Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16./17. Juli 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Juli 1924.
Mein geliebtes Herz,
es schreibt sich schneller mit dem Stift - drum verzeih. Es ist ohnehin sehr schwer, überhaupt dazu zu kommen u. ich habe doch ein rechtes Verlangen nach "Verkehr". Ob Du mit dem Mieten in Lenzkirch einverstanden bist? Zum Glück stand dieser Name nicht bei dem, was Du für ungeeignet erklärtest. Jedermann behauptet, es sei sehr schön, schöner als Hinterzarten. Aber wer weiß? - Auf alle Fälle ist wohl ein Glücksfall, wenn man überhaupt etwas findet, da es allenthalben sehr überfüllt ist. Ich schrieb nochmal an Aenne, ob sie bei der Wirtin vorstellig werden kann, daß in Deinem Zimmer Gelegenheit zum Lesen u. zum Schreiben sei. Du würdest doch gewiß gern auch für das Zimmer etwas mehr bezahlen, wenn es dafür bequem u. hübsch sei. (Hinterzarten verlangte ja auch 7-8 M.) - Ich liege immer ganz gut auch zur Nachmittagsruhe auf dem Bett. -
Wegen der Paßsache habe ich mich erkundigt. Man braucht eine Ausreiseerlaubnis zu 10 M, Paß zu 5 M. Schweizer Visum zu 8 Frs., u. ich müßte auch ein Paßbild machen lassen, da von mir garkeins existiert. Also alles in allem ungefähr 20 M., lohnt das?
Auf dem Finanzamt fragte ich auch heute, ob ich Einkommenssteuer zahlen müsse, u. er erklärte ja: 10% dazu 2½ % Umsatz, das macht 12,50 M von 100 M., das ist doch schrecklich! Ist es nicht eigentlich dumm von mir, daß ich das bißchen Einkommen angebe?
- Ich schreibe im Garten, bin halber Patient. Ob es die Hitze ist, oder sonst eine Schädlichkeit. Ich hatte wieder etwas Fieber, Eiterung an der Mandel, Drüsenschwellung u. fühle mich schlecht. Da bin ich dann zu Frl. Dr. Clauß gegangen, die sehr angenehm u. verständnisvoll war u. mir allerlei verordnete. Sie ist auch die Meinung, daß ich irgend eine Infektion in mir habe, die wir vertreiben müssen. Jedenfalls aber möchte ich das natürlich vor dem 10. August erledigen; auf die Höhen - u. Waldluft freue ich mich außerordentlich, bin schon jetzt eigentlich: ferienreif. Gestern habe ich die berechtigte Faulzeit - ich habe gestern u. heut nur 1 Stunde gezeichnet - sehr genossen. Heute ist es wieder schwüler u. die Genußfähigkeit geringer. Vor allem kann man nicht recht essen bei der Hitze, das ist übel. -
Wie gedenkst Du es denn mit der Reise zu halten? Ich wünschte sehr, daß Du doch einen Tag hier Station machtest, damit wir doch irgend etwas von unsern Lieblingswegen sehen könnten. Ich weiß ja garnicht mehr, daß ich in Heidelberg wohne. Was meinst Du dazu?
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- Seit Aenne fort ist, bin ich sehr viel allein zu Haus. Ich habe wohl hie u. da kurze Besuche gemacht. Lulu Jannasch bietet mir sehr freundlich an, abends mit mir auszugehen, aber ich bin nicht unternehmend. Die lästige Arbeit schiebe ich möglichst beiseite - aber Manches muß eben doch sein. - Wie ich hörte, soll man im Schiff gut zu Mittag essen, das will ich doch mal versuchen. Keinesfalls koche ich mir länger selbst, denn ich kann garnicht so wenig kochen, wie ich esse u. dann zieht sich oft das Menü mit kleinen Variationen durch Tage hin. - Das ist lästig.
Aber welch elender Brief! Mein liebes Herz, verzeih mir, ich bin mir selbst zuwider. - Mit Freude las ich z. T. die Erinnerungen von Luden: vor allem das mit Goethe. Dann flüchtiger seine, von vornherein skeptische Beurteilung des Kulturkampfes etc. -
Und jetzt - was dürfen wir hoffen? Es ist wohl überall ein Wunsch nach Besserung, aber großenteils eben wohl doch auf unsre Kosten.
Nächstesmal, mein Lieb, hoffe ich vernünftiger zu schreiben. Würdest Du mir wohl auf mein Anfragen Antwort geben können?
Walther ist nach Steinbach-Hallenberg bei Schmalkalden versetzt. Ob das nun eine Anstellung oder wieder nur Vertretung - ich weiß es nicht. -
Mit den herzlichsten Grüßen u. dem innigen Wunsche, daß es Dir besser gehen möchte als mir - in stetem Gedenken.
Deine
Käthe.

Am 17. morgens noch einen Gutenmorgen-gruß u. die Meldung, daß es mir wieder besser geht. - Gestern Abend war eine nette Laborantin Frl. Dragendorff bei mir, - ein Wandervöglein.
Und noch eine Bitte - ist es sehr unbescheiden, wenn ich Dich bitte, mir die 25 M unerwartete Steuern zu ersetzen? Deine 100 M hatten mich etwas leichtsinnig gemacht, ich hatte allerlei angeschafft: Holz, Schuhe, Strümpfe; Wäsche nähen lassen - u. bei Rösel bin ich für 46 M repariert - da bin ich auf einmal etwas knapp dran u. fürchte in Abwesenheit von Aenne in Verlegenheit zu kommen. -