Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4./5. April 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. April 1924.
Mein liebes Herz.
Eigentlich wollte ich noch "Zettel" schreiben. Aber - es ist doch so viel schöner, mit Dir zu reden! Im behaglich warmen Wohnzimmer sitze ich an Deinem Arbeitsplatz mit der Lampe u. freue mich der Stille, die mir ungestörte Schreibruhe gibt. Ob wohl morgen wirklich der verheißene Brief von Dir kommt? Ich bin ganz besonders begierig über Deinen Eindruck von Jaensch zu hören. Ob du wohl einen Menschen in ihm fandest, der Dir etwas sein kann? Ob er ein starker Geist ist? Gesundheitlich muß er wohl, wie ich hörte, auch zart sein. - Ja, natürlich suchten meine Hochwohlgeboren seinen Brief, als ich "Litt" sagte. Ich hatte nur einen Namen im Sinn behalten, der dir persönlich wert ist. -
Und die Druckbogen! An einen Vorläufer habe ich nicht gedacht, - aber es ist mir geradezu tröstlich, daß Du mich über den Ursprung aufklärst. Als mir das Blatt in die Hand fiel u. ich las, da dachte ich: das bist Du. Dann aber machte mich die sonderbare Aufmachung u. die Randbemerkungen irre u. das Ganze bekam mir etwas Gespenstig-Unheimliches. : Deine Gedanken in einer so gedrängten, wuchtigen Sprache – nicht die klare, ruhige Entwicklung von heute. Konnte ein Schüler mit so wunderbarer Anpassung Deine Gedanken interpretieren? Er hätte genial sein müssen - u. Du hättest mir nie von ihm gesprochen?! Es war ein höchst peinliches Gefühl wie bei einem Doppelgänger.
Wie wird es denn nun aber mit der Adresse für Riehl? Gib mir, wenn du nicht mit Propp einig würdest, doch so bald als möglich die Größenmaße. - Ich habe mit Lili Scheibe über solche Arbeit verhandelt, u. sie berichtet mir, daß sie gerade etwas Derartiges im Auftrag der Direktoren in Sachsen gemacht hat: etwa Aktengröße, in gotischer Schrift mit schöner Initiale - (natürlich ist ja auch jede andre Schrift möglich) auf Pergament, in einen Bogen eingeschlagen in einer weich gearbeiteten Umschlagmappe - Gesamtkosten zwischen 60 u. 70 M. - Ich dächte nun, ob ich wohl die Mappe machen könnte, [über der Zeile] wieder der gleiche Gedanke! u. Lili das Innere? Denn das Widmungsblatt muß doch eigentlich ein Einheitliches von einer Hand sein. Es wäre mir eine große Freude, aber die Zeit dürfte nicht zu knapp werden. -
- Heute war es so dunkel, daß ich es vorzog, eine abzuändernde Zeichnung zu Hause zu machen, das Mikroskop, noch dazu mit der stärksten Vergrößerung, wäre zu schwer erkennbar gewesen. Aber so habe ich doch keine Arbeit versäumt.
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Ich hoffe, Dir diese Zeilen schicken zu können, wenn Du von Düsseldorf zurück kommst. Ich lege dann auch den Brief bei von Frau Ulisch. Wird die Begegnung Dir eine echte Freude bringen? Ich wünschte es so sehr. Ich wünschte, Du möchtest an dieser Begegnung fühlen, welch echtes, wertvolles Leben aus Deiner Saat aufgeht, - auch wo Du es gar nicht vermutest. -

Am 5. April. Heute, Sonnabend nachmittag, kommt Dein ersehnter Brief. Habe Dank - auch für die Einlage. - Ich wußte es, daß Dir äußere u. innere Ruhe zum Schreiben fehlen u. würde ja gerne sagen: laß es! Aber das geht doch wirklich nicht. Um Eines aber flehe ich, mein Lieb, laß Dich nicht von den Dingen treiben zu etwas, was deinem Leben nicht entspricht. Sieh, ich empfinde so: wenn es das Rechte für Dich wäre, dann wäre nicht dieser endlose Kampf u. Zweifel. Es ist nicht Egoismus, der aus mir spricht, wenn ich Dich bitte: laß mich kommen, wenn Deine Kraft versagen will. Es soll Dir in dem Gleichmaß meiner unendlichen Liebe die Ruhe u. Freiheit wieder kommen, das Leben zu meistern. Du weißt, daß da kein Zwang, kein Ausspruch, keine Last ist - nur die ganze Kraft einer Seele, die für Dich u. in Dir lebt. - Ich werde niemals versuchen, zwischen Dich u. die Forderungen des Lebens zu treten in weltfernem Idealismus. Aber ich kann nicht ertragen, daß Dich ein zweckloser Kampf aufreibt. Ich will Dir helfen mit all dem heißen Wollen, das in mir ist. Du meinst, Idealismus sei Confirmationsweisheit - nein, etwas, das mit immer neuen Qualen errungen wird ein ganzes Leben lang, das immer von neuem den lähmenden Druck durchbricht u. Herr wird über das Leben - das ist echte Kraft. -
Nach Berlin schicke ich Dir den Brief von Fr. U., sie schreibt, daß sie jederzeit nach Marienburg kommen kann u. Dir die Bestimmung der Zeit überläßt. (Adr. Hindenburgstr. 10, Elbing) - Ein Buch von Quelle u. Meyer schickte ich Dir nach. W.-B. nach. -
Kannst Du wirklich sagen, Du solltest den letzten Ast absägen, der Dich trägt? Könnte das jemand von Dir fordern? Es wäre frevelhaft - aber ist es wirklich so? -
Ich grüße Dich in treuer Liebe.
Deine Käthe.