Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. Mai 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23. Mai 1924.
Mein geliebtes Herz.
Es ist zwar überflüssig, aber ich möchte Dir doch gern einen Sonntagsgruß senden. Eine leichte Abkühlung macht das Leben erträglicher u. so wird hoffentlich auch der Brief leidlich vernünftig werden. - Einige Tage wollte das Zeichnen garnicht vorwärts gehen, der Kopf war wie betäubt. Das ist wohl die bekannte Wirkung der atmosphärischen Spannungen hier. Dann ist einem förmlich das Leben verleidet. - Das Schönste sind meine Morgenstunden. Da kannst Du mich denken, meist zwischen 8 u. 9, an dem bekannten Fensterplatz mit Deinem Buch. Es ist mein Bemühen herauszufinden, wie sich die zweierlei Weltanschauung in den Kapiteln ausprägt. Ich zweifle aber, ob ich es finde. Denn diese unerbittliche Consequenz des Denkens, die dazu nötig ist, habe ich nicht. Immer ergänzt sich mir das Gesagte zu einer Totalität, in der stillschweigend auch das mitschwingt, was ich unbewußt hinein lege. Wie unwissenschaftlich! nicht wahr? - In allen Zeitungen steht eben ein Auszug aus dem Kapitel "Phantasie." - Was schreibt Dir der Verlag über den buchhändlerischen Erfolg? Vermutlich haben sie deswegen das Honorar erhöht?
- Wie gern wüßte ich etwas über Deine augenblickliche Arbeit. Freuen Dich die Vorlesungen? Nun mußt Du wieder von Stunde zu Stunde völlig neu gestalten! Und was liest Du jetzt für den Goethe-Vortrag? Ich bin nur froh, daß er erst am Ende der Pfingstwoche sein wird, da hast Du doch vorher wenigstens keinen Semesterbetrieb. Wieviel sind zum Seminar zu gelassen? Wie waren die Arbeiten? Du wirst ganz gewiß garnicht mehr von allem wissen, was vorlag, wenn Du mir endlich einmal wieder schreibst.
Zu meiner Betrübnis hörte ich von Ella Grassi, daß deutsche Bücher jetzt so teuer seien, daß man sie in Italien jetzt meist in Übersetzung kaufe. Überall dies peinliche Ineinander der Lebensformen! Es ist garkein Wunder, wenn man predigt von der Alleinherrschaft des Kapitals. 1M. = 5 Lire, das ist ja auch enorm. -
Sehr gern hörte ich mal von Dir etwas über die Bölitz-sche Schrift. Ich schrieb Dir wohl schon, daß Hermann sich zu einem zustimmenden Artikel bewogen fühlte; : "eine leitende Bildungsidee aller Fächer" (f. Heimatkunde [über der Zeile] !!) u. "feste Arbeitsgemeinschaft des Lehrkörpers" hebt er hervor. - Dies die Idee, die praktische (Schatten)seite höre ich dann immer aus dem Kollegium von Paula Seitz, die persönlich offenbar sehr befähigt ist, aber einen schlappen Direktor hat. -
Ich bin immer froh, wenn der Dr. mal eine "Allgemeine" mitbringt. Das Heidelberger Blatt ist einfach unverträglich in seiner kleinlichen Parteistimmung.
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| Wann wird es denn einmal die Partei der Sachlichkeit geben, die wir uns wünschen? Ich verfolge die Entwicklung so gut ich es verstehe, aber es fehlt mir sehr, daß ich darüber nie mit Dir reden kann. - Eine Notiz der Englischen Opposition, daß sie doch "produktive Arbeit" leisten wolle, hat mich durch die Einsicht im Gegensatz zu unsern Parteien schmerzlich berührt. Werden denn jetzt einmal die Bürgerlichen zusammen halten?
Abends. Wie schön, mein Lieb! Da kam während ich bei Paula Seitz war Deine liebe Karte. Habe 1000 Dank! Siehst du, das ist wirklich eine Wohltat, wenn Du dazwischen mal eine Karte schickst. Denn Du hast doch keine Ahnung, wie schwer das ist, wenn man Tag für Tag 2x vergeblich voller Sehnsucht auf eine Nachricht wartet. Hoffentlich hat Dich mein Brief nicht geärgert?! Du hast doch wohl gemerkt, daß es nicht bös gemeint war. Ich weiß schon, wie die Tage eilen, aber Du weißt auch, wie all meine Gedanken bei Dir sind u. wie ich so gern an allem Anteil nehmen möchte. -
Wenn ich doch mal wieder was für Dich schreiben dürfte! Das war solch liebe, beständige Verbindung. - Danke Dir, angeregt durch Dichtung u. W. habe ich den Landprediger von Wakefield gelesen. Ich kannte das Buch nicht, u. ich bin froh, es nicht frühr gelesen zu haben. Denn jetzt hat es sehr auf mich gewirkt, es ist eine ganz einzige Stimmung darin, dies feine Schweben zwischen Naivität u. Ironie, diese rührende Herzensgüte. Auch die Richterschen Bilder sind sehr reizvoll dazu.
Schrecklich ist überall bei uns die Geldnot. Jeder spricht von Verkaufen, aber niemand hat Geld, sich Luxusgegenstände zu zu legen. Ich komme mir ganz unbescheiden vor, daß ich so gut auskomme, mir ein Sommerkleid, ein Paar Halbschuh, einen Hut zu legen konnte. - Rösel Hecht erwartet im Juli ein zweites Kind u. der Mann ist stellenlos. Und so sind überall Sorgen. - Der Dr. bezahlt monatlich 110 M. u. hat nachweislich eine Einnahme von 260 M (oder 80?). Klasse 10! Er ist so zäh im Bezahlen geworden, dabei spielt er außer Hause den Noblen.
- Ach, wieviel hätte ich Dich zu fragen! - Es ist mir schmerzlich, daß ich Dich in Weimar nicht hören darf! Die Einladung zur Tagung, die Aenne bekam, hat mich ganz sehnsüchtig gemacht. Ich habe manchmal solches Verlangen nach etwas, worauf ich mich freuen könnte. Sehr unbescheiden, nicht wahr? - Nun ich freue mich jetzt mal sehr auf den verheißenen Brief, mein Herz, u. jetzt will ich mich auf die abendliche Abkühlung freuen! Die Welt ist so schön, <Kopf> aber, wie Du sagst: man hat keine Zeit, es zu genießen. - So laß uns <li. Rand> wenigstens im Herzen die Sonne festhalten - zu jeder Stunde bewußt. In Treuen Deine Käthe.
[li. Rand S. 1] Der Neckar ist braun von Schlamm, aber bei uns fällt kein ein Regentropfen.