Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20./22. April 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. Ostern 1924.
Mein Liebstes,
wenn auch in diesen Tagen ein schriftlicher Gruß dich nicht erreichen würde, so kann ich ihn doch schreiben u. kann so bei dir sein auch über die 1200 km hinweg. Deine lieben Briefe haben mir echte Osterstimmung gegeben, so freudig wie der Frühling draußen. Alle Blüten wollen sich jetzt auf einmal öffnen, gerade zum Ostersonntag haben sich Pfirsich u. Kirschen in unserm Garten aufgetan. Die Unerschöpflichkeit des Lebens steht in der blühenden Natur so tröstlich vor uns, daß all die Schatten u. Qualen des Winters nun vor der warmen Sonne verblassen. Mit neuer Kraft wollen wir das Leben fassen u. seine Gewißheit in uns aufrichten. Wissen wir nicht, daß man uns nicht nehmen kann, als was wir selbst in uns zerstören? Die Osterbotschaft redet mir von einem Leben, das nicht vergeht, das mir im Herzen wohnt, das mir aus Deinen lieben Worten spricht u. an das ich glaube. Jetzt will ich nicht mehr heimlich lauschen auf jedes leise Zeichen, das mir von der Pflicht eines schweigenden Verzichtens reden sollte, sondern fest u. vertrauend den wunderbaren Reichtum halten u. leben, den eine heilige Fügung mir schenkte. Vertrauend daß alles nur zu Deinem Heile sich entfalten kann!
Wie schön, daß du nun doch nach Königsberg gehst! Wenn du auch nicht dort reden wirst über den Geist jenes Großen - so wirst du mit seinem Geiste reden u. ihm sagen: ich baue weiter -
Hattest Du leidliches Wetter für den Aufenthalt in Rauschen? Oder bliebst Du in Elbing? Wie mag die Begegnung mit der früheren Schülerin gewesen sein? Ist sie eine ernste, suchende Natur oder haben nur verwöhnende Lebensumstände ihr den Luxus schöngeistiger Bedürfnisse gegönnt? Du konntest ihr doch eigentlich nur Dein eignes Buch als Ratgeber in ihrer Lage empfehlen u. dabei die Stelle unterstreichen, wo von der weisen Zurückhaltung des Erziehers gegenüber der erwachenden Selbständigkeit die Rede ist!
Daß Du mich unter die Riehlschen Gratulanten aufgenommen hast, ist mir eine unverhoffte Freude. Ich hätte garnicht gewagt als gänzlich unakademische Person darum zu bitten.
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Der nachgesandte Brief u. der von mir hat Dich wohl in Marienburg erreicht? Jetzt schicke ich nun noch einen von Joh. Wezel nach, der schon mehrere Tage hier ist, aber für Marienburg zu spät kam. Und am 17! war eine Karte in meinem Briefkasten vom kleinen Saupe, der in aufrichtiger Hochschätzung u. dankbarer Ergebenheit ein glückliches Osterfest wünscht [über der Zeile] !! u. nach Auerbach reist.
Unten ist seit Freitag Elisabeth Vetter, was immer für Aenne sehr erfreulich u. für mich angenehm ist. Im übrigen höre ich nicht auf, nach einer gedeihlichen Form des Verkehrs mit "unsrer Freundin" zu streben, aber sie hat ein sonderbares Talent alle Theorie u. gute Absicht unvermutet über den Haufen zu werfen. - -
Heute ist nun draußen wieder alle Frühlingsschönheit benebelt. Man sieht gerade nur den Berg bis zu Siebenlinden. Aber die Knospen entfalten sich von Stunde zu Stunde sichtbarer. Wie schade, wenn Du es auf Deiner Reise auch so trübselig hättest. -
Gestern meldete mir Mutter aus Berlin den Tod von Paul Ruge. Du weißt, daß es mir kein persönlicher Verlust ist. Aber aus einem Grunde berührte es mich doch eigen: es war einmal ein schöner Traum von mir, daß wir beide die armen, mutterlosen Kinder erziehen könnten! - Sie sind jetzt in Lankwitz bei Pauls Tochter u. Schwiegersohn Mellin, wo sie schon immer ihre Ferien zubrachten u. wo sie mit gleichaltrigen Kindern aufwachsen. -
Gestern waren wir auch in Rohrbach bei Mathys, wo die Großmutter Geburtstag hatte. Es war mir ganz schmerzlich, den stillen Neid zu spüren, mit dem Wolfgang sich nach meiner Arbeit erkundigte. Er fragte auch, ob ich ihm nicht Schreibmaschinenarbeit verschaffen könnte. Aber wie soll ich das? - Schrieb ich dir übrigens, daß Carl jetzt Chefarzt vom Wöchnerinnenheim am Urban ist? Gott sei Dank doch eine Sicherheit. -
Die Zettel aus Wahrheit u. Dichtung sind fertig geschrieben. Nun schicke mir bald das andre!* [li. Rand] * kam heute aus Marienburg.
- Es ist doch aber garnicht nett von Dir, daß Du meinst, Du habest auch hier keine ruhige Studierstube. Hast Du nicht hier viele Tage u. Stunden still bei Deinem Buch gesessen? Daß wir nicht immer die rechte Seelenruhe hatten, dafür konnte Heidelberg nicht.
Schrieb ich Dir eigentlich, daß Hanna Schwalbe in dem Jahr als Volontär Laborantin nicht nur das Geld für Leben u. Kleidung verdiente, sondern auch noch das Schulgeld für 1½ Jahr Lettehaus? Sie wohnt jetzt Dernbergstr. in Charlottenburg, wo ist das denn? Mein Stadtplan ist zu alt. Daß Susanne nicht abgebaut ist, ist eine rechte Erleichterung. Wie steht es denn mit ihrem ewigen Katarrh? -
Nun lebe wohl für heute. Ich grüße dich viel tausendmal. Nur
Deine Käthe

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Dienstag mittag.
Ich hatte mir so sehr eine Karte aus Königsberg gewünscht, u. siehe da: schon kam sie. Habe Dank, mein Lieb. Also alles ging so schön, wie man nur wünschen konnte. Darüber bin ich sehr glücklich. -
Nun wirst du erfrischt u. belebt zurückkommen u. so denke ich, wird auch das Semester einen guten Anfang nehmen, in frohem Wirken. Gerade als Du in Rauschen warst, fand ich hier eine kl. Skizze von Herrn Labes von der Ostseeküste, die mich zu Dir versetzte. Und das bedeutungsvolle Königsberg - - ich glaube, alles hat Dein ungünstiges Vorurteil glänzend widerlegt! - Und nun Riehls Geburtstag, welch bewegte Tage! Wie gespannt bin ich, von allem zu hören, u. wie grüße ich Dich immer - immer!
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Grüße auch Susanne u. Dank für ihre Karte aus Rothenburg. Es war vielleicht besser, daß sie nicht herkam. Mir war doch ein wenig bange vor der Möglichkeit, da ich, wie Du sicher weißt, mich fürchten würde, ihr gegenüber vielleicht unbewußt nicht das rechte Wort zu finden. Und ihr geht es am Ende ebenso!