Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20./21. Februar 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. Februar 1924.
Mein geliebtes Herz.
Zum 25. Februar möchte ich Dir einen Gruß senden u. da ich in den nächsten Tagen schwer zum Schreiben komme, beginne ich schon heut. Es war eine schwere Zeit. All die latenten Sorgen der letzten Monate brachen auf einmal erschütternd auf mich herein. Nun scheint es stiller. Aber in mir glätten sich die Wogen noch nicht so schnell. Du weißt ja, wie nachhaltig ich darin immer bin.
In Cassel ließ man mir nicht eine Minute für mich. Selbst abends blieb Lieschen Schwidtal bei mir bis ich darüber einschlief. Ich glaube, sie wollte mir vielleicht irgend etwas sagen u. kam doch nicht dazu. Ich war zu erschöpft, um ihr heraus zu helfen.
Jetzt habe ich in 9 Tagen 39 Stunden gezeichnet u. meine Augen haben gut ausgehalten. Wenn nur auch noch für den Privatmenschen mehr Zeit übrig bliebe!
Ich möchte Dir von der Jugenpsychologie schreiben, deren Fortsetzung ich mit Ungeduld erwarte. Aber Ich bin so erfüllt von dem lebensnahen Geist der Darstellung. Ach, wenn doch jede suchende Seele die verständnisvolle Hand fände, die sie zu sich selber führt! Auf das Einzelne einzugehen, fehlt mir noch das öftere Lesen. Ich fühle nur aus allem die tiefe, helfende Liebe, die in all dem krausen Überschwang doch immer die heimliche Not spürt. Ich finde, daß Du das ganz eigenartige Wesen dieser Reifungsepoche ganz wundervoll fein schilderst. Und ebenso bin ich wieder entzückt von der Klarheit der begrifflichen Darstellung. Daß Du das körperliche u. geistige Reifen als gleichzeitig, als in einander greifend, nicht aber das zweite als Resultat des ersteren nimmst, das ist mir auch sehr sympathisch. Natürlich sind im Unterbewußtsein geheimnisvolle Zusammenhänge, aber niemals können wir doch das Materielle als Ursache ansehen.
Es ist so sehr nötig, daß wir uns wiedersehen. Ich sehne mich unendlich nach einer befreienden Aussprache, auch über das, was Du als überwundene Weltanschauung bezeichnest. Es wird mein dringendes Streben sein, mir Sinn u. Kräfte frisch, u. die Wochen frei zu halten für Dein Herkommen. Schon jetzt tue ich, was ich kann, trinke Milch etc., u. man sagt mir allgemein
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| daß ich wohl aussehe, obgleich ich in den Nerven doch die letzten Wochen ziemlich spüre.
Heute kam Bertha von Anrooy für 3 Tage. Sie wird morgen bei mir Kaffee trinken. Da fällt wieder der Lesenachmittag mit Paula S. fort. Es ist kein Gedeihen damit. Immer aber ist in mir das Gefühl für den eigentümlichen Rhythmus des Lebens, den Goethe als Bildungsprinzip der Pflanze feststellt, der Wechsel von Ausdehnung und Zusammenziehung: die Spiraltendenz. Auch ich fühle mich einmal wieder in scheinbar Längsterlebtem. Aber wenn diese Gebundenheit etwas seltsam Lähmendes hat, so bleibt doch immer die Freiheit des Gefühls, das Bewußtsein einer großen, ewigen Liebe.
Verzeih mir, wenn ich Susanne gegenüber eine innere Befangenheit noch nicht überwinden konnte. Ich hätte gern persönlicher geschrieben, aber ich fürchtete mein Wissen um sie irgendwie zu verraten u. alles Halbe schien mir unwahr.* [li. Rand] *Wie war es zum Geburtstag? - Wenn ich doch nur schon wüßte, ob die bewußten Briefe bei Dir sind, oder ob ich sie im Dunkeln auf dem Bahnhof aus der Tasche verloren habe. Es quält mich. Denn ich hatte noch in der Nacht meiner Abreise Deine eignen Notizen im verschlossenen Couvert an dem Dir bekannten Platz für meine Wertpapiere verborgen. Der Brief aus Lichterfelde ist auch noch bei mir - aber ob ich die andern fortschickte oder mitnahm, um sie nicht in der Wohnung zu lassen, in der ich bisweilen nicht sicher war vor indiskreten Eingriffen - ich weiß es nicht, u. wenn es mir das Leben retten könnte!
Aenne hat die Goethe-Biographie von Emil Ludwig unten, u. liest mir gelegentlich vor. Seltsam bedeutungsvoll!

Am 21. abends. Ich komme von einem schönen Conzert. Es war ein Händel-Abend. Die einfache Klarheit u. starke Innigkeit kamen in der vorzüglichen Wiedergabe fesselnd zum Ausdruck u. die etwas weniger ansprechenden Arien bekamen Reiz durch die glockenreine, entzückende Stimme von Tempe Seng-Heisler. Es war eine Stunde stiller Schönheit u. auf dem Heimweg lag ein zauberhafter Mondschein über dem verschleierten Tal. Ich war dankbar, daß ich diesen Eindrücken wieder offen sein konnte. Denn bisweilen kommt es mir vor, als ginge ich nur noch
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| automatisch durch diesen einförmigen Alltag, mit dem meine innere Welt so gut wie nichts zu tun hat.
Auch zu Dir, mein Lieb, kann ich nicht reden von den Gedanken die in mir ringen. Es ist das alles so verflochten mit den Ereignissen der letzten Monate, mit Deinem Buch, mit uns, daß ich damit schon warten muß, bis Du kommst. Denn Du wolltest es ja so. - Überall sonst aber fühle ich mich wie durch eine undurchdringliche Wand gebrannt von den Menschen. Man ist freundlich, man spricht über dies u. das, aber man versteht sich nicht. So ging es mir bei Schwidtals, in Hofgeismar, in Frankfurt - nur mit dem Onkel hatte ich einige Augenblicke wirklicher Herzlichkeit, die mir wertvoll bleiben werden. Das verdanke ich Dir, mein Lieb. Du hast wie immer mit dem rechten Gefühl mir beigestanden, den im Augenblick durch Aennes Hilfsbedürftigkeit erschwerten Entschluß zu fassen. Wenn ich nur auch real etwas für den armen alten Mann tun könnte! Wie soll das gehen, wenn er zu Haus der Pflege bedarf?! Eine schreckliche Frau, - bedauernswert! An ihr wird es einem recht deutlich, wie das Gegenteil des Guten eben einfach ein Unvermögen ist, kein böser Wille. Denn sie ist dabei garnicht glücklich.
Bertha von Anrooy wird als Fürsorgeschwester in der Tuberkulosebekämpfung eintreten. Sie ist tapfer u. lieb wie immer, sieht aber recht angegriffen aus. Am Sonnabend werden wir noch einmal zusammen sein. -
Heute Nacht träumte ich so lebhaft, wir wären wieder in dem Märchenwald bei Münden, du necktest mich wieder mit der Zeche Garenberg, zu der wir bald kommen würden. - Ob wohl dort oben auch so abgeholzt ist wie hier allenthalben?
Und doch ist die Welt nicht umzubringen. Wenn mir die Sonne scheint, dann meint man schon, das Kommen des Frühlings zu spüren. Gut nur, daß die arge Kälte nun doch vorbei ist. 2-3° sind ja erträglich, wennschon ich doch das stete Frieren recht leidig bin. Von blühenden Mandeln ist dies Jahr absolut noch keine Rede. Es muß gut gehen, wenn sie zu Deinem Empfang aufgehen. - - Für Deine Reisepläne ist diese lange Kälte auch hinderlich. Wo soll sich im März ein mildes Plätzchen finden? Schließlich wäre doch Freudenstadt
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| vielleicht das Beste, falls die Linde geheizte Zimmer hat. Aber ist Dirs nicht doch zu einförmig nochmals dorthin zu gehen?
Ach, dieses widerspruchsvolle, ewig wechselnde, hinbrausende Leben! Ewig das Gleiche u. immer anders. Wie rasch ist die vermeintliche Sicherheit dahin! Immer will sie wieder von neuem erkämpft sein. - Die Aufgabe, die Du auf Dich nahmst ist schwer - wie Dein Leben immer war. Das aber möchte ich Dir geloben, daß ich mit meinem ganzen Willen Dir helfen will, daß Du frei u. unverkümmert Deinen Weg gehen kannst. Der Gott in Dir führt Deine Schritte.
Weißt Du, daß ich seit der Eilkarte vom 2.II. keine Nachricht mehr von Dir hatte? Das ist eine lange, lange Zeit! Und immer noch 17 Tage bis zum 10. März!
Ich grüße Dich innig. Und so fortan in Liebe u. Kraft!
Deine
Käthe.