Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30./31. März 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30.III.24.
Mein Lieb,
ich kann das Päckchen nicht fortgehen lassen ohne einen Gruß beizufügen. Wie gern wüßte ich, ob Du die Reise ohne Schädigung überstandest, ob die scheinbare Erholung der letzten paar Tage sich tatsächlich auch nachträglich fühlbar machte. Hoffentlich kommen die verschiedenen Sendungen alle gut in Deine Hände. - Heute schrieb ich nun den Brief an Frau Oesterreich fertig u. gratulierte Lili Scheibe zum Geburtstag. Nach dem Kaffee ging es mit Aenne auf - den Friedhof. Sie wollte sehen, ob der Epheu auf dem Grabe nicht zu sehr erfroren sei. Wir stiegen dann noch am Berg in die Höhe bis an den Waldesrand, wo Luise Seitz ruht, u. ich sah draußen im Lichte die Kirche von Ketsch u. den Speyrer Dom mit stillem Gruße.
Nach dem Abendbrot las ich noch einmal die Hitlersche Rede. Wenn Du keine Gelegenheit hattest, diese letzten Verhandlungen ausführlich zu sehen, dann schicke ich Dir meine Zeitung. Es ist ein so starker Eindruck von nationalem Willen u. echtem Staatsgefühl, daß man mit Dankbarkeit fühlt: hier ist ein Wille, den keine Hindernisse schrecken. Möchte er rein bleiben von falschem Ehrgeiz, dann wird er Deutschland zu neuem Aufschwung fortreißen. - Immer wieder beschäftigt es mich, ob Du recht tust, Dich dem Politischen zuzuwenden, ob ein Mensch von einer so starken Verwundbarkeit in den brutalen Kampf hineingehen soll. Denn ich glaube, daß Deine Aufgabe vor allem ist, erweckend, klärend, organisierend zu wirken. Die Härte u. Rücksichtslosigkeit,
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| der schrankenlose Kampf der eigentlichen Politik erfordert, meine ich, eine weniger verletzliche Seele. - Bist Du nicht schon jetzt im Vorgefühl einer Kampfesansage von Birkemeier schmerzlich berührt? Sage doch nur, wenn er fähig dazu ist, dann wird er als echter Schüler über Dich hinausgehen, wie Du über Dilthey - aber nimmt er Dir damit etwas von Deiner Größe? Du hast dem großen Tuch des Lebens Dein bleibend Muster eingewebt - mögen andre es fortführen. Dein Werk ist bleibend, schöpferisch, fortzeugend. - Kannst Du Dich unempfindlich machen gegen schmähliche Angriffe in Wort u. Tat? Kannst Du unabhängig von Lob u. Tadel unverwundbar Deine Ziele verfolgen? Ich möchte schützend eine Siegfried-haut um Dich breiten können, um fern zu halten, was Dich beständig ritzt u. quält, denn ich weiß, wie wund u. müde Dich der Kampf des Lebens macht.
Wenn du jetzt nach Düsseldorf gehst, so denke daß die Stunde naht, wo wir es befreien werden. - Die Revolution hat nur negative Kräfte besessen, sollte es da nicht möglich sein, sie zu überwinden? Ist es nicht selbstverständlich, daß auf diesen Mißerfolg, der sich täglich fühlbarer macht in seinen Wirkungen, eine starke Gegenbewegung eintreten muß? Sie zu klären, bewußt zu machen, zu vertiefen, das scheint mir das Fruchtbarste - das was aus dem Leid der Erniedrigung eine Kraft der Abwehr wachsen läßt. Möchtest Du Zeichen dieses neuen
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| Willens zum Leben dort in dem bedrohten Gebiet finden u. möchte man Verständnis dafür haben, daß nicht die goldnen Verheißungen der Revolution, sondern nur die strenge Zucht eines auf dem Pflichtgefühl jedes Einzelnen erbauten Staates uns vor dem Vergehen retten kann. - Möchte der ästhetische Grundzug der Jugendbewegung, der sich so wenig zu fester Lebensgestaltung eignete, sich wandeln zu dem Ernst der Gemeinschaftsverpflichtung. In einer neuen Wahrhaftigkeit des Volkes sieht Hitler das Heil. Wie ich höre, soll man in der Reichswehr von den Leuten fordern, daß sie sich für 12 Jahre verpflichten, sie aber nach einer Ausbildung von 2 Monaten entlassen, um neue aufzunehmen. Das scheint klug - u. doch, kann man in 2 Monaten einen Einfluß gewinnen auch nur annähernd, wie ihn früher die Erziehung dreier Dienstjahre übte? Wohl verbindet es die Leute einmal wieder mit einem geordneten Staatsdienst, aber wie Recht hat Hitler mit der moralischen Kritik an unsrer Staatsvertretung, die keine Achtung u. keine Hingabe erzeugen kann. Aus Interessenpolitik geboren, sucht jeder nur sein eignes Interesse. In dieser Karikatur eines Staates, der
- - Es ist spät u. morgen beginnt die Berufsarbeit wieder. Darum ade für heute, mein liebstes Herz. -
In Liebe u. Treue
Deine Käthe.

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Sage, Du hattest unten erzählt, das Mittagessen in B.-B. habe 7 M gekostet. Aber das war doch für 2 Personen! Ich stutzte gleich, glaubte aber natürlich, ich hätte mich geirrt. Es wäre doch auch garzu abenteuerlich.

Am Montag früh. Es ist ein wunderbarer Morgen heute, wolkenlos, selbst in der Sonne erst 10° u. köstliche Frische in der Luft. Könnte es so nicht auch für Dich sein?! Statt dessen geht es jetzt in die Fronarbeit. Mir graut davor, u.
Fühle aus meinen Zeilen, Du geliebter Mann, wie Deine Not in mir nachzittert. Ich bin nicht blind gegen die Realitäten des Lebens, aber ich glaube an die Kraft, sie zu bändigen u. zu gestalten. Ich glaube an die Kraft Deiner Seele - nur möchte ich zu Dir sagen: Landgraf, werde hart! Denn nur so erträgst Du auch die Härten dieser realen Welt.
[re. Rand] Bitte, schreibe mir genau, wie u. wann meine Briefe Dich auf den Reisen erreichen. Ich möchte nicht gern, daß sie vorher geöffnet würden.
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<beiliegendes Kärtchen>
Die Liebe höret nimmer auf.
Heidelberg. am 29. März 1924.