Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. April 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. Sonntag. d. 6. April 1924
Mein liebstes Herz.
Du bist heute in Cöln u. ich hoffe, der Himmel ist Dir dort ebenso freundlich, wie er uns hier erscheint. Es sind jetzt die Frühlingstage, die wir uns vergeblich wünschten. - Daß ich Dir noch einmal schreibe, hat seinen Grund darin, daß ich hoffe, die Rückfahrt nach Berlin gibt Dir vielleicht einige ruhige Stunden, die ich gern mit Dir verleben möchte. - Es scheint mir, als ob Du meintest, ich wolle daß Du hart werdest nach außen. Nein, nur weniger leidend in Selbstquälerei u. in Dir selber fest u. klar. Mir ist es unerträglich, Dich so zerrissen u. gequält zu sehen. –
Du glaubst vor einem Entweder - Oder zu stehen. Aber gibt es nicht eine Synthese? Können wir nicht, wie nun seit 20 Jahren Hand in Hand eine neue Stufe des Daseins für uns erringen? Es gibt nur eine Frage für mich in dieser Labyrinthik: Du hast das, was in dein Leben herein gekommen ist, nicht gesucht. Mußt Du wünschen, es zu überwinden um Deiner inneren Freiheit willen, oder ist es die Forderung des ungelebten Lebens in Dir, daß Du es Dir dauernd verbindest?
Für mich liegen die Jahre dieses Kampfes in seiner härtesten Phase zurück. Ich habe gelernt, auch im Entsagen den führenden u. erhebenden Sinn zu finden, der mich einem Höheren einordnet. Das [über der Zeile] ist keine Weltferne - zum mindesten keine Lebensferne, sondern bis ins Tiefste gehendes Erleben, mit heißem Blute erkämpft. Das sind keine Worte, mein süßes Herz, das ist keine "papierne Lösung", das ist echt. Ganz zuverlässig. Du kannst darauf bauen, u. deshalb weiß ich, daß ich mit Recht sagen kann: daß nichts uns zu bremsen vermag. Diesen Glauben erschüttert mir nichts. - Ich kenne die unerbittliche Folgerichtigkeit des Lebens, ich fühle das Dämonische, das aus uns lebt - aber es ist mir keine blinde Causalität,
Seltsam ist der Weg der Menschen. Meine Entwicklung von naturalistischer Triebhaftigkeit zum Freiwerden u. zu neuem Lebenssinn war mir eine so einheitlich gesteigerte, ein so von innen getriebenes Wachsen, daß mir der umgekehrte Weg beinah unmöglich scheinen wollte. Und es kann auch nur so sein, daß man in das Dunkel der Triebe zurücktaucht, um darin einen neuen, erhöhten Sinn zu finden u. zu gestalten, sonst wäre es nur ein Vergängliches. Immer aber wäre es meiner Natur
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| nur denkbar, wenn ein Seelisch-Geistiges diese Kräfte auslöst, das den ganzen Menschen hinnimmt. - Diese Gewißheit war schon in mir als Schulmädel, da ich mit einer Jüdin diskutierte u. ihr entgegnete: "wie kann man denn anders heiraten, als aus Liebe"! Ich höre noch heute ihren mir unverständlichen Spott.
Ist dies nun eine nur weibliche, überidealistische Auffassung? Ich glaube nicht.
Und so laß uns nicht mit Grübeln u. Quälen, sondern mit festem Vertrauen in den reinen Sinn Deines Wollens u. Werdens weiter gehen, still wartend in schweigendem Einverständnis, wie das Gotterfüllte sich Dir enthüllt. Finde in Dir, in meiner sturmerprobten Liebe, wieder den festen Grund, den ruhenden Pol, von dem aus allein die zersplitternde Hast Deines Tages erträglich ist. Wolle nichts zwingen u. laß Dich nicht zwingen - laß wachsen aus innerster Lebenskraft.
Sage mir, ob Du es in diesem Sinne weiter mit mir wagen willst, u. dann laß uns nicht mehr reden von alledem, bis volle Klarheit in Dir ist. Nur von allem was vorgeht, erzähle mir, daß ich auch zwischen den Zeilen lesen kann.
- Wir waren am Gaisberg, saßen wohl eine Stunde in der Sonne bei Siebenlinden, sahen all die sonntäglichen Menschen vorüberziehen. Mein Gott. Warum konnten wir denn nicht auch solch einen ungetrübten Naturgenuß haben! Genuß –? Ich kann nicht recht sagen, daß ich es genieße, ich nehme es nur eben wahr. -
Gestern abend kam Hanna Schwalbe, die ihre Lehrzeit in Freiburg beendet hat u. die nach kurzen Ferien zu Haus im Lette-Haus, Berlin sich weiter ausbilden will. Es ist eine Freude mit dem Mädel, so frisch, tatkräftig, klar u. warm. Ich hoffe, es soll sich jetzt (heute ist sie in Neckargemünd, morgen wieder hier) zwischen meinem Patenkind u. mir ein wirklich persönliches Band knüpfen. -
Durch Zufall kamen mir die Kronprinzlichen Erinnerungen in die Hand. Schade, daß sie schriftstellerisch überarbeitet sind, u. daß man
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| den unwillkürlichen Verdacht nicht los wird, das alles sei aus Berechnung veröffentlicht. Aber hat er nicht recht, wenn er den Wunsch hat, man möge ihn kennen lernen? Natürlich läuft da etwas sentimentale Verschönerung mit unter, die aber vielleicht mehr auf das Konto von Rosener (s.: der König!) zu setzen ist. Sonst erscheint er als ein Mann, der das Leben zu sehen sucht, wie es ist u. der in einer Zeit der Regierungsletargie politische Einsicht u. Tat verkörpert u. vergeblich zu wecken sucht. Kennst Du das Buch?
Bernhard Schwalbe sei jetzt in der Reichswehr. Er war wieder krank. Ein zweitesmal eine Psychose infolge einer Liebelei. Hanna sprach merkwürdig kritisch über die Art, wie die Eltern diesen Ältesten übersteigert hätten. - Das Leben im Hause ist erträglich. Aber sieh, es ist eben doch so, daß man gerade die kleinen Dinge am allermeisten erträgt. Der Mangel an Wahrhaftigkeit in den gleichgültigsten Sachen ohne alle Not empört mich immer von neuem. Ich sehe von oben, wie sie dem Briefträger auflauert u. meine Post abnimmt. Als ich komme, sagt sie recht unbefangen: Der Briefträger hat was in Deinen Kasten gesteckt! - Ein Buch, das mir gehört, wird unten abgegeben u. sie leiht es sofort weiter! Wir haben nicht einmal, zehnfach Conflikte über den gleichen Fall gehabt, ich habe manches Unersetzliche auf diese Art eingebüßt, - aber es wird nicht anders. Ich bin jetzt so weit, daß ich mit einer abweisenden Bemerkung darüber hingehe, aber verbindend wirkt es nicht auf mich.
Du erwähnst nicht das hiergebliebene Notizbuch. Darf ich es noch behalten? Es beschäftigt meine Gedanken oft. Und nun schreibe mir nur, ob du meine 2 Briefe nach Düsseldorf erhieltest u. wie es Dir in diesen anstrengenden Tagen ging. Ich habe Geduld u. dränge nicht auf ein Mitteilen, das Dir im Augenblick nicht freies Bedürfnis wäre. Nur [über der Zeile] bitte gib mir [über der Zeile] bald u. öfter Nachricht von dem was die Tage bringen. Nach Berlin schicke ich den Brief aus Elbing. Und nun lebewohl. Ich grüße Dich in treuer Innigkeit.
Deine Käthe.