Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. März 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30. März 1924.
Mein geliebtes Herz.
Es ist sehr viel von Dir hier geblieben dieses Mal, teils durch Deine, teils durch meine Schuld. Das Bücherpacket schickte ich gleich zwischen 4 u. 5 Uhr nachmittags ab. In den Briefen, die ja beantwortet sind, wollte ich noch den von Litt suchen, von dem Du mir sprachst. Er war aber nicht dabei. Statt dessen fielen mir die von Susanne in die Hand u. ich hoffe, Du zürnst mir nicht, daß ich sie las. Es geht ja doch schließlich uns alle beide an. - Ach warum ist das Leben so dunkel - u. in uns diese brennende Sehnsucht nach Licht! Warum dieser ewige Zwiespalt in uns - um uns? Ich glaubte, der härteste Kampf läge hinter uns u. nun kam von neuem diese unheimliche Qual. Ja, das Leben ist durch u. durch tragisch - aber unterliegen wollen wir nicht. Ich will nicht, daß diese Zerrissenheit Dein heilig Leben zermürbe, ich will alles, alles tragen, nur Du sollst wieder frei u. stark sein, sollst in unbeirrter Sicherheit der Stimme Deines Innern folgen können. Glaube mir, was auch geschehe, uns kann nichts trennen. Anfangs meinte ich wohl, ich müsse daran zerbrechen, ach, u. das Herz ist schwach u. sehnsüchtig, aber die Liebe ist über allem u. sie ist unüberwindlich. Wir sind eins in einem Geist u. Sinne, der unvergänglich ist. Idealismus ist Liebe des Höchsten - u. Du bist das Höchste in irdischer Gestalt, das mir begegnet ist. Niemals wirst Du Deinem Sein etwas wirklich zu Eigen machen, was nicht eine Erfüllung im höchsten Sinne wäre. So laß uns vertrauen u. mit einander weiter gehen wie bisher.
Gestern, als ich endlich vom Bahnsteig zurück ging, traf ich mit Dietrich Schäfer zusammen, der seine Tochter Lina besuchen wollte, die jetzt hier wohnt. Er bleibt nur zwei Tage hier, aber sie versprach, mich zu besuchen. - Dann ging ich in der Stadt von Laden zu Laden. Jedes einschlägige Geschäft der Hauptstraße untersuchte ich nach solchem Brustschützer - vergeblich. Endlich, wohl im 15. - bei Henski am Markt, im Hause der Jungfer Delf, fand ich noch einen Restbestand. Hoffentlich ist Dir das Ding so recht. So warm wie das bisherige ist es nicht. Auch noch etwas Anderes erstand ich auf diesem Wege, ebenfalls nicht so schön, wie ich es gern gehabt hätte. Aber es gab keine Wahl u. auch dies erst im 3. Geschäft! So ist halt Heidelberg.
In den Münchner Neuesten vom 28. sah ich die Abschlußreden vom Prozeß u. kaufte mir das Blatt. Gewiß ist die Sprache gesteigert durch die Erregung des Augenblicks, aber es scheint mir nirgends eine Phrase - alles ist echte Überzeugung. Möchte doch dieser Hitler noch zum Erretter werden können. Er soll die Politik führen u. Du die Kultur. Dann gibt es einen neuen, starken Staat.
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- Bei der alten Frau Seitz, der armen blinden, geistig u. körperlich halbgelähmten [über der Zeile] war ich, u. hörte von ihr, daß Gertrud Spröhnle "im siebenten Himmel" sei durch eine politische Versammlung. Näheres war leider nicht zu erfahren. Dann ging ich noch zu Frau Gunzert, die immer wohltut mit ihrer ruhigen, abgeklärten Art. Ich mochte wohl nicht allein sein, hatte vorher lange auf der Brücke gestanden u. in das liebe Tal hinaus gesehen, den braunen, mächtigen Wassermassen entgegen. Der Neckar ist sehr beträchtlich wieder gefallen, aber noch immer unruhig genug.
Bei den Sachen, die Du auf meinen Schreibtisch legtest, fand ich ein Notizbuch, das hoffentlich nicht nur vergessen ist. Jedenfalls möchte ich es jetzt noch eine Weile behalten u. mich in den Inhalt vertiefen, falls du es nicht entbehrst. - Für die Worte in den Büchern innigen Dank. Auch mich hatte der 11. Gesang tief ergriffen - Verbergen u. Suchen immerdar, u. immer neu u. immer reich - Aber nicht in kontemplativer Stille wie dem Inder läuft uns das Leben dahin - es ist ein hartes Ringen bis auf Blut. - Wenn nur der tägliche, aussichtslose Kampf nicht wäre! Du ahnst doch nicht wie qualvoll das ist - wenn man sich "Menschenhaß aus der Fülle der Liebe trank" - oder doch, Du weißt es; aber Du weißt nicht, wie das auch mein Leben vergiftet. Ich suche vergeblich zu überwinden u. auch Du wußtest mir keinen Rat.
Wie ungeschickt ist auch immer die Art. Gestern abend, als ich nach Haus kam, trafen wir zusammen: "Wo warst du denn? Bei Frau Gunzert? Wie kamst Du denn dazu?“ - Was soll man darauf antworten?
Gestern war auch Frau Maier mit der Tochter bei mir. Sie wollte Grüße für Dich mitnehmen, wußte nicht, daß Du hier warst. Als sie über Deine angegriffene Gesundheit sprach, nahm ich Gelegenheit Deinen Auftrag wegen der Mitarbeit in der Fakultät auszurichten. Aus ihren Worten aber ging mir hervor, wie beruhigt Heinrich Maier ist über Deine Art, die Geschäfte zu führen u. wie er sicherlich keine Initiative ergreifen wird. Ja, es erschreckte mich die Vorstellung, daß damit womöglich eine Aktivität zur Unzeit wachgerufen werde könne. Denn es hat doch nun einmal nicht jeder dies feine Gefühl für die notwendigen Consequenzen einer Situation.
- Bei meiner Rückkehr fand ich dann vor dem Spiegel Kamm und Bürste, die ich für mein Eigentum gehalten hatte. Und im Bett war heute morgen noch Dein Nachthemd. So gibt es tatsächlich noch eine ganz beträchtliche Nachsendung, da es nicht als 2 kg. Päckchen geht.
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Beim Essen sprach ich von Hitler u. bemerkte, daß das Centrum gegen ihn ist. "Ja gewiß, er wolle die Einheit Deutschlands. Aber er wolle sie machen u. kein andrer solle es tun! Also wieder das alte Elend der Gespaltenheit. -
Heute morgen kam die Karte von Frau Riehl, die ich mit diesem Brief schicken will, damit Du sie bald bekommst. Zum Glück sind die Nachrichten gut. Aber wie unsicher ist die Schrift geworden.
Etwas Merkwürdiges ist mir heute morgen begegnet. Ich fand in meinem Papierkorb einen alten Druckbogen mit Korrekturen einer fremden Hand. Und darauf eine derart selbstverständliche Anwendung Deiner Kategorien, daß ich ganz bestürzt war. Es steht nichts darin, was Du nicht auch schon gesagt hättest - aber in einer etwas schroffen, knappen Tonart. Der Bogen ist von Dir als Einwickelpapier benutzt, woher mag er wohl stammen? Es scheint mir Kraft darin zu sein.
Wir aber, meine über alles geliebte Seele, wollen uns nicht um die Kraft zu leben bringen lassen. Es ist einmal wieder eine Ebbe, eine Zeit der Erschöpfung in Dir. Aber darin liegt kein Recht, am Sinn des Lebens zu verzweifeln. Denn der Sinn liegt in Dir als ewig treibende Kraft u. alles Äußere ist ja doch nur Stoff der Gestaltung. - In mir ist neue Zuversicht seit Deinem Hiersein. Glück und Leiden, Hoffnung und Verzicht mischen sich wunderbar - in mir, u. indem ich beherrscht mich einem geahnten Sinnzusammenhang einfüge, fühle ich neue Kraft u. Freiheit, für Dich u. mich zu leben.
Ich will noch heute diesen Gruß zur Post bringen. Fühle daraus, wie all mein Sein trotz Kampf u. Not mir immer wieder in Dir seinen Frieden findet.
Deine
Käthe.

[] Ich vergaß Dir die gesammelten Billionenscheine zu geben, u. lege sie deshalb hier bei. Das Übrige, was noch fehlt kommt morgen in Gestalt von 2 Päckchen.