Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, März 1924 (Heidelberg)


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Mein geliebtes Herz.
Es liegt ein Druck auf mir, den ich vergeblich zu überwinden suche. Ich höre in Deinen Worten eine innere Abwehr, für die ich angstvoll nach dem Grund suche. Es ist, als ob ein böser Dämon mich verfolgte - schon seit Weihnachten. - Der Anfang war für mich der Moment, als Walther mir das Buch fortnahm. Dann kam die endlose Kette der Aufregungen u. zu allem noch die Erkrankung des Onkels. Ich war so betäubt, daß ich in Kassel u. Frankfurt nur wie nachtwandelnd dahinging u. nur durch die Freude des Onkels für Augenblicke ein Gefühl meiner selbst bekam.
Du wirst begreifen, daß ich nicht mit kurzer Entschiedenheit <3 Wörter unleserlich> fortkam, die Deine Briefe in mir auslösten. Ich habe keine Menschenkenntnis, wie du sagst u. ich vermute, daß all das was noch damit zusammenhängt, die angebliche Menschenfurcht - einfach dasselbe ist. Ich bin von Jugend auf nicht gefällig gewesen. Ich habe ein weltfernes Leben gehabt. Aber ich habe einen ziemlich sicheren Instinkt für das Wesen der Menschen u. vor allem für den notwendigen inneren Ablauf ihres Erlebens. Ich habe das in hohem Maße für dich, viel mehr als du ahnst. Denn die Veränderung in dir ist mir schon Jahr u. Tag bewußt, aber ich suchte dabei nicht weiter nach Gründen außer dir, sondern in dir. Und das ist es doch schließlich auch immer. Du sprachst vom Zusammenbruch einer Weltanschauung,
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| der kann durch äußre Ereignisse wohl ausgelöst werden, seinen Grund hat er doch im Menschen. Denn Weltanschauung ist doch das vergrößerte Spiegelbild des Menschen, u. trägt den Mangel seines Wesens.
Du bist mit allen Kräften hineingewachsen in den objektiven Geist u. alles Persönliche geht darin unter. Ich verstehe das. Es ist das, was mir Dein Leben heilig macht. Es ist das, wofür ich alles zum Opfer bringen kann, selbst das Leben meines Lebens: mein Sein in dir. Wenn du mir sagst, du brauchst jetzt andres, als ich geben kann, so will ich niemals Last u. Schwere durch Klagen auf Dein schon so opfervolles Leben häufen.
Ich habe viel törichte Worte geredet, ich bin mir dessen voll bewußt. Das macht mich dann erst recht wortscheu. Meine Ausdrucksweise ist nie präzis, u. <mehrer Wörter unleserlich> zu besinnen, nicht zum wenigsten veranlaßt durch viel unruhvolle Nächte. Denn du weißt ja doch auch, wie müde das macht. Und dann will auch das Reden geübt sein, in der Einsamkeit verlernt es sich. Ich habe dir so viel zu sagen, wenn ich nachts mit meinen Gedanken allein bin.
Es ist nicht wahr, daß ich nur oberflächlich bei deinen Vorlesungen dabei sei. Die Jugendpsychologie war für mich von erschütterndem Eindruck, auch wenn ich Einzelheiten davon nicht wiedergeben könnte [über der Zeile] so sind sie mir doch wohl gegenwärtig. Sie hat in mir tief gewirkt. - Die pädagogischen Vorlesungen liegen meinem persönlichen Sein nicht so nahe, aber das Wesenhafte Deiner Lehre dieses schöpferische Wirken, das fern von jeder
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| mechanischen Technik die Kunst des Erziehens zu wecken sucht, das fühle ich aus jedem Wort. Du sagtest mir damals, ein System sei eigentlich noch garnicht zu geben. - es wächst eben erst mit Dir u Deiner Reife. Denn die großen Erzieher sind es doch durch ihre das Leben beherrschende Persönlichkeit.
Wenn auch die Fülle des Wissens weit weit über meine Fassungskraft geht, den Geist, das Wesenhafte, vermag ich zu fassen. - Möchten die Tage für eine physische Stärkung gewesen sein u. die eiserne Energie Deines Wesens sich wieder frei entfalten können. Denn nur so ist das Leben lebenswert. Zweifle nicht immer wieder an der Wirkung Deiner Lehrtätigkeit. Sie wird immer weitere Kreise ziehen u. von entscheidendem Einfluß sein. Es ist ja doch niemand, der Dir zu vergleichen wäre u. daß die Jugend das fühlt, zeigt sie Dir doch offen. Und die Besten sind es vielleicht, die nicht persönlich hervortreten.
Aber Du zweifelst ja gar nicht. Es geht Dir nur zu langsam. Wir brauchen so dringend ein kraftvolleres, opferwilliges Geschlecht, wie es an Deiner Lehre u. Deinem Wesen emporwächst. Es geht Dir nicht schnell genug, denn die Not und Verwirrung ist ja so groß. Aber Du weißt ja, daß alles Gesunde langsam wächst - u. Du willst nichts Künstliches, Gewaltsames. Nur von innen heraus kann Deutschland gesunden, u. an Dir hängt diese Hoffnung.
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Laß Dich an mir durch mangelnde Geistesgegenwart nicht irre machen. Das innre Erleben ist wach in mir u. hat seine tiefe, bleibende werterfüllte Glut. Das andre ist nur eine getrübte Oberfläche, u. es wäre leicht, sie zu glätten.
Hilf nur, mein Liebstes, mit ein klein wenig Geduld, daß die Seele wieder frei werde von bangen Schatten. In mir habe ich sie schon hundertfach niedergekämpft, aber Deine Vorwürfe machen mich an mir selbst unsicher. Bin ich so minderwertig? Ich fühle doch die Ruhe eines gottbestimmten Schicksals! Mag ich keine Menschenkenntnis haben, die geheimen Zusammenhänge des Lebens sind nur tief <Wort unleserlich> u. ich verehre die Notwendigkeit, die mich treibt. Es ist ein reiner, heiliger Wille u. all mein Lieben u. Leben ist nur Dein.