Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Juni 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25. Juni 1924.
Mein geliebtes Herz.
Auf einem schönen Feiertagsbogen sollen meine Wünsche zu Dir kommen, denn für mich ist dies der höchste Feiertag des Jahres. Wie weit müssen meine Grüße diesmal reisen, u. ich hatte mich doch schon beinah gewöhnt, um diese Zeit immer bei Dir zu sein! - Nicht einmal meine kleine Sendung wird rechtzeitig eintreffen, da mich ein Handwerker mit der versprochenen kleinen Arbeit im Stich gelassen hatte. Aber laß es gut sein, mein Herz ist rechtzeitig da, Du wirst es fühlen, denn mit geheimen Fäden ist unser Sein verknüpft. - In die Zukunft gerichtet ist mein Sinn. Ich weiß, wie immer fester u. klarer der Kreis Deines Wirkens sich ausbreitet, wie die deutsche Kultur aus Dir bereichert u. geformt neu empor wächst. An Dich dachte ich, als ich dieser Tage bei Humboldt wieder las: "Es liegt in der großen Ökonomie der Geistesentwicklung, welche die ideale Seite der Weltgeschichte, gegen
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|über den Taten u. Ereignissen, ausmacht, ein gewisses Maß, um welches der einzelne auch am günstigsten Bevorrechtete, sich nur über den Geist seiner Nation erfahren kann, um, was dieser ihm unbewußt verlieh, durch Individualität bearbeitet, in ihn zurückströmen zu lassen."
Sieh, das ist es, was mich tröstet, wenn die Verworrenheit der Gegenwart mich niederdrücken will: daß Du bist, u. daß man Dich hört. Mögest Du Deine Kraft immer ungestörter dem widmen dürfen, wozu Du berufen bist, immer freier von fremden Ansprüchen.
Bist Du wieder gesund? Ich hoffe es sehr. Und ich muß es zum hundertsten male wiederholen, wärst Du es nicht u. brauchtest meine Hülfe, so zögere nie, mich kommen zu lassen. Ohr u. Hals sind wieder heil u. ich lebe wieder der Arbeit. Die Tage sind sonnig u. klar, von mäßiger Wärme. Allerlei Besuch ist im Haus: ein allerliebstes Schwesterchen von
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| unsrer Liesel u. seit gestern die Schwägerin von Aenne, Frau Knaps, die Du auch kennst. Sie hat eine Staroperation hinter sich u. wird Anfang Juli mit Aenne u. noch einer Schwester zu Elisabeth nach Saig gehen. Dann bin ich nachher mit Lebeaus ganz allein im Haus.
Gleichzeitig mit diesem Brief schicke ich Dir als Drucksache "wunschgemäß" Mörikes Gedichte. Leider ist die Ausgabe sehr simpel, aber eine andre mit kubistischen Scherenschnitten gefiel mir noch weniger. Sie sollen Dich ein bißchen sehnsüchtig machen nach süddeutschem Land u. Leuten! - Und das Päckchen, das ich eingeschrieben schickte, weil ich hoffe, so geht es schneller, das nimm auch lieb auf. Es sollte eigentlich darauf stehen: Ende gut alles gut. Denn sein Inhalt, der einmal düstre Gewitterstimmung herauf beschwor, steht jetzt unter dem Zeichen des Regenbogens. Du u. ich, u. weiter keiner! Nicht wahr?
Das kleine Aquarell, das mir Herr Labes
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| s. Z. schenkte, ist durch das was es darstellt seltsam beziehungsreich geworden.
Nun will ich noch in den Garten gehen u. mich dem Besuch widmen. -
So laß diesen kurzen Gruß Dir sagen, wie all meine Liebe bei Dir ist. Ich male mir aus, welch eine Fülle von Liebesgaben am Freitag sich bei Dir versammeln wird; möchte es ein Tag der Freude für Dich sein.
Innig u. treu
Deine
Käthe.