Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Februar 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29. Februar 1924
Mein liebes Herz.
Gern hätte ich Dir gleich geschrieben u. Dir gesagt, wie sehr mich Dein lieber Brief erfreute. Das war mein schönstes Geburtstagsgeschenk, daß wieder ein so frischer, zuversichtlicher Ton aus Deinen Zeilen klingt. Inzwischen sind nun die Tage weiter geeilt, der Semesterschluß ist hier schon erreicht u. auch Du bist hoffentlich durch die ärgste Arbeit hindurch. Noch 10 Tage u. ich sehe Dich wieder! Du hast sehr recht, daß Du ein weiteres Reisen zunächst für unzweckmäßig hältst. Auch hier ist noch völliger Winter u. ich sehe nicht ein, wie das in Baden-Baden anders sein sollte. Da müßte man schon weiter fahren u. das lohnt nicht.
Am 25. hattest Du entschieden mehr Festlichkeit als ich. Für mich war es doch das Schönste, abends in meiner Klause mit Deinem Brief, Deinem Buch u. dem Tagore allein zu sein. Für den danke ich Dir sehr. Es ist ein tief religiöses Buch, erfüllt von der Glut des Lebens. Dunkel u. leuchtend - keine Lehre, ein Wissen - Und mit Andacht lese ich auch immer in Deiner Jugend-Psychologie. Ich empfinde es so, als sagtest Du: seht wie reich das Leben ist, helft ihm, daß es seine Blüten frei entfalten kann! Die Jugend, die Du schilderst, ist von Deinem eignen Reichtum beseelt u. von überzeugender Wahrheit. Du meintest einmal, man könne dies Buch nicht schreiben, ohne genaue Kenntnis des Pathologischen. Ich denke aber, das ist ein Gebiet für sich, wie auch in der Anatomie. Erst soll man den gesunden Menschen kennen in seiner geraden, unverbildeten Entwicklung. Wie sehr die oft trotz des besten Willens gehemmt werden kann, das wissen wir alle aus Erfahrung. - Der Contrast zur Welt des Kindes, diesem ganz unreflektierten, selbstverständlichen Hinnehmen ist so klar geschildert. Es ist mir so recht das eigentliche Menschwerden, das Ende des dumpfen, harmlos glücklichen Vegetierens.
Es ist auf jeder Seite Deines Buches eine solche Fülle von Gedanken u. tiefem Verstehen, daß ich gar kein Ende finden könnte, Dir davon zu reden. Ich habe im Januar das Ganze - soweit ich es habe - mit brennenden Interesse durchgelesen wie einen spannenden Roman. Selten habe ich gezweifelt, aber öfters mit Erstaunen als typisch geschildert gesehen, was ich für zufällig u. individuell gehalten hatte. Es ist doch seltsam, wie im Grunde alle Menschen gleich sind! Und doch diese fabelhaften Unterschiede! - Am schönsten ists, wie immer u. überall der Pädagoge durchschimmert.
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| Alles ist mit dem Sinn der Erhöhung u. Veredlung des Lebens gesehen. Und alles lese ich jetzt noch einmal wie neu, denn ich bin auf einmal in vielem sehender geworden.
Weißt du, ich muß schon sagen, daß ich wohl von einer fast einfältigen Harmlosigkeit bin. So sonderbar: oft überfeinfühlig, u. oft wie blind.
So ist es eben auch an der Tagesordnung, daß ich stundenlang vergeblich suche, u. schließlich war die Sache doch vorhanden. So suchte ich die Briefe, u. war sehr schuldbewußt, sie verloren zu haben. Gestern ging ich noch einmal an das "Geheimfach" u. - da lagen sie bei Deinem verschlossenen Couvert! Ich bin wie erlöst. - Was aber dann aus der schwarzen Tasche verschwunden ist, weiß ich in der Tat nicht!
Heute suchte ich den Aufsatz von den "Grenzen der Seele" - (1912) - überall vergeblich! Er war in einer Mappe im Bücherschrank. - Was ist eigentlich der ganze Besitz, wenn man ihn nicht immer gegenwärtig hat! Gegenwärtig allerdings ist der schöne Aufsatz mir im Herzen.
- Für die Heimatkunde läßt Onkel Dir durch mich vorläufig danken. Er hatte einen kleinen Rückfall, war aber wieder wohler. Dagegen höre ich über Halle, daß Weinel schwer krank gewesen sei u. zwar angeblich Rippenfellentzündung. Wenn nur Ada jetzt wirklich gesund ist! Ich möchte ihr schreiben. Habe noch unendlich viel zu tun in dieser Woche. -
Ganz besonders [über der Zeile] lebhaft berührte mich ein Kärtchen von Susanne. Ich hatte garnicht erwartet, daß sie an mich denken würde u. war sehr froh, nun dadurch wieder den unbefangenen, freundschaftlichen Ton ihr gegenüber finden zu können. Ich wollte, sie schriebe mir mal wieder!
Von Hermann, Aenne, Walther kamen auch Briefe. Bei Ruges war Werner Jaeger zum Sonntags-nachmittags-kaffee. Wie schade, daß Du das nicht auch mit ihm haben konntest als Ihr noch Nachbarn wart.
Wirst Du auch den Grandseigneur in Berlin lassen, wenn Du herkommst? Sonst fürchte ich mich am Ende! Aber froh bin ich über den großen Umfang Deiner Person u. Deines Geldbeutels. Das redet doch von einigem Behagen! Sei froh daß Du den Lebertran verträgst, ich nehme ihn auch, aber zum Stiefelschmieren! -
Bald also - hoffe ich - hat das Schreiben ein Ende. Ich hole Dich ab am Bahnsteig, schreibe nur genau den Zug. Nun also noch einmal tausend Dank u. viel herzliche Grüße. Ich erwarte Dich mit Ungeduld.
Deine Käthe.

[Kopf S. 1] Die kleinen Kuchen waren leider schlecht. Das Gas brennt nicht. Sie waren 2 Stunden im Ofen u. es sollte ¼ Stunde genügen!