir von Eurem Verkehr sagst. -
Du weißt, ich bin eine radikalere Natur als Du. Und das Weiche u. Nachgiebige, das bei Dir so seltsam neben Härte u. Schroffheit steht, läßt mich zuweilen annehmen, daß Dein Entschluß doch vielleicht nicht endgültig sei. Und so kann ich mir auch allein das Benehmen von Susanne erklären. Sie wird nicht klug aus Deiner eigentlichen Meinung u. glaubt nur zu gern, was ihr günstig ist. Sonst müßte doch ihr
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| weiblicher Stolz sie zurückhaltender machen.
Wenn in Dir wirklich der Wunsch ist, eine Distanz zwischen Euch zu schaffen, so darfst Du Dich eben doch nicht durch ihre Klagen erweichen lassen. Hilf ihr, einen Wirkungskreis zu finden, wie Du ihn ihr rietest, u. fordere es als Liebesbeweis, daß sie ihn erfüllt. Anders kann ich mir eine Entwicklung in dem von Dir gewollten Sinne nicht denken. Denn "so bleiben, wie es war", kann es doch nach solcher Auseinandersetzung nicht. Sie würde niemals fähig sein, einen anderen Ton mit Dir zu finden. - Bleibt es aber, wie es war, so gibt es für Dich endlose Abwehrkämpfe oder - Nachgeben.
Wenn sie Dir doch die Ruhe lassen könnte, Dich selbst zurecht zu finden. Aber - ob sie kommt oder nicht, beides ist schlimm u. macht Dir Schmerz.
Mein liebes Herz, ich ersehne die nächste Nachricht von Dir. Du weißt ja, wie ich in jeder Fiber meines Wesens mit Dir lebe. Aber was hilft das Dir! Laß die Kraft der alten Ideale nicht matt werden in Dir. Sie sind doch nicht überkommen, sondern selbst gestaltet. Leben wir nicht alles aus den Tiefen der Seele heraus, prägen wir nicht selbst unsre Welt! Und daß in der Deinen immer alles echt sein muß, das weiß ich. Irrtümer müssen wir wohl mit Herzblut bezahlen - aber gibt es einen Sieg ohne Kämpfe?
Du siehst, daß Du die ganze Last Deiner Leiden mir in die Seele geschüttet hast. Ich kann ja aber nur verstehen von mir aus. Ich sehe, ich fühle Dich in der ganzen Wucht der Konflikte u. will nur, nur was Deinem Leben dient u. zum Segen ist. Aber von mir weiß ich, daß mir nicht nur jetzt, sondern niemals Raum bliebe [über der Zeile] u. geblieben wäre für eine Neigung, die nicht meinen ganzen Menschen hinnimmt. Das mag beim Manne anders sein. Und wenn das mehr ist als ein Rausch, mehr als bloße Leidenschaft - das kannst nur Du wissen. - Du sagtest mir, daß die Größten deines Berufes ehelos geblieben wären. Vielleicht
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| wächst die höchste geistige Schöpferkraft nur aus der Sehnsucht oder - - eben aus wahrhafter Seelengemeinschaft.
So kann ich immer wieder nur darauf zurückkommen: was ist Deine innere Notwendigkeit? Und bist Du darüber klar, so laß keine Rücksicht, keine Schwachheit des Gefühls reden u. gehe Deinen Weg. Ich werde ihn verstehen; denn ich liebe Dich.
Du wirst verstehen, daß ich immer fürchte, voreingenommen zu urteilen. Wäre in Dir mit voller Klarheit das Gefühl für Susanne entscheidend, so gäbe es doch keine Schwierigkeit. Aber Du sagst mir, die Frau als Naturwesen ziehe den Mann herab; wenn ich wieder u. wieder all die Äußerungen deiner Briefe lese, so scheint nur etwas geweckt durch ihr unermüdliches Streben, was doch vergänglich wäre, da es keinen Wurzelboden in Deiner Tiefe fand.
Ist wie du schreibst, nach jenen drei qualvollen Nächten in Dir eine entscheidende Veränderung vorgegangen, dann laß es bestimmend sein. - Ist es nicht nur Mitleid, was Dir die Kraft zu einer klaren Trennung nimmt, dann sei auch darin konsequent.
Und sei gewiß, auch ich habe die Kraft zu Wahrhaftigkeit.
Deine Käthe.