Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5./6. Februar 1924 (Kassel)


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Cassel. 5. Februar 24.
Mein liebes Herz,
wie dankbar war ich für Deine Zustimmung zu meinem Vorhaben. Ich bin im Laufe der Jahre so etwas zaghaft geworden, dem Impuls meines Herzens zu folgen u. fürchtete, Du möchtest es übertrieben finden, wenn ich reiste. Aber es ist gut so. Onkel ist sehr krank, aber eine unmittelbare Gefahr besteht wohl nicht. Ich zweifle aber, ob er es durchmacht. Es ist eine Bronchio-Pneumonie mit Rippenfellreizung, Exudat etc. - - Du weißt ja, was das heißt, noch dazu in seinem Alter. Er selbst hält sich nicht für so krank, hat seinem Sohn, der kommen wollte, absagen lassen. Er liegt im Diakonissenhaus (Wehlheiden) u. ist tadellos versorgt.

Am 6.  Jetzt sitze ich bei ihm im Zimmer u. kann endlich weiterschreiben. Am Montag früh 5.35 fuhr ich ab, war 1.10 in Wilh. Höh - u. per Elektrischer zu Schwidtals, wo ich wie immer sehr gut aufgenommen wurde; die zwei Mädels sind immer lieb zu mir, waren im Augenblick aber sehr in Anspruch genommen, da Gretli am Donnerstag mit einem Transport in ein Kinderheim nach Holland reist u. dazu noch viel Vorbereitung nötig ist. -
So - da kam die Schwester u. störte mich u. dann mußte ich fort. Onkel war sehr lieb u. hat sich offenbar über mein Kommen gefreut. Jetzt bin ich in der Bahn nach Hofgeismar, um die arme Kranke aufzusuchen. Morgen, Donnerstag, reise ich um ½ 11 ab, bleibe wahrscheinlich noch 1 Tag in Frankfurt, u. bin Sonnabend wieder
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| an der Arbeit. Es hat sich in diesen 3 Tagen hier alles sehr gut gefügt. Ich konnte den Onkel täglich sehen, u. es war immer sehr hübsch mit ihm allein. Aber sowie seine Frau kommt, ist er erregt u. es gibt Reibereien. Schon ihre harte Stimme hat etwas Aufreizendes. Sonst war sie zu mir sehr freundlich.-
Besuche machte ich sonst garkeine, aber zufällig traf ich eine uns sehr liebe alte Schwester im Diakonissenhaus, mit der ich von alten Zeiten reden konnte, u. ebenso den alten Dr. Fey, unsern guten Hausarzt von dazumal.
Soeben kam auch noch das I zu Schwidtals, um mich zu sehen u. eine Redeflut über Schulfragen auf mein duldendes Haupt auszugießen.
- Draußen ist wüstes Schneegestöber, u. ich graule mich etwas vor der Landstraße. Na, wir werden ja sehen. -
Rudi ist im Abitur. Wer weiß, ob er durchkommt. Er steht recht unsicher.
Von allen, wer mir hier das Herz bewegt, brauche ich nicht zu schreiben, das weißt Du. Eins aber muß ich Dir noch sagen: für die Finanzierung ist gesorgt. Am Sonntag kamen wieder 42 M aus dem Nachlaß. Das war doch wie dazu bestimmt. Ich brauche aber nur die Hälfte. Ich kann sehr gut Personenzug fahren. Habe innigen Dank, mein Liebes.
In stetem Gedenken u. nochmals Dank für Deine liebe Eilkarte
Deine Käthe.

Onkel fragte wieder sehr nach Dir u. läßt grüßen,
[Kopf] Verlobung von Agnes Biermann mit einem Kasselaner. -