Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. Juni 1924 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 6. Juni 1924.
Mein liebes, liebes Herz,
Eigentlich hätte ich am liebsten Deinen lieben Brief sofort beantwortet, denn ich habe mich so sehr darüber gefreut. Wenn es doch nur möglich wäre, daß Du solch Schreiben rasch aufs Papier "denken" könntest, ohne damit Mühe zu haben! Aber so ungern auch ich noch mit Wünschen komme, so denke ich doch, daß wir eben alle beide nicht auf diesen Austausch verzichten können. Laß nur immer, wenn die Pause zu lange wird, mal eine Karte ab, daß ich mich nicht um Dein Befinden sorgen muß. Ich fing gerade an, mich wegen der Heiserkeit wahrlich zu beunruhigen. Aber da Du diesmal nichts erwähnst, ist sie wohl vorbei. Nur die Zähne quälen Dich dauernd. Kann denn auch Lubowski garnicht richtig helfen? – Ich habe nach vielen Wochen beständiger Schmerzen nun 2 Nerven getötet bekommen u. bin wie erlöst. Es nimmt so mit, immer Schmerzen zu haben. –
Wie soll ich nun aber für all das Viele, das Du schicktest, ausreichend danken! Da ist der <unleserliches Wort> – (willst Du ihn zurück?) – mit dem warmen, eindrucksvollen Geburtstagsgruß; die Rezension von Glatzel (der wohl eigentlich Gnatzel heißen sollte) die bei aller widerwilligen Anerkennung Deiner Bedeutung doch voller Verstimmung u. Mißtrauen gegen alles Neue ist. Immerhin scheint er den Beruf ernst u. tüchtig u. nachdenklich aufzufassen, wenn auch seine Abneigung gegen die Großstadt ihn die biedere Mittelmäßigkeit des provinziellen Durchschnitts so betonen läßt. – Wie will man "höher" bilden, wenn man die heimlichen Spannkräfte gar nicht fühlt? – –
Mit großer Spannung las ich Deinen Bericht der Sitzung. Was wird nun sein? Die sinnlosen Lehrpläne werden durchgeführt? Oder wird widerrufen, wie jetzt immer? Aus Deiner Besprechung im "Tag" bestätigte sich mir meine Vermutung, daß Hermann sich von der schönen Aufmachung hat blenden lassen. Übrigens daß Heidelberg in Baden liegt, ist mir nicht neu, u. ich hatte mich wohl mal wieder unklar ausgedrückt, wenn ich schrieb: die Schattenseite höre ich von Paula Seitz. Ich meinte, die Art, wie sich die Zusammenarbeit in einem Collegium praktisch gestaltet. Da hat sie nämlich eben sehr lehrreiche Erfahrung. Wie soll das erst gehen, wenn nicht mal angeblich ein Direktor das Zusammenwirken regelt, sondern alles freie Übereinkunft ist. – Die Unzuverlässigkeit von Becker war offenbar doch schon hier bekannt. Denn Wille ist sonst immer sehr schonend im Urteil. – Schade, schade, daß Jaeger so matt u. kraftlos ist; ob er nicht durch körperliche Kräftigung zu ganz andrer Wirkung kommen könnte? Er ist doch ein so feiner Geist.
Wie mächtig spricht doch der Spengler an! Ich holte mir gleich auf Deinen Rat hin die kleine Schrift u. war gefesselt von der Distanz des Blickes, wodurch die Zusammenhänge sich überraschend verschieben u. war
[2]
| auch wieder tröstlich berührt von dem Vertrauen, das aus dem tiefsten Grunde durchklingt. Denn wenn man unsern neuen Reichstag sieht, dann kann einen wohl die Verzweiflung fassen. – Ja, dieser Spengler ist einer der wenigen, die Dir geistesverwandt sind.
Daß Quelle u. Meyer schon an die neue Auflage denken, ist ja unglaublich. Hier in Heidelberg scheint man für den Verkauf der Bücher wenig zu tun. Ich war in 5 Läden, bis ich es endlich bekam, um es ("wie befohlen") dem Dr. Gans zu besorgen.* [später im Absatz] (*Vielen Dank auch übrigens für die 20 M. Es hat ja nur 10 gekostet!) Er war so kindlich erfreut darüber, daß ich mich meiner Hintergedanken beinah schämte. Hoffentlich hat er Dich nicht auch noch mit einem Dank belästigt. – Sehr froh macht mich die Drucksache, mit der Du all die vielen Wünsche u. Anliegen ablehnst, die Dich von wichtigeren Dingen abhalten. An Hermann hatte ich schon in Deinem Sinne geschrieben u. hoffe, es hat ihm klar gemacht, daß er Dich nicht mehr drängeln soll. – Von der Turnerrede stand ein kurzer Bericht in der Allgem. Z., die der Dr. brachte. Das ist doch etwas ganz Wunderbares um die freie, zündende Wirkung der Persönlichkeit! Du mein Einziger –
Hoffentlich hast Du den mißglückten Anfang des Seminars rasch wieder ins Gleichgewicht bringen können. Sigmar ist der Kommunist, nicht wahr? – Aus dem Bericht vom Colleg kann ich entnehmen, für welches Thema Du Dich entschieden hast. Du geruhtest nämlich im März nicht, es mir zu sagen!! – Wie kommt es denn, daß das Seminar dies mal so früh morgens ist?
Ach, was wirst Du wohl in den Pfingsttagen vorhaben? Möchtest Du doch einige Freiheit genießen! Wenn doch nur das Zusammensein mit Susanne nicht immer Conflikte brächte. Ich fühle so mit Dir, wie das quält u. wie Du doch Ruhe brauchtest. – Hörtest Du mal wieder mehr von Partenkirchen? – Uns hat Johanna Wezel aufgefordert, am Pfingstsonntag zum Kaffee nach Eberbach zu kommen. Eine Kateridee!* [li. Rand] * Vielleicht verbinden wir einen Tagesausflug damit. Hier ist augenblicklich Frau Ruge, da der Gatte zu einer Gerichtsverhandlung hergebracht wurde. Es ist schon einfach über alle Begriffe, was diese Frau durchmacht. – – Sehr gehofft hatte ich, daß Onkel mit seiner Frau im Juli unten die leere Wohnung von Aenne beziehen würde. Er kann sich aber nicht entschließen, da er Rudi unter Aufsicht behalten will, der in München bei einem Pfarrer lernen soll. Wenn der Junge noch immer kein Pflichtgefühl hat, was soll da der gute Vater nutzen? – – Du schreibst: und der Sommer?? – Was hast Du vor?
Ich grüße Dich viel tausendmal u. schreibe [über der Zeile] Dir bald mal wieder!
Deine Käthe.

Du mußt nie denken, ich verlangte eine Antwort! Nur so viel Du kannst u. willst!
[Kopf] Ich habe immer die Idee, wir treiben jetzt – der politischen Krisis zu, u. dann – gebe der <li. Rand> Himmel, – kommt Deine Zeit, neu aufzubauen.
[li. Rand S . 1] Wie kommt das mit dem Lindner u. der Namensforschung?

[3]
|
Mein Lieb, also doch immer noch erkältet! Ist es bei Euch auch so kalt? Wir haben nach wenigen Regentagen jetzt das schönste Wetter, frisch u. klar. Das Näherkommen der Festtage machte mich recht sehnsüchtig u. ich wollte es mir u. Dir nicht eingestehen. Denn was ist alles Schöne ohne Dich! Nun schickst Du Guter, Liebster schon wieder einen Brief u. damit mein Geschreibsel wenigstens rechtzeitig bei Dir ist, will ich es nur schnell noch absenden. Ich habe so garnichts Hübsches Dir mitzuschicken, so laß halt die kleine Skizze ein liebes Gedenken wecken. Ich hätte Dir noch viel, viel zu schreiben, aber ich denke ein paar Feiertage zu machen u. dann recht in Ruhe dazu zu kommen. Augenblicklich sind meine Augen durch das Zeichnen mal wieder ziemlich angestrengt. Ich verdiene dabei aber tüchtig u. fühle mich auch ganz wohlhabend. Springer schickte sogar statt 87 M (für 5 Zeichnungen) 90 – findet also meine Preise nicht zu hoch. –– Habe Du Dank für die erneute Einlage im Brief. Auf die mitgesandten Sachen freue
[4]
| ich mich sehr, schicke dann alles, was ich von Dir habe, auf einmal zurück im nächsten Brief. –
Wenn es Dir doch nur besser ginge. Weißt Du, wir leiden beide an unserm Können! Ist das komisch? Aber es ist so: Du kannst andern nichts überlassen, weil sie alles versieben, u. drum bleibt alle Arbeit bei Dir. Und ich denke immer, was man selbst kann, soll man tun u. damit sparen, u. ich kann doch alles: nähen, flicken, Hüte, Stiefel, Bücher u.s.w. machen – so wächst die Arbeit auch mir über den Kopf. Aber Du hast Recht u. es ist auch in mir zur Notwendigkeit geworden: man soll mit solchen Lappalien nicht die Zeit hinbringen. Drum will ich auch Hülfe nehmen. – Es war immer eine heimliche Hoffnung in mir, ich könne doch noch via Jena, Halle nach Weimar kommen. Aber es ist zu unvernünftig. Wie schwer wird es mir, zu verzichten. Ich denke Dein zu jeder Stunde. Immer in Liebe
Deine Käthe.