Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. April 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. April 1924.
Mein geliebtes Herz,
habe Dank für die Worte in den "Lebensformen"! Ist es nicht, als ob ein Seelengrund in uns beiden wäre? Denn meine Briefe sagten Dir doch mit vielen umständlichen Worten, was Du in knapper Form den kurzen Zeilen anvertrautest. Habe Dank! Und wie danke ich Dir auch für die liebe Karte aus Köln. Ja, der Speyrer Dom ist auch mir viel lieber. Die Gothik hat eine Unruhe, die uns nicht wohltut. Und das wird durch die äußeren Bedingungen noch verstärkt. Der Innenraum allerdings ist auch im Kölner herrlich. Hast Du die Bilder von Stephan Lochner gesehen?
Also die Cousine fandest Du nicht. Aber mit der alten Dame war es sicher sehr lieb u. herzlich. -
Möchte doch nur die Anstrengung der Tage nicht garzu stark für Dich gewesen sein. Das ist auch so ein Punkt, wo ich Dir etwas mehr "Härte" wünschte, in der gesunden Selbstverständlichkeit, Deine Wünsche gegen allzu anspruchsvolle Gastfreundschaft durchzusetzen. Denke doch, daß Du den Leuten viel mehr gibst, als sie Dir!
Hanna Schwalbe ist wieder fort. Sie wird am Viktoria Luise Platz im Lettehaus einen Ausbildungskursus für Laborantinnen mitmachen. Es ist ein charaktervolles Mädchen, fabelhaft welterfahren mit ihren 20 Jahren, ohne daß man es doch eigentlich störend empfände. Alles scheint mir frisch, klar, energisch. Sie war beim Wandervogel u. hat dadurch eine freie Unbefangenheit im Verkehr. Über Einzelheiten spräche ich wohl mal gern mündlich mit Dir. Ich weiß nicht, ob du ein Interesse hättest, die Wirkung dieses modernen Lebensganges an einem so natürlichen Menschenkinde zu beobachten?
- Etwas muß ich Dir erzählen, was mich geradezu kränkt. Adele Henning berichtet, daß ihr Sohn Hans aus Danzig auf einem Kongreß in Rom 3 Vorträge halten wird. Ist es nicht empörend, daß dort dann als neueste deutsche Philosophie das seelenlose Gerede dieses Schusters verzapft wird? Für seine Leistung hat er Reise
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| u. Aufenthalt für sich u. seine Frau frei! - Mir entspricht ja Deine vornehme Zurückhaltung gegen das Ausland viel mehr, aber es ist mir ein Schmerz, daß solch ein Mensch unsern deutschen Namen dort vertreten darf. Morgen sehe ich Adele noch einmal, da werde ich mal forschen, was seine Themata sind. Ich darf natürlich meine Meinung über die Sache nicht merken lassen.
Hoffentlich kommen diese Zeilen noch vor Deiner Abreise nach Berlin. Ich konnte gestern nicht schreiben. Dr. Gans veranlaßte mich 5 ½ Stunde zu zeichnen, weil es noch ein Präparat brachte, als ich fertig war, dessen Farben vergänglich waren. Aber ich war derart kaput nachher, daß ich es nicht wieder tue. Ich habe nur ein paar Augen.
Sage mal, kommt Susanne eigentlich auch nach Heidelberg auf ihrer Reise? Wenn es sie freuen würde, so ist sie mir jederzeit willkommen.
Nun lebe wohl! Sorge nur, daß Du gesund bleibst u. laß Dich nicht ausnützen. Möchtest Du befriedigt heimkehren von diesen Reisen, die Dir solch Opfer sind.
In Liebe u. Treue.
Deine Käthe.