Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. Juli 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. Juli 1924.
Mein geliebtes Herz.
Es ist Sonntag abend u. ich bin allein im Garten. Still ist es nicht, in der Nachbarschaft schreien sie die taube Großmutter an - es riecht nach allen Küchen rundum - also poetisch ists nicht hier! Aber ich will Ohren u. Nase zumachen u. mit meinen Gedanken ganz bei Dir sein! Habe Dank für Deinen Brief, mein Lieb, mit dem vielseitigen Inhalt. Die 100 M würden mich bedrücken, wenn Du nicht wiederholt versichert hättest, daß Du jetzt endlich "gut bei Kasse" seiest. Also: habe Dank! - Du hast mit Betrübnis von meinem moralischen Verfall Kenntnis genommen, daß ich es entschieden für zweckmäßiger hielte, diesem Lausestaat die wenigen Einnahmen zu unterschlagen. Ich schrieb es im Ärger, denn in der Tat scheint es mir sehr ungerecht, was selbst der Steuerbeamte zugab, daß man jedem Beamten u. Angestellten ein steuerfreies Existenzminimum bewilligt, dem freien Berufe aber nicht. Ich muß von jeden - doch wahrlich ziemlich mühsam erworbenen 45 M 5 M abgeben! Das ist Gesetz; aber es fordert doch förmlich zur Umgehung auf!
Daß Dir Lenzkirch recht ist, freut mich sehr. Es scheint doch wirklich ein Glücksfall, wenn man überhaupt Platz bekommt. In Saig sei z. B. augenblicklich kein Bett zu haben u. so haben sie Hedwig Mathy im Hirahof aufgenommen, da sie sonst hätte abreisen müssen. Ich werde jedenfalls bitten, daß Aenne vor ihrer Rückkehr noch einmal mahnt, daß die Wirtin auch Wort hält.
Mit meinem Befinden geht es täglich besser. Ich wollte nur, Du könntest mir das auch schreiben. Nach Deiner Beschreibung u. den früheren Erfahrungen würde ich denken, daß wie immer bei Dir die Nerven sehr mitsprechen. Aber es läßt sich da natürlich garkeine Vermutung aufstellen ohne genaue Beobachtung. Aber ich wäre Dir sehr, sehr dankbar, wenn Du auch - meinem guten Beispiel folgend - zum Arzt gehen wolltest! Aber zu wem? Benary? Es ist oft mit einer Kleinigkeit zu helfen, die dem Arzt in seiner beständigen Erfahrung geläufig ist u. auf die man so von selbst nicht kommt. Und vor allem scheint mir die richtige Di-*[Fuß] agnose wichtig! zur geeigneten Behandlung.
Seit 3 Tagen esse ich also im "Schiff" zu mittag, sage u. schreibe: alles in allem für 80 <altes Pfennigzeichen>. Natürlich kann mans im Hause noch sorglicher machen, aber es ist ganz ordentlich u. ausreichend.
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Nein aber, was haben die studierenden Frauen für seltsame Gesichte. Die Griechin leidet an Halluzinationen - u. die andre? Du wirst mich wohl auslachen, aber mir ist solch Herumtasten an Dir recht von Herzen zuwider. Jemand, der in der Öffentlichkeit steht, muß sich natürlich jedermanns Beurteilung gefallen lassen, aber muß er sich das auch haarklein erzählen lassen? Es ist in gewissem Sinn nicht ungeschickt, aber - vielleicht absichtlich? - nur Erscheinung, garkeine Wesenserfassung. Denn magst Du hinter der Form auch Deinen Menschen verbergen, wer ein feines Ohr hat, fühlt ihn doch. Denn das von Anmut u. Würde, von Freiheit u. Spannung, von Virtuosentum - das alles ist doch nichts von dem Sinn Deiner Lehre - das berührt wie eine Schaustellung. -
(Später im Zimmer.)
Ich denke daran, wie Berlin jetzt voll ist von Lindenblütenduft. Der herrliche alte Baum im Stuckgarten war diesmal auch schöner als je. Man sah kaum ein Blättchen. Von kühlen Nächten merken wir leider nichts. Es ist nur einen Tag trübe u. frischer gewesen, jetzt ist der Wärme wieder üppig. - Wie schmerzlich ist es nur, daß Du Heidelberg "fürchtest". Wie oft ist es Dir hier durchaus gut gegangen u. wie oft warst Du auch anderswo wenig wohl. Aber daß Du ohne Verzug in die richtige Sommerfrische willst, sehe ich vollkommen ein. Brauchst Du denn 10 Tage, um das Semester abzuschließen - denn die Vorlesungen hören doch mit dem 1. August auf? -
Von Heiden erzählt Lulu Jannasch, daß es hauptsächlich für Kinder u. alte Leute sei. Ein weites, grünes Tal, wenig Abwechslung an Wegen u. viel Chaussee, Flurkapelle, schöne Aussicht auf den Säntis. - Diese Woche ist Dr. Gans verreist, da kann ich meine Arbeit im Pathologischen Institut bequemer einteilen, nicht immer schon um 3 Uhr, sondern besser morgens. Und da ich nicht kochen muß, bin ich doch weniger angestrengt. Ich war wirklich sehr herunter. Da ich auch diesmal die unwillkürliche Erinnerung an die septische Angina von 1919 hatte, so glaube ich, daß man in der Tat von solcher Sepsis Reste in sich behält, die bei Gelegenheit (Erkältungen, Zug!! u. dergl.) wieder mobil werden. So damals mit der ersten Ohrenentzündung, u. jetzt wieder bei Hitze u. starkem Wind. Dein Vorschlag mit der Schwitzkur ist - "nicht so dumm" - aber es
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| hat mir neulich garnicht geholfen [über der Zeile] u. greift dabei ziemlich an, obgleich ich auf 1 gr. Aspirin schwitzte, daß es einen Stein erweichen konnte. Aber ich habe mit Frl. Dr. Clauß verabredet, daß ich im September einige Thermalbäder nehmen will. Jetzt kann ich es mit der Arbeit nicht vereinen. -
Sage mal, die andern Herren nehmen alle Urlaub u. Du? - Und Du? willst Du immer zurückstehen u. Dich ausnutzen lassen? Leisten die andern sich das, so kannst Du es doch auch beanspruchen, einmal eine Pause zu eigner Tätigkeit gewährt zu bekommen. - Sitzt H. Maier immer nur in seinem Zimmer u. raucht? Und wie ist Nieschling mit dem Berufswechsel zufrieden? Er hatte doch etwas "Nettes" gefunden, wie Du schriebst. -
Oft gehen meine Gedanken im voraus in der Richtung, die Du dann in Deinen Briefen berührst. Aber worauf es sich beziehen kann, was Dich innerlich so beschäftigte, u. wovon Du nicht brieflich berichten wolltest, das kann ich mir nicht denken. Es liegt mir im Sinn u. macht mir Sorge. Möchte es kein Übel für Dich sein.
Und dann kann ich noch nicht so ohne weiteres darüber fort, daß ich Dich schon wieder um Hülfe bitten mußte. Wäre Aenne zu Haus, so käme ich wohl mit Pumpen u. Wiedergeben um den ersten herum. Aber da sie wohl nicht vor dem 4. oder noch später kommt, so werde ich allerlei bezahlen müssen, ehe sie da ist u. von Springer bekomme ich das Geld immer erst später. Überhaupt prüfe ich meine Ausgaben vergeblich, um eigentlichen Luxus zu entdecken. Da ist die Tasche u. eine Bergbahnkarte - sonst finde ich nichts Unnötiges. Daß ich mir Frau Weinkauf in der Woche für 2 M kommen lasse - das ist nicht unbedingt nötig, aber doch eine Wohltat. Solche Verwöhnung liegt nicht in der Zeit, u. ich kann wohl eigentlich diesen Anspruch nicht machen. Wenn ich gut bei Kräften wäre, dann gings wohl auch ohne, aber der lange, kalte Winter hat mir sehr zugesetzt.
- Und jetzt habe ich sogar gleich wieder einen neuen Plan, kaum daß Du mir aufhalfest: ich werde mir den Regenschirm beziehen lassen müssen. Er war doch schon im Frühling so schadhaft. Aber es wird das alles noch lange keine 100 M kosten u. es war sehr üppig von Dir, so viel zu schicken. So viel verdiene ich ungefähr im Monat. Ich möchte wohl wissen, ob 1,50 M für die Stunde noch eine angemessene Bezahlung ist? Ich merke immer, wie geschätzt meine Arbeit ist u. möchte sie darum doch gern auch angemessen bezahlt haben. Es ist wirklich eine recht anstrengende Sache. Wenn ich denke, was z. B. Rösel Hecht jetzt für eine Plombe bekommt!
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Ich zähle die Tage bis zum 10. August. Doppelt ungeduldig, weil Du nicht recht gesund bist. Man sollte doch mindestens ärztlich genau feststellen, ob der Blinddarm beteiligt ist. Hast Du irgend eine Stelle, die regelmäßig bei Druck empfindlich ist, oder sind die Schmerzen unbestimmt u. allgemeiner?
Unten in der Wohnung ist jetzt Adolfina von Moers mit ihrem Bruder. Er hat sich dadurch bei eingeführt, daß er mir über eine neue leinene Gartentischdecke das Tintenfaß geschüttet hat. Schade! Die Decke war so hübsch u. wir haben sie in Kassel immer so geschont!
Ein fabelhaftes Leben ist täglich in der Stadt. Immerfort sind Tagungen, Feste, Wettspiele. - Heute zogen große Scharen katholischer Vereine mit den schauerlichsten Musikkapellen vorbei: Plankstadt, Friedrichsfeld, Schwetzingen u.s.w. – viele, viele: ein Geistlicher unter der Jugend, Herren im Zylinder an der Spitze - sehr gesittet u. fromm. -
Dann wieder Wandervögel, offensichtliche Kommunisten, B. d. J. u.s.w. - Und an Neckar das Treiben am, auf u. in dem Wasser - es ist wie steter Feiertag. Kein Wunder, wenn die Ausländer meinen, es ginge uns nicht schlecht. - Dabei wollte Lanz schließen, wegen Geldmangel u. andere Betriebe kämpfen auch schwer.
Also Du schreibst jetzt nur noch Karten, aber nicht zu selten, nicht wahr? Vor allem wegen der sogenannten Magenverstimmung. Und aus diesem meinem Dröselbrief entnimmst Du, daß ich wieder so leidlich normal bin; allgemeines Nervenelend bei steter Gewitterneigung ist ja schließlich normal.
Sei mir innig, innig gegrüßt u. denke auch, wenn Du nicht schreibst an
Deine Käthe.

[] Weißt Du eigentlich, von wem der Steckbrief ist?
[] Heute ist greulicher Sturm (Föhn) u. meine Augen tränen schon vor dem Zeichnen!