Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21./22./23. Juni 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21. Juni 1924.
Mein liebstes Herz,
also in Göttingen muß ich Dich heute mit meinen Gedanken suchen? Ich wollte, daß mir morgen eine Karte das Nähere erzählte!
Du wirst aus meinen letzten Zeilen kaum empfunden haben, wie mich Dein Bericht aus Weimar tief berührte u. beglückte. Schon daß Du mir schriebst, war so über Erwarten schön, u. mehr noch das wie. Ich muß Dir noch einmal Dank sagen, daß Du mich so, wenn auch fern, Dir nahe sein ließest, wie wohl niemand sonst. - Die Bedeutung der Stunde, die ich auch ohne Worte kannte u. fühlte, spricht so klar u. freudig aus Deinem Bericht, u. auch Johanna Wezel meldete mir tags darauf von dem großen Eindruck auf alle u. von ihrer tiefen Ergriffenheit.
Inzwischen war ich dauernd mit Goethe in Italien. Wie sehr habe ich dabei Deiner gedacht! Und ich hatte ein paar Tage recht beschauliche Ruhe. Man muß schon krank werden, um mal für sich da sein zu können! Seit Mittwoch, also jetzt 3 Tage, quäle ich mich nämlich mit einer recht unangenehmen Entzündung im Hals. Seitdem sind die Ohren besser! Aber im Hals habe ich eine eitrige Wunde, von der ich (im Vertrauen) überzeugt bin, daß ich sie einer ungeschickten Verletzung bei der Untersuchung durch den Ohrenarzt verdanke. Es falle nur niemand den Ärzten in die Hände, nicht wahr? Ich spreche zu niemand über meinen Verdacht - - u. indem ich dies schreibe, kommt Dr. Gans, der sich nach meinem Verbleib erkundigen wollte, u. fragt nur den Verlauf ab!! Aber der Arzt in der Klinik war so nett, daß ich ihn nicht gern verdächtigen möchte. Dr. G. wird wohl an meine Combination nicht glauben. Eine Krähe hackt der anderen die Augen nicht aus.
Also - nun liege ich armer Lazarus vorläufig noch zu Bett u. sogar Dr. G., der sonst immer so drängelt, empfiehlt mir Ruhe u. Schonung. Das gibt ein sehr angenehmes Gefühl von Berechtigung.
Wie das natürlich sehr nahe liegt, wuchs im Lesen von Goethes Briefen in mir der heiße Wunsch, Du möchtest auch einmal eine solche Zeit innerer Freiheit u. ungestörten Wachsens genießen können. Du brauchst freilich nicht mehr Dich selbst zu finden - Du fühlst ja Dein Ich aus dem Reflex in den anderen - aber wer kann denn immer nur geben - geben! Ich verstehe so, daß man auch einmal wieder an der Welt wachsen, sich weiten möchte. - Vielleicht können Dir solche menschlichen Berührungen wie in den Lehrerkursen etwas sein? Nicht wissenschaftlich, aber in Bezug auf das Gesamtleben u. wie der
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| Hebel anzusetzen sei? - Ich habe den Bericht von Dir. Schwanbeck mit Eifer studiert u. hoffentlich manches daraus gelernt. Es scheint mir sehr klar u. eindringend u. war mir gut verständlich. Vielleicht ist es eine gewisse Vereinfachung des schwierigen Problems, besonders Schelers, aber dadurch eben auch mir zugänglich. Und reizend ist, wie die Liebe u. Bewunderung für Dich überall durchklingt. Ich nehme das ja freilich immer nur als schuldigen Tribut, aber ich freute mich doch einer so natürlichen, echten Art, es auszusprechen.
Wie schade, daß ich nicht lieber mit Dir reden kann, das Schreiben geht im Liegen - Du kennst ja die [über der Zeile] Leidensstätte!! - so schlecht! Aber freilich - reden soll ich auch nicht, sondern möglichst still halten: Schweigekur, sagt Dr. Gans! - Aenne versorgt mich sehr treulich, wie immer. Aber natürlich ist sie viel beschäftigt u. unterwegs, sodaß ich sie nur sehe, wenn sie Futter bringt. Unterhalten soll ich mich ja nicht, und es ist ja auch zwischen uns nicht ergiebig, bei ihrer jugendlichen Schnellfertigkeit mit dem Wort, für die es keine Probleme gibt. Aber sehr hübsch war es, wie sie mit mir Wilh. v. Humboldts Reise <mehrere Worte durch Knick im Papier unleserlich> las da sie ja Rom kennt, war sie sehr erfüllt davon.
Von etwas muß ich Dir erzählen, was mich tief beschäftigt. Im Spenglerschen Vortrag ist die Rede von den kleinen Gruppen, die sich in den Dienst einer Idee stellen mit Leib u. Leben. Ich konnte mir von dieser Form zu kämpfen kein Bild machen. Nun habe ich eine Illustration. Ich möchte keine Namen nennen. Es war mal jemand bei uns - ein junger Mann, der uns wohl leichthin für Gesinnungsgenossen hielt. Er sprach mit fabelhafter Offenheit von Organisationen zur Beseitigung feindlicher Führer, seien es nationale oder Partei-feinde. Er entrollte eine historische Auffassung von fabelhafter Consequenz mit der Behauptung: überall seien die Juden die Drahtzieher. Er erwartet wohl von der Zukunft ein solches Wettmorden der Parteien, daß einem ganz schleierhaft ist, was dann noch übrig bleiben soll. Die unheimliche Stimmung der französischen Revolution klang wie Gewittergrollen hindurch. - Müssen wir wirklich durch solche Greuel, um zu einer Ruhe zu kommen
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| u. kann das dann nicht die Ruh des Friedhofs sein? Wenn doch der Geist der Spenglerschen Schrift sich ausbreiten möchte. Wenn doch Du - über dem Gezänk der Parteien stehend - den Sinn für die Erfordernisse eines einheitlichen Standes wirksam machen könntest. Aber sie hören u. verstehen nicht! - Mir war als ob wir für einen Augenblick der Schleier über einer unheimlichen Tiefe zerriss u. ich einen Blick getan hätte in die Werkstatt blinder Gewalten, die leichtsinnige Hände entfesseln wollen. Und überall ist es das gleiche. Nun dieser Mord in Italien! So kann der Weg nicht aufwärts führen. - Wie recht hatte Goethe wieder: "Unsre modernen Kriege machen mich unglücklich, indessen sie dauern, u. niemand glücklich, wenn sie vorbei sind." Er sollte ruhig noch sagen "u. alles schlechter." Dabei - wieviel kleiner waren die Maße damals!
Von der Tätigkeit des Zentrums macht man sich, glaube ich, doch in Norddeutschland keinen Begriff. Unser Dr., dieser Schwanz, ist in fieberhafter Bewegung. Natürlich keine Wichtigkeit, aber ein Symptom.
Ich meine, es ist wie eine Vorbedeutung, daß Du fürs Kolleg dies Thema möchtest. So kann doch an neutraler Stätte eine höhere Einsicht bei der Jugend zu Worte kommen.
Hindenburg soll demnächst herkommen. Die Völkischen sind ihm feind. Er sei das Hindernis einer "Militärrevolution" gewesen. Wie denkt man sich das? Hat denn nicht gerade das Militär revoltiert? - - All sein Ruhm gebühre eigentlich Ludendorff. - Nun, ich lasse mir die Verehrung für seine herbe, ernste Würde nicht nehmen. Preußische Pflichttreue u. Zucht - altmodische Begriffe! - sprechen aus seiner Erscheinung u. halten ihn im allem Sturm aufrecht. - -

Sonntags. - Es ist noch nicht viel besser mit mir u. ich bin sehr gern noch liegen geblieben. - Viel Genuß habe ich freilich nicht vom Alleinsein - aus Italien bin ich zurück u. habe noch ein wenig im Bielschowsky geblättert. Er ist ja sehr bieder aber nach der besseren Gesellschaft sagt er mir nicht zu. Man denkt immer: "Sie haben ja so richtig" - - ich glaube, so sagtest Du?
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Ich will jetzt lieber wieder bei Dir einkehren u. mich in die Jugendpsychologie vertiefen. Das ist ein Buch, in dem das Ringen unsrer klassischen Geister nach vollem Menschentum weiterklingt. Damals erzogen sie zu Weltbürgern, jetzt sollen Staatsbürger heranwachsen, damit wir nicht in der Welt untergehen.
Ach, ich fühle mich so von Goethes Worten getroffen, wenn er sagt: "Daß ich über diese Gegenstände mich in allgemeinen Betrachtungen ergehe, ist ein Beweis, daß ich noch nicht viel davon verstehen gelernt habe" - - aber wie kann ich anders teilnehmen, wie vom Allgemeinen aus?

Montag. - Du bist auch Patient? Das ist mir recht leid. Hoffentlich geht es rasch vorüber, daß es nicht zuviel Kräfte kostet. Hast Du irgendeine Schädlichkeit genossen? Jedenfalls war es wieder das Bedürfnis, auch etwas zu haben! Ich wollte noch schreiben: jetzt mache mir aber die Sache nicht etwa wieder nach - u. nun hast Du statt dessen etwas Originales aufgeführt! Mein Lieb, das ist wirklich recht arg u. unnötig bei aller Arbeit. - Aber schimpfen solltest Du nicht gleich, ohne genau Bescheid zu wissen. Es ist nämlich diesmal das andre Ohr u. ich ging sofort [über der Zeile] ins "Klinik". als die Schmerzen anfingen. Den Erfolg siehst Du ja bei aller sorgsamen Behandlung. Aber dennoch glaube ich, daß die Ablenkung in den Hals nur gut war für das Ohr, wo man freilich nicht so beständig behindert ist, wie beim Schlucken. Jedenfalls ist es im Ohr seitdem zu Ende mit den Furunkeln. Und gestern Sonntag abend ging bei meiner sachgemäßen Eigenbehandlung mit heißen Umschlägen u. Gurgeln mit Kamillentee die große Eiterstelle im Hals endlich auf u. seitdem bin ich genesen. - Heute zeichne ich noch nicht, bin natürlich etwas matt. - Habe Dank, mein Einziger, für Deine rührende Fürsorge, die mir so lieb über den toten Punkt einer Woche ohne Verdienst hinweg hilft. Es ist mir gerade wie im Golem mit der Mirjam - immer kommt in leeren Augenblicken ganz "von selbst" eine Hülfe. Gleichzeitig mit Deiner lieben Sendung trafen auch noch 27 M aus der Grolmanstr. ein, höchst überraschend. - Jetzt werde ich mir aber an Deinem Geburtstag als von Dir eine neue Handtasche kaufen. Die alte ist zu kaputt! Ich bilde mir dann ein, Du habest sie geschickt! Ist das recht?
Leider, leider war ich durch mein ekliges Unwohlsein verhindert, mich irgend einer netten Kunstfertigkeit für Dich hinzugeben! So habe ich garnichts für Dich, was mir Freude machte, u. kann auch das Päckchen erst morgen abschicken. Vielleicht kommts als Wertpaket rascher an, ich wills versuchen.
Heute will ich diesen Wisch nur zur Post bringen. Hoffentlich trifft er Dich wieder ganz gesund. Es ist scheints die Jahreszeit, wo wir Beide gern Mucken kriegen.- Hast Du nach Hinterzarten geschrieben? -
Mit innigsten Grüßen u. Wünschen u. Dank Deine Käthe

[Kopf] Aenne grüßt natürlich auch immer sehr!