Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2./3. April 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. April 1924.
Mein liebstes Herz,
hab Nachsicht, wenn ich schon wieder schreibe. Vielleicht gibt es doch einmal 10 Minuten Zeit, daß du es lesen kannst! Nach ein paar einzig schönen Tagen - klar, sonnig u. belebend - ists heute wieder trübe u. kühl. Ich bin in Gedanken unablässig bei Dir u. meine heißen, treuen Wünsche geleiten Dich. Ob Du wohl ein klein wenig erholt zurück kamst? Du sahst doch zuletzt ein wenig besser aus u. so male ich mir gern aus, daß Du Dich auch etwas wohler fühlen möchtest. - Mirgeht es wechselnd. Die Nerven sind immer noch etwas rebellisch. Aber ich kämpfe tapfer dagegen an. -
Viel habe ich Dir zu berichten. Zunächst von der Klinik. Ich bin erstaunt, wie diese trostlos unpersönliche Arbeit doch durch den Zwang zur Selbstzucht zur inneren Hülfe werden kann. Denn die Öde nach Deinem Fortgehen ist wie immer grenzenlos. - - Mit Dr. Gans bin ich in gutem Einvernehmen, er riet mir heute sogar, Springer 10 Stunden mehr anzurechnen, da meine Arbeit sonst zu billig wäre. Überhaupt habe ich mir ihm gegenüber nachgerade trotz meiner Zurückhaltung u. angeblichen "Schüchternheit" eine durchaus entsprechende Stellung gesichert. Auch behauptet er, in Berlin beim Verlag mein Lob in allen Tonarten gesungen zu haben, sodaß man meine Forderungen jederzeit bewilligen würde. Aussicht auf Arbeit ist zunächst noch für 1 Jahr. -
Abends habe ich den Vortrag von Werner Jäger gelesen. Ich empfinde durchaus dasselbe wie Du: es ist ohne Kraft. Eine feine historische Abhandlung mit leisen Anklängen an moderne Verhältnisse, aber als er zur Gegenwart übergehen will, fällt es auseinander. Wenn man sich dazu noch denkt, daß der Vortrag leise u. schwer verständlich war, dann begreift man, daß er nicht wirken konnte. Wie anders hätte man gegen den Ablauf der griechischen Staatsentwicklung die Forderungen an den heutigen Menschen als Träger des Staats abzeichnen können! - -
Wie schwer ist es, sich aus den wenigen Zeugnissen, die von einem Menschen der Gegenwart zu einem dringen, sich ein richtiges Bild zu machen. Ich möchte an Hitler glauben u. frage mich doch auch wieder: ist er kein falscher Demetrius? - Gertrud Spröhnle, die Stimme der Jugend, ist begeistert für ihn. Seine Rede
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| hat große Macht über die Menschen. Dr. Berenbach weiß, daß er mit seinen Vettern in Linz das Gymnasium besucht hat u. "nichts ist, als ein großer Lump!" Ein ehrgeiziger Abenteurer - - ? Die Quintessenz der mit verschiedenen Seufzern begleiteten Betrachtung war: "Glauben Sie mir, wenn diese Rechtsparteien am Ruder bleiben, dann haben wir in kürzester Zeit wieder einen Kulturkampf, u es ist jetzt nicht mehr so, wie in den 70er Jahren." Also Besorgnis des Centrums. Ob mit Recht? Gute Freunde von B., die ihn für protestantisch halten!, haben schon derartige Äußerungen getan. Ist da irgend welches Gewicht auf seine Behauptungen zu legen?
Interessanter war mir Frl. Dr. Herbig, die lebhaft über den B.D-J. sprach. Da gehen offenbar auch innere Wandlungen vor sich. Die Jugend fängt an politisches Interesse zu gewinnen, Staatsinteresse über der Parteilichkeit. Sie schließt sich wieder mehr der älteren Generation an, die sie vorher ablehnte u. will zur Mitarbeit u. strenger Zucht heranwachsen. Es scheint eine starke Zusammengehörigkeit u. lebhafter Austausch in diesen Gemeinschaften zu herrschen. - Seltsam charakterisierte man die Wesensart des Bayern im Gegensatz zum Norddeutschen: daß er vom Volks- u. Heimatgefühl zum Religiösen (was bei diesen Leuten offenbar gleichbedeutend ist mit Selbsthingabe an ein Höheres) komme, der andre umgekehrt.* [li. Rand] * Ich möchte so sagen: daß das Religiöse beim Landbewohner mehr aus dem Heimatgefühl, beim ruhelosen Städter mehr <Fuß> aus dem Ich hervorwächst. Das ist entweder sehr unklar ausgedrückt, oder falsch. Aber ich verstehe sehr wohl, daß der Mann der eignen Scholle anders zur Volksgemeinschaft steht, u. einen andern Weg zum Staatsethos geht, als der entwurzelte Fabrikarbeiter, - wenn überhaupt!
Auch habe ich schon 1,10 M verdient, u. freue mich, auf diese Weise u. mit tieferem Verständnis Dichtung u. Wahrheit wieder zu lesen. - Du gabst mir Band 21/22 zum Abschreiben, aber in 20 sind doch auch noch Bemerkungen. Wolltest Du die nicht?
Wenn ich jetzt abends allein bin, lese ich Deine Jugend-Psychologie von neuem. Ich bin so froh, daß nun doch die größere Wärme mir wieder ein freieres Leben möglich macht. Es war diesen Winter doch garzu schwer: viel Hausarbeit, Pflege, Augenschmerzen u. Müdigkeit, denn auch die Kälte macht müde - es scheint mir jetzt alles so viel
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| leichter. Ich habe sogar die abenteuerliche Idee, mir Frau Weinkauf doch wieder mindestens 3 x in der Woche zu bestellen. Die Unordnung, wie sie im Winter oft um mich herrschte, wirkt peinigend u. doch reichten Zeit u. Kraft nicht, um selbst drüber Herr zu werden. Was meinst Du, hältst du es nicht für einen zu großen Anspruch?
In der Bibliothek ist alles in Ordnung abgeliefert, auch im Lesesaal abbestellt. Dr. B. bot seine Hülfe an, wurde aber dankend abgelehnt. Er erzählte übrigens, daß ein Bekannter auf der Wolkenkur gegessen habe: Suppe, Lachs, gebr. Hahn, Dessert - nicht satt geworden sei u. 5 M bezahlt habe. Da wars doch in B.B. mäßig.
Was sagst Du wohl zum Urteil in München? Mir kommt das alles garnicht vor wie ernste Rechtsprechung, sondern wie ein Schauspiel. Da ist allenthalben nur Rücksicht maßgebend, Rücksicht gegen das Ausland u. gegen die eignen Parteien. Es ist klug u. diplomatisch, der Form genügt. Es war sicher gut, keine Märtyrer zu machen. - Aber was wird geschehen? Wird ein neuer Putsch versucht werden? Ludendorff ist doch viel zu sanguinisch für einen Politiker. Ich habe kein Vertrauen zu seiner Einsicht. Ich bedaure, die Verhandlungen nicht genau gelesen zu haben, um doch etwas eignen Eindruck von den Menschen zu erhalten.
Für heute gute Nacht, mein Lieb. Ob wohl morgen endlich eine Nachricht von Dir kommen wird? Ich ersehne sie sehr.

Am 3. April. Also wirklich! Habe vielen Dank für Deinen kurzen Bericht. Ich will ja gern geduldig sein, wenn du nur dazwischen mal eine Karte schreibst. - Also lange Conferenz mit dem Dekan! Ob noch was zu retten war, oder ist die Sache nun verschleppt? - Und wie steht es mit dem Abbau von Susanne? Das muß doch wohl endlich mal entschieden werden.
Mein Tageslauf geht nun wieder seinen gewohnten Gang. Die Ernährung suche ich auszugleichen. Aber damit allein ists nicht zu machen, wie Du weißt. Man kann nicht erwarten, daß die Nerven frisch sein sollen, solange die Seele wie betäubt darnieder liegt. Aber das wird nun von Tag zu Tag besser. Ich gebe nicht nach, u. mein stiller Kampf wird nicht vergeblich sein. Wenn Du nicht wärst, dann neigte ich wohl dazu, einmal mutlos auf allen Sinn u. Zweck zu verzichten. Denn es waren wieder Tage, wo ich nur mit größter Überwindung das tägliche Zusammensein ertrug. Du weißt doch, daß sich enttäuschte Liebe in Haß verkehrt, u. daß sich alles in uns gegen den
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| Menschen kehrt, der unter dem Schein des Guten u. des Rechtes unser freudig gegebenes Leben achtlos verbrauchte. - Aber ich denke an Dich u. da wächst meine Kraft. Diese tiefe Gemeinsamkeit von 21 Jahren kann nicht sinnlos werden, kann nicht vergehen. Susanne schrieb, daß es unerträglich sei, wenn der Mensch von dem zerissen werde, in dem er Erlösung finde - u. sie ahnt wohl garnicht, daß es seit Jahren ihr unablässiges Bemühen ist, mir das anzutun, was als elementares Schicksal immer noch eher zu ertragen ist. Darum ist es in mir unumstößliche Gewißheit geworden, daß wir die tiefe Verbundenheit unsres Lebens einfach garnicht zerreißen können, daß sie wir selbst geworden ist, uns hebt u. trägt, wie auch das Schicksal sich wende. Das ist eine Größe, mit der jeder zu rechnen hat, der uns nahe kommt. -
Die Nachrichten über Heinrich Scholz u. Frau sind trostlos. Es scheint mir so, als wenn diese wachsende Verdüsterung recht hoffnungslos wäre. - Ganz ungemein tragisch sind auch die Nachrichten, die Aenne gestern von Rohrbach mitbrachte. Wolfgang Mathy steckt in Schulden, weiß nicht mehr, wovon er seine Familie ernähren soll. Die Frau hat einen Schüler in Mathematik, - der nicht zahlt; u. das Ehepaar ist anscheinend in schwerem Conflikt mit einander. Was soll da nur werden!
- Bitte, behalte den Band Goethe dort, bis man ihn mal persönlich befördern kann. Ich möchte die Postbestellung nicht riskieren, da ja im Verlustfalle das ganze Werk zerrissen wäre. - Und Frl. W. sage bitte, daß sie von Deinen Taschentüchern die heraussucht, die A. M. gezeichnet sind u. sie zu Hause mitwäscht. Ich will sie nicht haben, nur sollen sie nicht verloren gehen, weil man sie nicht als Dein erkennt. Sie müssen wohl in Rocktaschen geblieben sein, denn einzeln waren keine. Ich benutze solche riesengroßen Tücher nicht!
Nun muß ich wohl Abschied nehmen vor der Reise nach Düsseldorf. Denke mein in Cöln, wie ich mit meinem Herzen immer bei Dir bin. Grüße alle: Riehls, Susanne, Maiers, Frl. W. - u. wenn es sich machen läßt, sage Frau Maier, daß es nicht immer so unordentlich bei mir aussieht, wie unmittelbar nach Deiner Abreise!
Immerdar
Deine Käthe.

Grüße auch den Rhein, der von der Reichenau u. von Ketsch kommt.