Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. September 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. September 1924.
Mein geliebtes Herz,
wie schwer ist es mir, mich nun wieder ohne Dich zurecht zu finden! Noch immer meine ich, ich müßte Dich auf der Straße unter den vielen Menschen wieder auftauchen sehen. Auch der Traum heute nacht hat mir Deine Gegenwart noch vorgetäuscht, aber - es war eben eine Täuschung. Gern wüßte ich, wie Du die endlos lange Reise überstanden hast? Mir ist es gut ergangen. Als ich in Ulm den Koffer aufgegeben hatte, (ich mußte ihn allein herunter holen u. um den ganzen Bahnhof schleifen!) das Handgepäck untergebracht u. den Stadtplan an der Wand studiert hatte, schlenderte ich durch die Altstadt u. freute mich an den malerischen Häusern, wunderte mich über die großstädtischen Läden, den zeitgemäßen Buchhandel, wo sogar Kultur u. Erziehung auslag u. war gerade bis an den Markt gediehen, als ich direkt vor mir Herrn Geh. Rat Kühne gehen sah. Ich sprach ihn an u. hatte so noch 1½ Stunden die angenehmste Gesellschaft. Wir aßen zusammen im "Ulmer Spatz", gingen an die Donau u. zurück in den Dom, der in seiner ganzen Erscheinung so etwas Himmelstürmendes hat, ein fortreißendes Emporstreben. So ist der mächtige Turm, so sind die schlanken Schiffe, so ist die geschnitzte Bedachung der Kanzel, u. das steinerne Maßwerk des Sakramenthäusels. Am schönsten aber ist das Chorgestühl, dessen fast lebens große Plastiken in dem dunkeln glänzenden Holz fast Bronze vortäuschen. Wie schade, daß Du nicht mehr mit uns warst! - Auch die Fahrt im Donautal, dessen Nebel sich bald lichteten, war stellenweise noch sehr lohnend, besonders zwischen Zwiefaltendorf (bis Zwiefalten noch 5 km) u. Rechtenfels, sowie später bei Blaubeuren. - In Ulm kam ich in einen vollständig überfüllten Zug u. war nur froh, keinen Koffer bei mir zu haben. Ich wäre damit stecken geblieben. Ich stellte mich nach vergeblichem Suchen im zweiten Wagen vor ein Raucherabteil u. hatte das Glück, daß ein junges Mädchen, die nach Karlsruhe wollte, einen andern Wagen
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| aufsuchen mußte. So bekam ich einen Sitzplatz von Anfang an, u. da mein Nachbar, der die Ecke am Gang inne hatte, meistens draußen stand, konnte ich mirs bequem machen u. den Eckplatz nehmen, wo ich stellenweise etwas im Halbschlaf duselte. Am Fenster war ein ländliches Ehepaar, vielleicht Gutsbesitzersleute, die recht gemütlich waren, bezeichnend war das Interesse für alles Wirtschaftliche: "Neschen, hier steht noch das Getreide aufen Stiel" - - - - Die Geislinger Steige war schön, aber lieber fuhr ich sie damals im Regen! - So gingen die Stunden ziemlich rasch, in Stuttgart gabs eine Tasse Kaffee, u. im Nachbarswagen einen rührenden Abschied von Auswanderern.
Pünktlich kam ich an, brachte erst das Handgepäck heim, u. öffnete Läden u. Fenster, dann holte ich mir per Dienstmann den Koffer u. aß Abendbrot. - Bei Lulu Jannasch fand ich allerlei Post: aus Stolp, von Joh. Wezel, die zu einer Tagung herkommt, u. von Heinrich Eggert 2 Karten, die seine Durchreise melden, da er - - auf den Heuberg fahren wollte. Da haben wir uns dann verfehlt, u. ich schreibe jetzt an Gretel Schwidtal, u. lege für ihn einen Zettel ein. Vielleicht kommt er dann auf der Rückreise. - Mit Lulu Jannasch trank ich abends noch ein Glas Bier in der Reichspost u. schlief dann recht übermüdet - wie immer jetzt, mit Pausen. Schon um 6 weckte mich dann Blasmusik u. so geht die Unruhe draußen den ganzen Tag. Ich komme mir vor wie in einen Ameisenhaufen gefallen u. finde es garnicht schön hier. Nur meine kleine Wohnung ist mir behaglich wie immer.
Morgen geht nun die Arbeit wieder an. Hoffentlich bin ich recht leistungsfähig geworden. Die Augen habe ich sofort in Behandlung genommen, denn es hatte doch mit den Schmerzen garnicht aufgehört. - Als ich mir heute früh Brötchen holte, rief mich Rösel Hecht an, die ein allerliebstes, rosiges Mädchen hat u. die selbst vorzüglich aussieht. Es gibt mir zu denken, daß sie so frisch u. fröhlich ist, während der Mann in Würzburg eine
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| Stellung als Arbeiter in einer Schokoladenfabrik annahm. Der Junge ist den Keuchhusten los u. ist viel lebhafter u. folgsamer geworden. Es ist meinem protestantischen Gemüt eine Sorge, daß Rösel das Kind mit dem Mädchen viel in die katholische Kirche gehen läßt, es könnte daraus eine bleibende Gewöhnung werden auf Grund dieser frühen, bestechlichen Eindrücke. Er hat in Sulzburg bereits verlangt, nun wieder in eine "kantholische Kirch" zu dürfen. Da ists natürlich viel unterhaltender. - Rösel ließ nicht nach, bis ich zu Mittag zu ihnen kam, das war natürlich sehr nett u. behaglich. Am Nachmittag wollten wir mit dem Kind im Garten sitzen, da hatte sich aber Karl Winter mit seinem Motorrad breit gemacht, an dem der Reifen geplatzt war u. das er nun mit einem Monteur flickte. So war es leider nicht sehr angenehm für uns u. ich hatte nur das Vergnügen, ihm Kaffee zu kochen.
Jetzt bin ich in meinem Nest allein u. freue mich dessen. Da wandern meine Gedanken zurück zu all dem Schönen, das wir gemeinsam sahen. Es war so vieles - ganz verschieden in Stimmung u. Bedeutung, daß es mich noch auf lange beschäftigen wird. Eins nur muß ich immer wieder beklagen, daß die Ungunst der Witterung uns ein stilles Ruhen verwehrte, das uns beiden in jeder Beziehung nötig gewesen wäre. Es hat auch innerlich nicht zu der Ruhe kommen lassen, die ich mir ersehnt hatte. - Aber ich empfand es dankbar, daß Du auf unserm letzten Wege doch noch anfingst, von Deinen Plänen mit den Büchern zu reden. Du weißt es ja, wie mich das alles erfüllt u. wie ich nur aus Rücksicht auf Dein Ruhebedürfnis, in dem Gefühl Deiner inneren Abwehr nicht immer wieder darauf zurück kam. Denn ich lebe ja doch nur in der Gemeinsamkeit mit Dir. -
Und so beschäftigt es mich tief, ob es notwendig ist, daß Du den sogenannten siebenten Typus einfügst. Es ist der Mensch als Naturwesen, der absolute Gegensatz zu dem religiös bestimmten. Aufmerksame Leser Deiner Bücher haben die veränderte Stellung in Dir zu der Wertung dieser biologischen Grundlage wohl bemerkt, u. so ist es vielleicht richtig, diesen Standpunkt auch in der Fassung der Lebensformen zum Ausdruck zu bringen. Mir wäre es freilich lieb, wenn es ohne zu große Änderung abgehen könnte. Denn auf die eigentliche Gliederung des Ganzen kann es keinen Einfluß haben, denn weil dieser dunkle
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| Lebenstrieb kein objektiviertes Gebiet hat, so muß er doch seine jeweilige Färbung von einer der sechs geistigen Formen entleihen, wenn er Tat, Erscheinung werden will. - -
Und die Jugendpsychologie? Hast Du nicht ausdrücklich erklärt, daß Du die medizinische Seite Fachleuten überlassen willst u. daß Du von den gesunden Menschen sprechen willst? Sind da nicht Probleme genug u. ist das andre nicht eine Sache für sich, die das reine Bild aufstrebenden Lebens, das Du zeichnest, nur trüben müßte?
Ich bin darin wohl Partei; aber ich möchte eigentlich nicht wünschen, daß Du an diesen so lebensvollen u. gesunden Kindern Deines Geistes viel herumkorrigierst, sondern daß Du Dich lieber dem zuwendest, was sich gestalten will u. was niemand mit so eindrucksvoller Tiefe wie Du zu fassen vermöchte. Laß den großen König zum Erwecker werden für unser Volk zu neuer Kraft. - - - -
Was Du von dem unverantwortlichen Ausnützen weiblicher Kräfte im sozialen Beruf auf dem Heuberg sagtest, das hat sich auch an Cläre Wendling tragisch erwiesen. Sie liegt noch immer in Sulzburg u. Rösel zweifelt, ob sie wieder in ihre Arbeit gehen kann. Für die Vertretung will man ihr 40% vom Gehalt abziehen!
Für heute ade, mein Liebstes. Ich hoffe, die Sonne scheint in Partenkirchen ebenso warm u. schön, wie hier. Daß sie es am Tage meiner Rückkehr begann, könnte ich für persönliche Malice halten, wenn nicht Geh. Rat Kühne sich über dasselbe beklagte. Also will ich mich lieber für Dich freuen, ohne egoistische Mißgunst. Hoffentlich höre ich bald von Dir, ich bin voll Sehnsucht. - Ob Du schon viel Post dort vorfandest? Erhole Dich sehr, hörst Du?
Ich grüße Dich von ganzem Herzen u. bin wie immer
Deine
Käthe.

Die rote Blume hat sich wahrhaftig im Wasser wieder erholt u. grüßt mich freundlich von Dir.
Von dem schauderhaften Zug in der Bahn habe ich natürlich etwas Rheuma im Genick!
[li. Rand S. 1] Aus dem Paket kam sogar noch <unleserliches Wort> ein Ohrwurm. Dieser <2 unleserliche Wörter>.