Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. Mai 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. Mai 1924.
Mein vielgeliebtes Herz.
Vielleicht hast Du die Notizen aus den Goethe-Jahrbüchern schon gefunden inzwischen, denn Du hast sie mitgenommen. Aber damit Du nicht suchen mußt, falls sie sich verkrümelt haben, schicke ich sie Dir hier noch mal. Ich hatte das Schlechtgeschriebene hier behalten u. konnte es also leicht abschreiben. Denke doch ja nicht, daß so etwas meine Augen anstrengt. Das kommt nur von dem Zeichnen u. alles andre ist dagegen Spielerei. Du kannst mir mit garnichts eine größere Freude machen, als wenn Du mich etwas für Dich schreiben läßt u. ich bitte Dich sehr, das fortzusetzen. Es war recht dumm u. ungeschickt von mir, Dir von den Augenschmerzen zu erzählen. Aber da es für mich garkeinen Zusammenhang mit den Zetteln hatte, kam es mir nicht in den Sinn, daß Du solche Schlüsse ziehen könntest. Also bitte: schicke mir auch Deine gegenwärtige Goethe-Lektüre, sofern sie Randnotizen hat, u. sofern sie keine hat, erzähle mir, was Du liest. Denn ich würde mich gern auch damit beschäftigen. -
Mir ist, als hätte ich seit einer Ewigkeit nicht geschrieben. Es hat sich so viel angesammelt an Mitteilungswünschen - u. an Dank für liebe Sendungen von Dir. 2 Briefe sind unbeantwortet - die schöne Widmung an Riehl - die verschiedenen Brief-Einlagen, für Alles danke ich Dir innig!
Daß Du mir so eingehend wegen der Wahl Bescheid sagtest, ist ganz besonders lieb von Dir. Ich habe mich genau danach gerichtet u. meine (wohl romantische) Neigung zu den Völkischen unterdrückt. Denn in der Tat ist auch dort so viel, womit ich nicht einverstanden bin, daß es recht gut war, wie Du mich warntest. Jetzt ist nun also das Resultat der Abstimmung festgelegt u. es muß sich zeigen, was daraus folgt. Möchte uns doch noch eine Zeit ruhiger Stärkung beschieden sein, denn wenn es zu früh zu neuen Kämpfen kommt, fürchte ich, erschöpft sich unsre Kraft. Das Wählen hier ging sehr schnell, wir gingen während der Kirchenzeit u. da war es fast leer. - Nachmittags gingen wir mit Adolphine von Moers nach Rohrbach durch die Blüten. Trotz allen Regens ist die Blüte von einem ungewöhnlichen Reichtum. Die Bäume sind so dicht, wie voll belaubt, während doch sonst nur gruppenweise die Blüten verteilt sind.
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| Ich ging in Rohrbach bei Mathys mit hinein, um der jungen Frau mein Zimmer anzubieten, falls sie hier in der Stadt Unterricht geben möchte. Sie muß doch sehen, zu verdienen u. in Rohrbach macht sich das schwer. - Wenige Tage vorher haben wir nun die arme alte Frau [über der Zeile] Mathy zur letzten Ruhe geleitet, die Du ja auch kennst. Auch hier war der Tod eine Erlösung von langen Leiden u. eine Erleichterung für die Zurückbleibenden. Sie hatte ein sanftes Ende, nachdem wir ja am Ostersonntag noch ihren 72. Geburtstag ganz heiter gefeiert hatten. Damals hatte sie für mich etwas so seltsam Verändertes im Ausdruck, eine milde Heiterkeit, die ihr sonst fremd war, daß es mir eine tiefe Freude ist, daran zurückzudenken. -
Was Du über Paul sagst, ist wohl nurzu wahr. Mir war es immer unzugänglich u. ich weiß nicht, ob ich ihm gerecht werde. Jedenfalls war er sehr einsam u. für ihn das Ende wohl doppelt wünschenswert, da er den eignen Haushalt aufgeben mußte u. im Begriff stand, zu der Tochter in Lankwitz überzusiedeln. Aber dennoch greift mir die Tragik im Leben meiner armen Schwester tiefer in die Seele, dies blühende Leben so grausam vernichtet u. die grenzenlose Liebe zu den Kindern - verweht. Denn was wissen die Beiden davon? Günther wenig - Elisabeth nichts. Darum will ich versuchen, doch eine Verbindung mit den Kindern festzuhalten, obgleich sie natürlich jetzt doppelt in die andre Familie hinein wachsen. Und diese "Paul-Rugeschen" sind von einer erstaunlichen Nüchternheit. Solange Günther in Berlin war, hatte ich immer gehofft, er könne für seine Entwicklungszeit mit Dir in Berührung kommen. Da kann oft eine Stunde schon vieles wecken. Und das ist ja auch vielleicht noch nicht ausgeschlossen. -
Sage mal, fühlt sich Litt von seiner Familie behindert, daß er so intensiv dagegen eifert? Oder ist es der Vergleich mit Dir, der ihn bestimmte? Ganz gewiß ist leicht ein Philistertum damit verknüpft, u. nur wo ein gemeinsames Streben u. Weiterwachsen miteinander u. durch einander möglich ist, erfüllt sich der höchste Sinn.
- Wie hast Du es nur fertig gebracht, so viel zuzuhören in Königsberg? Das ist doch garnicht Dein Fall! Die Berichte in den Zeitungen habe ich eifrig verfolgt, sodaß ich mir Deine Bemerkungen nett ergänzen konnte. - Schrecklich finde ich die Zuchtrute, die Du Dir mit den Aufnahme-arbeiten gebunden hast. Wird das denn wenigstens eine Erleichterung der weiteren Arbeit bedeuten, oder kannst Du hoffen, damit
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| das Niveau zu erhöhen? - Und den Halfter könnte ich umbringen!! Ist denn da garkein Ende der Produktion abzusehen? Kann man nicht den Fleiß endlich belohnen u. damit Schluß machen?
Hermann schrieb mir ganz begeistert von Deiner Jugendpsychologie. Er vermutete Dich noch hier u. schrieb so warm unter dem unmittelbaren Eindruck, daß es eine Freude ist. - Aenne sah auch Dein Buch neulich hier auf dem Tisch des Vorsitzenden vom hiesigen Jugendamt. Leider soll er aber praktisch seinem Posten garnicht gewachsen sein. -
Große Freude hatte ich an dem Besuch von Frau Krazeisen (Du gehst nicht allein mit Excellenzen um!) einer Cousine von Frau Wille. S. Z. in München waren die Teestunden bei ihr u. ihrer Schwester meine schönsten Nachmittage. Und die alte Zuneigung hat sich auch ohne weiteren Verkehr in der Zwischenzeit auf beiden Seiten bewahrt. Sie hat viel Schweres erlebt, einen Sohn im Irrenhaus verloren u. eine blühende Tochter als Krankenschwester im Krieg - das hat ihr Wesen entschieden weicher u. tiefer gemacht, während sie früher wohl mehr Verstandesnatur sein mochte. -
Auf Rat von Elisabeth Vetter waren wir also im Rosé-Quartett - das aber eigentlich ein Quintett war: von [eingefügt] 1.) Mozart, A-Dur (Klarinette) u. [eingefügt] 3.) Brahms H-moll, op. 115 (ebenso). Dazwischen ein Quartett von [über der Zeile] 2) Beethoven f. moll, op. 95 - - davon war mir der Mozart das Liebste. Es war wie lauter Sonnenschein. Der Beethoven dagegen schien wie ein dunkler, ungelöster Schmerz, der mich bedrückte u. der Brahms, der mir musikalisch sehr großartig erschien, fast von Orchester-wirkung, fand einen schon zu müde. Vielleicht hätte man das Programm umkehren sollen. Der große Saal, den Du von den Windelband-Vorlesungen im Jahre 1905? kennst, war voll besetzt u. die Begeisterung über das herrliche Spiel war groß.
Wie gern würde ich Dir noch manches über die Goethe Lektüre schreiben, wie viel lieber davon mit Dir reden! Dichtung u. Wahrheit ist einzig in seiner überlegenen Klarheit. Zu den Wahlverwandtschaften mußte ich mich zwingen. S. Z. (auch in München) konnte ich gar keine Stellung dazu finden. Jetzt fand ich eher einen Zugang. Aber es bleibt die Frage in mir offen: sind es blinde Naturgewalten, über die man Herr werden kann, - ist es ein tieferes Recht, das nicht zur Auswirkung kommt in der Verworrenheit des Lebens? - Nein, der Mensch ist kein Wesen blinder Triebe - es ist ein Sinn in ihm, der ihn sicher führt. Dein lieber Brief sagt es mir ja auch wieder, wie schon so oft. : "Kein Schwanken mehr, die Bahn, sie ist gewählt."
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Ob Du am Sonntag Dora Thümmel gesehen hast? Und schreibe mir ja, wie es für Susanne mit der Schule geworden ist. Ich freute mich so, daß sie darüber beruhigt sein konnte. -
Von mir ist garnichts zu berichten. Ich zeichne täglich meine 4 Stunden, manchmal auch nur 3 – u. habe heute Dr. Gans aufgestiftet, mir wiedr das calcium lacticum zu besorgen, das mir voriges Jahr so gut bekommen ist. Denn im Frühjahr ist man doch immer etwas hilfsbedürftig, obgleich ich mich bis auf die Augen nicht beklagen kann. Und selbst damit ist es erträglich, wenn ich vorsichtig bin. Aber ich nehme nicht gern Rücksicht darauf u. besonders auf das abendliche Lesen im Bett möchte ich nicht verzichten. Das ist doch meine Andachtsstunde mit Deinem Buch. Aber zuweilen fühle ich, daß es nicht geht. -
Der Blick drüben auf das Stück vom Gaisberg ist so recht frühlingsmäßig heiter. Siebenlinden ragt als dichte Gruppe aus dem noch dürftigen Kastanienwald heraus überall leuchten noch helle Blütenbäume aus dem frischen Grün, das durch den vielen Regen ungemein üppig ist. Wir haben es doch sehr gut, daß uns der Frühling so dicht in die Fenster guckt, da man doch keine Zeit hat, ihn aufzusuchen wie früher! - Der Plan mit dem Baum zum Gedächtnis für Riehl ist ein lieber Gedanke. Was wird es wohl für ein Baum sein? Eine Linde?? - Wann u. wo Du schriebst, daß Du keine stille Studierstube habest, weder in Berlin noch außerhalb? In Deinem ersten Brief nach der Reise, am 3. April! Aber wie's scheint, willst Du widerrufen.? - Von dem inhaltreichen Notizbuch werde ich mich nun wohl trennen müssen. Auch den Brief von Goldbeck lege ich dazu, u. die Rede von Jäger, ein wenig Papier, um Dir Mühe zu sparen - u. viele, viele liebe Grüße! - Die Hanni Schwalbe erbitte ich zurück, u. ebenso den Stundenplan mit recht genaur [über der Zeile] auch Schema Ausfüllung - ja? Dann noch etwas: Du sprichst oft von Hegel. Ich hatte einen tiefen Eindruck von der Einleitung in die Religionsphilosophie u. würde gern etwas von ihm lesen. Rätst Du mir dazu? Und was könnte ich wohl verstehen?
Den Brief lasse ich einschreiben wegen Deiner Notizen. Wie interessant muß das Leben der Henriette Sch.-B. sein. Aus Deinem Auszug entsteht einem ein ganzes Bild.
Für heute nimm mit diesem Sammelsurium vorlieb. Ich hätte ja immer noch vielerlei zu schreiben, aber Du wirst weniger Zeit zum Lesen haben. Drum lebewohl, mein Herz, möchten Deine Tage gesund u. befriedigt dahin gehen, Deine Kraft zu Deinem Sinne sich entwickeln!
In Treue u. Liebe
Deine Käthe.

[li. Rand] 25 Jahre deutscher <unleserliches Wort>