Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30./31. Juli 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30. Juli 1924
Mein Lieb,
wie sehr warte ich auf eine Karte! Ich mache mir Sorge, weil Du über "Magenverstimmung" klagtest, hauptsächlich wegen des Blinddarmverdachts. Hast Du wohl einen Arzt gefragt?
Die wenigen Tage bis zum 10. werden – arbeitsreich wie immer – ja auch noch herum gehen. Am 7. will Aenne wiederkommen. –
Wie denkst Du Dir denn Deine Reise? Glaubst Du direkt durchfahren zu können? Soviel ich aus dem Kursbuch sehe, wäre es viel Umsteigerei: Berlin Stuttgart[über der Zeile] 1. Stuttgart – Rottweil[über der Zeile] 2. R. <unleserl. gestrich. Wort> [über dem gestrichenem Wort] Villingen [über der Zeile] 3. V – Donaueschingen, [über der Zeile] 4. D. – Neustadt, [über der Zeile] 5. N. – Lenzkirch – – Von hier fährt man durch bis Freiburg, dann Neustadt – Lenzkirch. Ich will Dir gewiß nicht zureden – aber wenn Du doch übernachten mußt, wäre es nicht besser hier? – Und an welchem Tage kannst Du abreisen? –
Wenn ich hier bei der Auskunft irgend etwas für Dich erforschen soll, schreibe nur ein paar Zeilen auf einer Karte. Ich mache mir jetzt doch das Leben ein wenig leichter, habe im Pathologischen erklärt: vor den Ferien nicht mehr! Es war doch viel für Dr. Gans 55 u. für den andern 25 Std. Ich träume schon nachts davon, so strengt es mir die Nerven an. –
Unten wohnt also Adolfina v. Moers mit Bruder. Ich sehe aber nicht viel von ihnen, wenn wir nicht beim Mittagessen zusammen treffen. Immerhin brauche ich mich nun nicht mehr um die Wohnung unten zu bekümmern. –
Die Feier für Kuno Fischer, Excellenz, war strohlangweilig. W. Hoffmann erklärte, er wolle weder den glänzenden Redner noch den formvollendeten Schriftsteller feiern, sondern den bedeutenden Philosophiehistoriker, dessen Kant noch heute nicht überholt sei. Denn sowohl Riehl wie Cohen seien einseitig, ersterer betone die Empirie (LockeHume) letzterer den Rationalismus (DescartesLeibnitz). –
Umso schöner war am Sonntag das Conzert in der Peterskirche. Es waren 3 vorzügliche, kongeniale Künstler, u. das Programm hochinteressant u. von Anfang bis zu Ende fesselnd.

31. Juli. – Wieder keine Karte von Dir! Du willst vielleicht nur erst die Ankunft definitiv melden. Aber nach Deinen "Bulletins" mache ich mir Sorge u. kann nicht davon los. Wenn
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| Du wüßtest, wie schwer mir das Herz ist, Du hättest gewiß nur rasch geschrieben, wie es Dir geht. Oder habe ich in meinem Brief Dich irgend unbewußt gekränkt? Ich bin den ganzen Juli über wie unter einem heimlichen Druck u. weiß nicht, warum. Es ist wohl physisch!
Heut scheint endlich nach unermüdlichem Regen mal wieder die Sonne. – Von Hermann hatte ich Nachricht, der mit den Söhnen in einem kleinen Seebad hauste. Er schickte mir ein ganz reizendes Bild seiner Jüngsten. – Heute kamen Karten von Lili Scheibe u. Johanna Wezel aus dem Hochgebirge. –
Sonst ereignet sich nichts. Ich warte – u. bin fleißig.
Wenn ich nur wüßte, ob Du wieder gesund bist? – Ich werde bei Dr. Gans jetzt nur noch eine Anzahl Aufzeichnungen machen für die Zeit im September, wenn er fort ist; damit ich dann alleine weiter arbeiten kann. –
Sei mir innig gegrüßt u. wenn Du noch nicht schriebst, bitte schicke mir nur wenige Worte, daß ich über Dein Befinden ruhig sein kann. Wenn es nur Zeitmangel ist, dann bin ich ja nicht unvernünftig, aber bei dem Bewußtsein, daß Du nicht wohl wärest, kann ich nicht so viel Vernunft aufbringen. Wie froh wäre ich über eine Karte in dem bekannten Stil: "Das ist ganz dumm u. es geht mir ordentlich." –
In stetem Gedenken
Deine Käthe.