Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. Mai 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22. Mai 1924.
Mein geliebtes Herz.
Weißt Du auch, daß ich seit beinah 3 Wochen keine Nachricht von Dir habe? Geduld ist eine schöne Sache u. ich bilde mir ein, recht viel davon zu haben. Aber mußt Du nicht selbst sagen: das grenzt an Mißbrauch?! Du denkst vielleicht, ich könne ruhig auch einmal wieder schreiben, denn ich hätte ja viel mehr Zeit als Du. Das täte ich wohl gern, aber: mehr Zeit? - "Sehen Sie, sage ich" - - ich habe so sehr viel mehr zu tun, als ich fertig bringe, daß ich wirklich auch nur wie gehetzt dahin lebe. Wenn es möglich wäre, eine tüchtige Arbeitskraft ins Haus zu bekommen für all das Flickwerk, das sich da angesammelt hat, täte ich das gern einmal. Denn es ist hoffnungslos, sich da allein durchzufressen. Aber es muß nun doch geschehen u. so habe ich mich mit wütendem Eifer daran gemacht.
Die hellen Tage sind eine Wohltat. Genießt Du recht die endliche Wärme? Ich stehe täglich um 6 Uhr auf u. finde die Morgenstunden herrlich. In der Regel gehen wir schon um 10 schlafen, u. nachts kühlt bei offnen Fenstern die Wohnung sehr schön aus. In den letzten Nächten war es freilich mit dem Schlaf schwach, da tagsüber die übliche Gewitterschwüle, die bei uns zu keiner Entladung führte, die Nerven unangenehm erregte. Auch hatte ich in der verflossenen Woche, als prompte Reaktion auf Hitze u. Staub einen leichten Stirnhöhlenkatarrh, den ich aber glatt überwand. Ich bin nämlich, dank Deiner Mahnung u. meiner Gefräßigkeit in einem so guten Futterzustand, daß ich nun nicht mehr zuzunehmen wünsche. An Tagen ohne atmosphärischen Druck fühle ich mich auch wirklich jetzt einmal wieder frisch u. leistungsfähig. Nur seelisch war ich bisweilen wie bedrückt, ohne doch dafür eine Begründung zu haben. Schreibe mir bald einmal wieder, dann kommt das auch in Ordnung! - Mit Aenne ist das Zusammensein jetzt durchschnittlich ganz erfreulich. Allerdings bringe ich es nicht fertig, von irgend etwas zu sprechen, was mich persönlich betrifft, da ihre oberflächliche Fizigkeit, die immer schon antwortet, noch ehe sie gehört hat, mich verletzt. - - Wie steht es denn mit Deinen Zähnen, mein armer Liebling? Als bei mir die Plage wieder unerträglich werden wollte, habe ich im Apothekerschränkchen die Myrrhetinktur entdeckt, u. durch mehrfaches Pinseln damit eine Besserung erzielt. -
Sonst ist es hier so einförmig, daß ich garnichts zu berichten habe, seit ich Dir am 8. Mai den eingeschriebenen Brief schickte. Es wäre mir eine Beruhigung, zu wissen daß das Notizbuch mit den Auszügen aus der Biographie Schrader-Breymann, u. den eignen Notizen richtig ange
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|kommen ist. Inzwischen hat sich auch die Frage mit Susannes Anstellung entschieden, was mich doch auch interessiert, aber ich höre von nichts. -
Die politischen Verhältnisse scheinen mir dunkel wie immer. Es gab Leute, die jubelten über den Ausfall der französischen Wahlen. Das wird an der Stellung gegen uns doch nichts ändern! Die Stimme des Centrums, die ich aus dem Munde des Doktors vernehme, ist ganz feindselig gegen die Deutsch-Nationalen. - "Wir" machen das alles viel besser - u. fürchten einen neuen Kulturkampf. (s. Ludendorff). Das Nationale äußert sich vor allem in drohendem Haß gegen Frankreich. - Sind denn nirgend Menschen, die zur Einigung bereit wären? Ich meine zur inneren Einigung. So zerrissen wie wir ist doch sonst kein Volk!
Vor einigen Tagen war Ella Grassi für ein<Rest unleserlich> Stunden da. Sie sprach sehr einsichtig u. war freundschaftlich treu. Für sie war der Krieg ein Zwiespalt der Gefühle durch ihre Anhänglichkeit an Deutschland u. die deutsche Mutter. Sehr empört berichtete auch sie von dem protzigen Auftreten deutscher Schieber in Italien, wovon sie durch Augenschein unterrichtet war. Ebenso ist es sehr übel, daß jetzt viel deutsche Mädchen dort Stellung suchen, einen Vertrag schließen, was da garnicht üblich ist, u. den Vertrag niemals halten. So wird immer von neuem die deutsche Unzuverlässigkeit betont. - Ella unterrichtet jetzt junge Mädchen einer Musikschule fürs Examen in allgemeiner Bildung. Sie habe das Studium liegen lassen, wie das bei den meisten Frauen der Fall sei, weil die Anforderungen der Familie (Krankheit etc. auch der Krieg.) sie abgelenkt hätten. Jetzt steht sie in sozialer Arbeit, reiste mit einer hochadligen Dame zum Congreß in Kopenhagen. Es sei das eben die Ursache der geringen Produktivität der Frau auf wissenschaftlichem Gebiet, daß sie von andern Pflichten behindert würde, auch die Notwendigkeit des Verdienens ließe sie nicht zu weiteren Leistungen kommen. Es sei darum bei ihnen jetzt das Streben, besonders begabten Frauen das unbehinderte Leben für die Wissenschaft zu ermöglichen. - Sie sieht nicht den inneren Conflikt der Sache - u. daß dies immer nur die Züchtung einzelner Kunstprodukte sein würde u. niemals etwas an der Gesamtlage der Frau im Wissenschaftlichen ändern könnte. - Von der politischen Gesundung sprach sie mit Befriedigung: sie hätten eben gerade noch vor dem Abgrund halt gemacht. - Gibt es denn bei uns keinen Mussolini [unter der Zeile] ?
<Fuß> Dr. Gans, (Du weißt, er ist Jude) wünscht, daß ich Dich um die Besorgung Deiner <li. Rand> Jugendpsychologie zu Buchhändlerpreis bitte! Immerhin - nicht mehr?
<li. Rand S. 1>
Ich grüße Dich viel tausendmal u. sehne mich sehr nach Dir. Deine Käthe.