Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Juni 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. Juni 1924.
Mein Lieb,
das war ein richtiger Glückstag, als am Montag Dein lieber Brief kam! In gewissem Sinne war es fast ein Trost in meiner Verbannung, denn so waren wir uns näher, als unter all den vielen Menschen. (Es ist ja, wie Du weißt, nie mein Ehrgeiz, mit dem Schwarm der Schwärmenden zu konkurrieren.) Aber ich wußte auch in der Ferne, daß diese Rede ein Ereignis sein werde, u. so war ich mit Dir, wenn ich auch den Wortlaut, die Form, den wirklichen Gehalt nicht kenne, wohl noch auf länger entbehren muß. Aber ich kenne Dich, u. ich lebe diese ganze Zeit in dem Geist von Goethes italienischer Reise. - Hoffentlich hat die Freude an dem großen Erfolg Dir geholfen, die enorme Anstrengung zu überwinden. Was ist denn nur am Sonnabend in Göttingen schon wieder? Hast Du Dir die Absagen, die mich so erfreuten, nur als Luxusbesitz drucken lassen? - Du mußt doch noch 6 Wochen Dienst tun, ist das nicht ganz ausreichend für Deine Kräfte?
Heute wird mein Brief besonders konfuse ausfallen, denn ich bin etwas müde. Ich merke, daß alles verkehrt heraus kommt, aber Du Lieber, Einziger wirst es schon zurechtrücken u. verstehen. Und dann, wenn ich Dich endlich wieder sehe, werde ich nachholen, was jetzt ungesagt bleibt. - Du wirst dann Deine helle Freude daran haben, wie empfindlich gegen Zug ich geworden bin. Das kommt von den ewigen Ohrenschmerzen. Ich habe nämlich, wie der Terminus technicus lautet, eine Externa furunculosa u. excematosa im rechten Ohr, d. h. Entzündung u. Eiterung im rechten Gehörgang. Woher ich das nur immer kriege? Mir schwebt die gute Tante Grete vor u. ich male mir aus, auch so stocktaub zu werden! Schöne Aussichten! Jeden Morgen um 8 bin ich zur Behandlung in der Klinik. Solche Sache sei immer langwierig. Die Eigenbehandlung besteht darin, daß ich möglichst in der Sonne sitze. Aber Du weißt, das macht recht müde.
Darum will ich heute nicht von politischen Dingen berichten, die mich - im Anschluß an Ruge - beschäftigen. Sondern nur einen innigen Sonntagsgruß schicken u. zugleich die Bitte, wenn Du daran denkst, nach Hinterzarten zu gehen, bestelle bald. Es ist vielleicht günstig, daß die 500 M Auslandsgebühr fortfallen sollen, sonst aber würde es allenthalben überfüllt. Du kannst Dich in der Linde wohl auf die alte Beziehung berufen?
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| Es ist mir in meinem augenblicklichen "leidenden Zustand" eine doppelt frohe Aussicht, so schöne Ferientage vor mir zu wissen. Wo es auch sei, es ist mit Dir!
Den Bericht von Marienburg schicke ich Dir ganz bald. Ich will mir morgen nur einiges daraus abschreiben. Denn morgen ist ja hier ein Feiertag. (Frohnleichnam.)
Als Johanna Wezel hier war, wollte sie noch nicht reisen, schrieb dann auf einer Karte, daß sie für Weimar einen Platz habe, ob ich darüber traurig sei!! Welch törichte Frage, nicht wahr, mein Herz!
Vor einem Jahr war ich um diese Zeit bei Dir - vor zwei Jahren auch. Jetzt muß ich halt noch eine Weile Geduld haben.
Wie lange wirst Du in Göttingen sein? Ich freue mich, es zu kennen! Ob ich an Berka dachte u. an den Tag in Weimar 1917 –? Unsere Gedanken begegnen sich immer auf halbem Wege.
Aber heute verzeih das zusammenhanglose Gekritzel. Bald hörst Du wieder mal was Vernünftiges von mir. Oder zweifelst Du?
Viel tausend liebe Grüße von
Deiner Käthe.