Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. Juni 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10. Juni 1924.
Mein Herz, ist Deine Erkältung nun endlich besser seit die Sonne scheint? Ich bin garnicht zufrieden mit Deinem letzten lieben Brief u. hoffe nur, daß Du doch in den Pfingsttagen etwas zu Deiner Freude getan hast. Wärst Du nur hier gewesen! Weißt Du, was Du hättest tun sollen? Mir nichts, Dir nichts davon gehen für ein paar Tage auf die Reichenau. Sie lockt ja doch mit immer neuen Grüßen! Warum sollen es nur andre Leute dort gut haben? - Die Äußerungen zu Deinem Buch las ich wiederholt mit großer Freude. Scheler hat eine sehr tiefe u. warme Art sich auszudrücken. - Wie verschiedenartig überhaupt ist das Echo, immer ganz persönlich, u. bei allen die Dankbarkeit für das Verstehen, das Du ihnen aufschließt. Am wenigsten erfreut mich der Lazarus. Vielleicht ist es mein Vorurteil, aber ich empfinde dies als unbescheidene Vordringlichkeit, die Dich ausnutzen möchte. - - Wie kam denn der Vetter von Lena Sardemann dazu, was von Dir zu wollen? - Und Harnack? Hast Du ihm wohl recht lebhaft zugeredet, daß er das Buch ja schreiben soll? Wie es mir nach einem vor Jahren gelesenen Vortrag erschien, muß dies Gebiet gerade ihm glänzend liegen. Und Du hast doch wahrlich nicht nötig, fremde Eier auszubrüten! Oder hättest Du Lust?
Vermutlich bist Du jetzt in Gedanken bei der Goetherede. Du weißt, wie es mich schmerzt, sie nicht zu hören. Denn das ist wirklich ein Ereignis, das ich von Rechts wegen miterleben sollte. Wie leicht hätte ich durch Aennes jahrzehntelange Mitgliedschaft Zutritt haben können! Aber das Schicksal will mir die Sache erleichtern, indem es mir auch psychisch das Reisen verleidet. Ich habe mal wieder Ohrenschmerzen u. bin deshalb kurzerhand in die Ambulanz der Ohrenklinik gegangen. Das wird ja nun hoffentlich rasch den besten Erfolg haben. - Schon am Sonntag war ich recht geplagt u. das hat mir natürlich den sonst schönen Tag recht beeinträchtigt. Das Verfehlen mit Johanna Wezel war wohl hauptsächlich unsre Schuld, da wir ohne es zu wissen, früher angekommen waren, als der fahrplanmäßige Zug. Sie war wieder bis an den Rand voll mit ihren Angelegenheiten, ist aber im Ganzen ruhiger u. umgänglicher geworden. Man will sie von der Regierung gern anstelle von Frl. Schwarz haben, die sie sehr wenig gut beurteilt. Aber Frl. Schw. will garnicht fort u. die Stadt hat vorzuschlagen, also sind noch allerlei Hindernisse. Johanna Wezel war sehr gerührt über Deine Eil-Antwort., denkt mit ihrem sonstigen Schreiben aber Dich zu erfreuen u. im Bilde zu erhalten! Ich weiß noch nicht, ob ich da ein Ritardando einschieben kann, ohne sie zu kränken, wenn sie heute nachmittag nochmals für einige
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Dieser infame deutsche Lehrerverein. Immer muß er kläffen - aber was schiert das den Mond! Nicht wahr, Du ärgerst Dich nicht? Ich möchte Dir überhaupt so gern ein recht dickes Fell verschaffen können, daß Du die Reibung des Lebens leichter trügest. - Ich wollte, das jetzt noch so lästige "Berühmtsein" gäbe Dir eine schöne Gelassenheit, im Gefühl dessen, was Du kraft Deiner inneren Sendung bist u. wirkst. Niemand hat mehr von Dir zu fordern, als Du physisch leisten kannst. Es wäre eine Sünde am Geist, wolltest Du nicht Deine Freiheit wahren. Lerne auch für Dich von Goethe das Recht der Persönlichkeit.
Mit Seminar u. Vorlesung bist Du jedenfalls nur deshalb nicht zufrieden, weil Du zu müde bist, um froh zu sein. Sonst müßte Dich doch das Gefühl tiefer Wirkung erfreuen. - Die Katholiken sind von einer fieberhaften Regsamkeit. Wie klug wissen sie immer alles Beste für sich zu nützen. So lernen sie jetzt bei Dir, um Dich dann womöglich zu überwinden. -
Die Drucksache, die vorhin kam, schicke ich Dir bald zurück. Ich dachte mir gleich, daß Deine Ankündigung einer Marienbader Tagung (durch Goethelektüre beeinflußt) die Marienburger meinte. - Die Paßbilder folgen auch demnächst, ich habe 12 bestellt für 5,50 M; darf ich davon wohl 2 behalten? Ich würde sie natürlich nur mit Deinem Einverständnis weiter geben. Es ist nur charakteristisch, daß Joh. Wezel ebenso wie Susanne das Bild so gut finden. Es ist halt offiziell, u. außerdem auch vorteilhaft, gewiß; aber Du bist für mich ganz anders - u. noch viel vorteilhafter!!
Nun will [über der Zeile] ich nur auf dem Wege zur Arbeit den Brief mit zur Post nehmen, daß er doch vor Deiner Reise sicher ankommt. Grüße mir Weimar u. denke mein, denn ich bin mit meinem ganzen Herzen bei Dir. - Wilmersdorf hat eine langweilige Postbestellung, was Du in Berlin einsteckst, reist viel schneller.
Reise auch Du gut u. sei viel tausendmal gegrüßt von
Deiner Käthe.