Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Juli 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg 9. Juli 1924
Mein liebstes Herz.
Es ist unerhört, daß ich Dir noch nicht geantwortet habe, wollte ich doch eigentlich sofort schreiben. Aber, wie Du es vorausgesagt, sitzt mir die Erschöpfung durch die üble Infektion so in den Knochen, daß alle meine Energie futsch ist. Zudem dieser übliche Gewitterdruck, über den alle Welt klagt - kurz: es ist mit mir nicht viel los! - Seit Aenne mit der Schwägerin am Sonnabend d. 5. früh abreiste, muß ich bekanntlich wieder für mich kochen, u. wenn mir das auch in einer Art zusagt, so kostet es doch etwa 1 Stunde am Tage! Unten muß ich die Wohnung versorgen, Läden auf, Läden zu, je nach Sonne u. Regen, abends den Garten gießen, u. außer meinem Gänsrich verlangt jetzt wieder Dr. Herzog im pathologischen Institut Zeichnungen. - So kam es, mein Lieb, daß ich jeden Abend die Absicht hatte, Dir zu schreiben u. daß ich statt dessen jeden Abend um 9 ins Bett ging. Jetzt sitze ich nun hier am Schreibtischplatz schon in der Morgenfrische, die wohltuend vom Gaisberg herunter strömt u. will mir von nichts die Schreibezeit rauben lassen. - - An meiner besorgten Anfrage, die sich mit Deinem lieben Brief kreuzte, erfasst Du wie lebhaft meine Nerven sind. Ich glaube, Du kennst das ja auch zur Genüge. Da ich aber in der bevorzugten Lage bin, durch Schlaf den Mangel ausgleichen zu können, so geht es mir tatsächlich jetzt doch schon besser. - Daß Du von mir 3 Packete bekamst, bezieht sich wohl auf den Doppelbrief, die Drucksache u. das Eingeschriebene. Daß Du bei letzterem die Löffel garnicht erwähnst, macht mir Bedenken. Ob sie nicht mehr drin waren? Oder ob Du irgend etwas dagegen hattest? Ich kann mirs nicht deuten. Na - wir werden ja hören, wenn wir erst beisammen sind. - Ja, aber wo? Daß Hinterzarten nichts ist, bedaure ich sehr. Denn ich halte Heiden u. Walzenhausen für Nerven nicht hoch genug gelegen, so sehr ich sonst dazu geneigt wäre. Du strebst doch schon seit langem mal dorthin. Wenn Du Dich dennoch dafür entscheiden solltest, so müßte ich es nur zeitig wissen, da ich keinen Paß besitze u. also erst einen beschaffen müßte. - Zunächst habe ich Aenne mal gebeten in Saig anzufragen, eventuell auch in Lenzkirch, - eine Karte vom Ochsen in Saig, der berühmt sein soll, meldete mir auch ihre sichere Ankunft, die Anfrage aber hatte sie wohl vergessen. -
Daß auch Du so von Müdigkeit geplagt bist, ist ja kein Wunder. Ich glaube, der lange, kalte Winter hat die Kräfte garzu sehr erschöpft.
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| Hoffentlich ist es jetzt bei Euch nicht dauernd so gewitterschwül, sondern mal wieder diese gute trockne Hitze, die in der Mark so gesund ist. Denn Wärme haben wir ja doch gern. - Von Deiner Rede zur Feier des grauen Klosters hörte ich schon durch die Zeitung - Du weißt, es bleibt nichts geheim, was Du tust! Sehr erfreulich ist die Nachricht von Quelle u. Meyer. Das ist doch mal ein Reinertrag ohne neue Mühe! - Aber daß Frl. W. so verbockt, ist mir recht betrübend. Das ist eine Alterserscheinung, die ich auch an Aenne öfters bemerken kann.
Allerlei Trauriges ist hier im Städtchen geschehen, was die allgemeine Teilnahme erregt. Daß Boll gestorben ist, wirst Du längst wissen. - Dann verunglückte der Sohn von Forstmeister Krutina, der auf dem Rad unter eine Wagen mit durchgehenden Pferden geriet. Der andre Sohn ist im Krieg gefallen. - Und was uns noch näher angeht: die schöne Tochter von Frau Gunzert, (die wir beide mal auf der Straße trafen) ist an den Folgen einer Operation ganz rasch gestorben. Das ist auch das zweite Kind, das vor der Mutter ins Grab kommt. Die alte Frau ist ergreifend in ihrer stillen, gefaßten Trauer. -
Noch immer sind 4 ½ Woche bis zum 10. August! Die Zeit geht garzu langsam. Freilich für das, was zu tun wäre, immer noch viel zu schnell. - Noch etwas: Kennst Du in Hinterzarten noch ein Café Imberi? Das sei als Pension auch sehr zu empfehlen. Und auf dem Feldberg: Grafenmatte, Feldbergerhof u. Herzogenkornhaus. Was hältst Du davon? Ich wäre ja viel mehr für Wald, Berge u. Höhenluft, auch z. B. St. Mergen? Ich kenne das alles nicht, weiß also nicht, ob geeignet? Durch die lange Sperre der Schweiz ist der Schwarzwald dies Jahr überfüllt. -
Doch jetzt kommt die Sonne aufs Papier u. ich muß mich zur Arbeit rüsten. Drum für heute ade, mein geliebtes Herz. Laß mich bald mal hören, wie Du über das Unterkommen denkst. Wärst Du gegen Saig, falls dort Platz wäre? Es soll sehr schön liegen, 1000 m hoch. -
Viel tausend herzliche Grüße von
Deiner Käthe.

Falls Du nicht nach Saig oder in die Gegend willst, bitte schreibe sofort nach Ae. Kn. Hirahof - Saig, Post Lenzkirch Bad. Schwarzwald. Sie gibt Dir auch <re. Rand> Nachricht, falls sie für uns Platz findet.