Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. April 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. April 1924.
Mein liebstes Herz!
Gestern sandte ich Dir einen Brief von Günther aus Würzburg nach. Hoffentlich hat er richtig den Weg gefunden. Und so will ich heute einen von mir hinterher schicken, damit Du siehst, daß man auch in Marienburg im winterlichen Osten sein Heidelberg nicht abschütteln kann! Ist es nicht viel fesselnder dort als Du Dir dachtest? Hörte ich doch immer, wie eindrucksvoll die Spuren deutschen Geistes dort sein sollen. - Ich wünsche mir so sehr, daß diese Reisen Dir ein neues, starkes Gefühl Deiner selbst, der Bedeutung u. Notwendigkeit Deiner persönlichen Wirkung geben möchten. Dein lieber Brief schien mir davon zu reden. Schon am Tage ehe er kam, war auf einmal solch unmotiviertes Glücksgefühl in mir, daß ich mir sagte: es müsse Dir wohl endlich jetzt besser gehen. Habe Dank für diesen Brief, der mir neue Kraft u. Zuversicht gibt. Es wird doch nun alles wieder fester u. klarer u. sicherer. Denn das Schreckliche ist doch, wenn man zweifelt, ob man nicht gerade aus Liebe den rechten Sinn verfehlt.
Daß Du in Köln nur zum Teil Deinen Zweck erreichtest, ist ja schade. Wenigstens war aber der Besuch bei der alten Dame voll befriedigend. Ich denke mir gern, daß Du gewiß bei ihr auch ein treues Gedenken für Deine liebe, gute Mutter fandest. -
Daß Du den Jesuiten nicht sprechen hörtest, ist bedauerlich. Denn bei aller Sympathie der Erscheinung bleibt es doch ein Gegner, den man womöglich recht genau kennen sollte. - - Mit Frau Koch (Agnes) sprach ich über die Eindrücke, die sie von den Mitgliedern der Jugendbünde gehabt hat unter den vielen, die sie auf dem Heuberg kennen lernte. Sie glaubt doch an ein kräftiges Eigenleben in vielen, obgleich die Gruppen sich vielfach mehr oder weniger an Geistliche anschließen. Auch über katholische Gruppen sprachen wir, u. sie erwähnte ein Mädchen vom Quickborn, die ihr höchst sympathisch war, u. die ihr auch von einer Tagung berichtete, in der sie über Selbstverantwortung verhandelt hätten. Als Frau Koch dieses Mädchen als besonders tüchtig u. wertvoll von neuem zur Arbeit gewinnen wollte, wies aber der Geistliche ohne weitere Begründung ihren Vorschlag ab. Offenbar war dies der Kirche eine zu selbständige Natur. So ist also das, was den Schwachen ein Halt ist, immer feindselig gegen das Starke. Die Organisation über alles - aber der Geist?! Dieses unbeirrbare Leben, das in uns allen brennt, u. das sich aller Dumpfheit u. Verworrenheit zum Trotz immer reiner u. freier aus uns gestaltet. Das ist der protestantische Glaube, der so wundervoll aus Deinem Buche klingt. - Und der Brief von Goldbeck?
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| Soll ich Dir sagen, was ich davon denke?: Johannes der Täufer! Es ist ein seltsam ekstatischer Brief, in einem Rauschzustand geschrieben, der einen geheimen Schmerz verhüllen soll. "Wahrhafter Offenbarung Licht - Du wirst es nur im Rausch empfahn" u. er fühlt, daß es ihm nur aus zweiter Hand kommt, er fühlt den Größeren, der nach ihm kommt! - Aber seine Bewunderung ist ehrlich, mag auch der Ausdruck gesucht erscheinen.
Wie ersehnt Dein Buch ist, sehe ich recht an dem lebhaften Interesse, das all meine Bekannten daran nehmen. Jeder einzelne möchte es haben u. forscht darin nach Fragen, die ihm die nächsten sind. Ich hatte mehrmals gemütliche Kaffeestunden: mit Paula Seitz u. Frau Koch. Erstere hat viel Verstimmung im Beruf durch die kleinliche Gesinnung der akademisch gebildeten Kollegen. Auch der Abbau nach der "Eignung" sei so schablonenhaft, daß er gerade das Gegenteil des "Geeigneten" erreiche, indem die tüchtigen, bewährten Seminarlehrer dem höheren Examen absolut unpädagogischer Akademiker weichen müssen. - Bertha von Anrooy empfiehlt Dein Buch dem Gymnasialdirektor in Zierikzee, kurz, ich helfe, was ich kann, Dich auch im Ausland bekannt zu machen!! - Bertha schreibt sehr tapfer von den großen Schwierigkeiten, die sie in der Ausübung ihres Berufes dort durch den Unverstand der Ärzte u. der Bevölkerung gefunden hat. Aber sie scheint ihre Stellung doch zu gewinnen. Den Brief teilte ich Frau Kroll mit, die sehr lebhaften Anteil nimmt. Im Gespräch mit ihr wurde ich mir auch dann klar über den Gesamteindruck, den mir das Buch vom Kronprinzen hinterlassen hat. Es hat mir ein persönliches Interesse abgewonnen, das ich vorher nicht für ihn hatte: den Einblick in die ungewöhnliche Tragik seiner Lage. Aber es blieb der Zweifel, wieviel an der günstigen Selbstschilderung echt sei, wieviel eigne oder fremde Zutat. Und Frau Kroll bestätigt durch persönliche Nachrichten, daß die Verläumdung nicht aus der Luft gegriffen sei. - Und damit kommt mir der erste Eindruck zurück, daß alles nur Spekulation sei. Vielleicht ist er politisch fähig, - aber als Mensch? Dies Gemisch von Gefühl u. Politik in diesen Blättern ist sicherlich ein recht geeignetes Netz, um arglose Gemüter darin zu fangen. - - Am Freitag war ein sehr schönes Conzert lediglich Bachscher Musik. Bei dem Brandenburgischen Conzert, das wie ein schöner Armeemarsch mit wundervoller Kraft u. Strammheit einsetzte überlief es mich kalt. Wo ist jetzt diese Welt? Wird ihr Ernst u. ihre Größe neu erstehen? Sie wächst in der Stille - habe nur Geduld. Der Segen Deiner Saat wird reifen. Möchtest Du an Frau Dora Ulisch erfahren haben, wie er im Geheimen weiter keimt, auch wo Du es nie vermutet.
<li Rand> Sei tausendmal gegrüßt u. verlebe gute Tage. Es wäre schön, wenn Du mit Litt zur Kantfeier reistest! <Kopf> Nun kann ich erst wieder nach Berlin schreiben. Denn vom 17. ab habe ich keine Adresse!
<li. Rand S. 1>
Immer Deine Käthe. Ich hätte Dir noch so viel zu schreiben!