Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12./13. September 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. September 1924.
Mein geliebtes Leben,
zum Sonntag möchte ich so gern "sichtbar" bei Dir sein, denn unsichtbar, das fühltest Du wohl, bin ich es immer. Hast Du schon schöne sonnige Stunden auf Deinem Balkon gehabt? Und war der Vollmond klar über dem Karwendel? Als er langsam über den Bäumen des Gaisbergs heraufkam, malte ich mir aus, wie nun wohl in seinem zarten Licht die schroffen Bergwände all ihre Erdenschwere <korrigiertes unleserliches Wort> in durchsichtige Unwirklichkeit lösen.
Die Woche ist rasch vergangen in geregelter Tageseinteilung u. doch habe ich wenig geleistet. Anfangs war ich recht müde u. habe darum auch nur stufenweise mit dem Zeichnen begonnen - 2 Std. - 3 Std - erst seit heute wieder 4. - Ein junger Mediziner, der selbst gut zeichnet, versichert mir, daß man auf die Dauer mehr am Tage nicht leisten könne.
Am Dienstag war hier ein Unwetter - wahrscheinlich gleichzeitig mit der Katastrophe bei Gengenbach - den ganzen Tag eine Dunkelheit wie im November, da blieb ich zu Haus. Und das Schicksal meinte es gut mit mir, es kam für Aenne eine Drucksache: das Goethejahrbuch. Da habe ich einen richtigen Feiertag gehabt! Ganz versunken las ich, im Ohr den Klang Deiner lieben Stimme, voll Andacht wie damals auf der sonnigen Waldbank. Wie genau hatte sich jedes Wort mir eingeprägt, u. wie hat es mich wieder bis ins Tiefste ergriffen. Das ist eine Schicksalssymphonie, eine wunderbare, harmonische Lebensgestaltung. Hier strömt echt Goethe'sche Kraft von neuem lebendig u. Leben weckend. Das eigne Leben regt sich in dir Tiefe, es springt ein neuer Wille auf - stand ich nicht oft schon zagend an dieser Curve des Weges u. meinte, diesmal sei die Stufe zuhoch - u. plötzlich sah ich dann: es ist ja doch mein Weg, es kann nichts Fremdes mich irren, wenn ich mir selbst treu bleibe! Ist nicht in diesem ewigen Umschwung des Seins ein fester Mittelpunkt, eine Heimat, ein Glaube, eine alles überwindende Liebe? - - Das Dämonische - was ist es wohl anderes als das ahnungsvolle Sichtbarwerden tiefsten Lebenssinnes? Bei den Heroen der Menschheit steht es greifbar vor aller Augen, aber wirkt es nicht heimlich leise in jedes Leben hinein? Es ist die eiserne Notwendigkeit, die nicht nach dem Einzelnen fragt, sondern ihn einreiht für ihre Zwecke. Und "Recht behalten gegen das Dämonische“ heißt doch schließlich nur: glauben [über der Zeile] u. beweisen, daß die Welt gut sei, weil wir die Kraft zum Guten haben.
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Für Goethe war die erkenntnistheoretische Frage nach der Quelle dieser weltgestaltenden Kraft im Menschen kein Problem, erkennen u. leben war ihm eins. Welch große vorbildliche Sicherheit! Wie tief u. allumfassend hast Du diese reiche Welt hingestellt! In dieser beherrschten Fülle ist all das, was die Kirche den Frieden Gottes nennt. Es ist doch nicht möglich, daß der Mensch nach Goethe noch zu den primitiven Formen kirchlicher Abhängigkeit zurückkehrt, nicht möglich sofern er eine einheitliche, unabhängige Natur ist. Du bringst in dieser durchsichtigen Zusammenfassung das leuchtende Bild einer freien, frommen Weltüberwindung. Nicht immer haben wir die Kraft, auf solcher Höhe zu stehen. Aber solche Stunden, wie sie Deine Worte in empfänglichen Seelen wecken, werden Wendepunkte zu neuem Aufschwung.
Ich weiß Du warst nicht mit mir zufrieden in letzter Zeit u. ich selbst war es noch weniger. Kälte des Winters u. Sonnenlosigkeit des Sommers haben mich krank gemacht. Wie eine Schuld empfand ich Dir gegenüber meine geistige Erschöpfung u. das bedrückte mich natürlich erst recht. So war mir unser Blick von ferne auf den geliebten See wie ein Symbol der ganzen Reise: Sehnsucht. Und nun hat sich der offne Ring geschlossen, der den Gehalt dieser Wochen umspannt: das menschlich Tiefe, für das mir all die unerschöpfliche Naturschönheit nur Hintergrund war: Du - u. der Heuberg, das ist nun eins in Deinen herrlichen Worten u. das klingt zusammen in den Versen: Von dem Berge zu den Hügeln - - Wie eigen, Dr. Behm zitiert gerade auch dies! - -
Hast Du vor, zugunsten des Heuberg einen Artikel zu schreiben? Vielleicht im nächsten Frühjahr? An Frau Koch schrieb ich ein paar Dankeszeilen, die ich bei Gretli Schwidtal einlegte. Das Kind kommt also am nächsten Dienstag, es ist ein Ersatz für sie eingetreten. Natürlich wird gerade dann auch Johanna Wezel hier sein, wie das immer so trifft. Montag abend erwarten wir Aenne von Würzburg zurück. Meine Schwester schreibt begeistert aus Dresden, wo sie mit dem Gatten ist; so war die Post in diesen Tagen bei mir ganz unnatürlich lebhaft.
Denke Dir, in der Zeitung stand hier mit Namensnennung, daß [über der Zeile] in Berlin die Tochter von Rudolf Virchow in Not sei. Adele Henning ist außer sich darüber; wer mag so etwas in die Zeitung bringen? - Ein schweres Schicksal hat die Familie ohnehin jetzt betroffen: in Langenargen
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| ist der Mann von Emmy beim Segeln ertrunken, u. hat das Töchterchen von der älteren Schwester (geborenen Röschen Virchow) mit in den Tod genommen. Der Sohn Hummrol, der schon Student ist, konnte sich auf das gekenterte Boot retten, wo er die ganze Nacht zubrachte, ehe er aufgefunden wurde. - Wie gut, daß es uns nicht in den Sinn kam, dorthin zu gehen! - Auch der stille Feldsee hätte seine Schrecken haben können, wenn wir gerade Zeuge der mehrfachen Kletterversuche dieses Sommers geworden wären. Ich sprach eine Heidelbergerin, die dorthin kam, als sich zwei an der steilen Felswand verstiegen hatten. Sie kamen aber noch glücklich davon, während jetzt der tollkühne Mensch abstürzte. Wie fern lag uns der Gedanke an solche Gefahren in der stillen Waldesschönheit.
Die Heidelberger Leute waren in Neustadt in der Krone. Das scheint aber nicht ratsam, denn sie u. die Kinder sind krank geworden u. alle Leute dort seien erkrankt. Es müsse eine Infektion im Haus sein. Wie hübsch sah das stattliche Haus am Markt aus!

13.IX. Heute habe ich unsre Frühbirnen abgenommen, es werden gewiß an 20 <altes Pfundzeichen> sein. Leider machst Du Dir ja nichts aus dergleichen. - Wie mag es Dir wohl mit Deinen mancherlei Leiden gehen? Der Hals, die Zähne - u.s.w? - Ich habe wieder recht erhebliche Zahnschmerzen. Sonst habe ich mich recht gut eingelebt. Die klare, kräftige Luft ist wohltuend u. die Sonne schön wie ein Wunder. Hat man nicht ganz verlernt, wie gutes Wetter aussieht? - Ach, wenn Du nun doch noch recht gehörig Erholung genießen möchtest! Wie wird gleich die ganze Zuversicht gehoben, wenn der Himmel heiter ist. Da werden auch Deine Beschwerden sich heben u. Du Deiner Kraft wiedr froh werden. Wie sehr begreiflich ist es, daß Du nach so enormen Leistungen auch einmal müde bist, zu wirken.
Wegen der eventuellen Thermalbäder wollte ich heute Frl. Dr Clauß fragen, traf sie aber nicht an. So wird das erst nächste Woche beginnen. Jedenfalls möchte ich systematisch daran arbeiten, wieder normal zu werden. Ich empfinde es noch immer störend, daß [über der Zeile] ich vieles wie geistesabwesend tue, u. alle Erinnerung daran verliere. Allerlei häusliche Dinge verrichte ich rein mechanisch, räume auf, ganz sachgemäß, u. dann suche ich die Sachen, die längst an ihrem Platz liegen.
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| Ich kämpfe bewußt dagegen. Aber es ist halt noch eine große Erschöpfung in mir, u. die Nerven gehorchen nicht. Auch der Schlaf ist seit Lenzkirch noch immer bruchstückweise. - Die Verpflegung auf die jetzige Art sagt mir sehr zu, u. das Essen im Schiff ist tadellos. Du würdest auch zufrieden sein, u. es kostet nach wie vor 70 <altes Pfennigzeichen>. - Ich spare nicht unnötig, habe Butter, Eier, Schinken genug - also daran liegts nicht. Ich bin Dir so dankbar, daß Du mir die Möglichkeit gabst, mir das u. die Badekur zu leisten. Vor allem aber bin ich froh, dadurch dann Gretel die Reise zu ermöglichen u. sie hier ein wenig zu versorgen. Es ist so schön, auch was für andre übrig haben zu können. Das Gastfreisein hat einem die Kriegszeit nach u. nach immer mehr erschwert.
Eine Freude habe ich mir nun auch noch geleistet: ich habe heute solchen Kaffee-filter für Dich erstanden u. damit sollst Du Dir dann in Berlin täglich den Kaffee machen lassen. - Auch meine hübsche Tasche ist geflickt u. zwar umsonst!, ohne daß ich irgend deswegen vorstellig geworden wäre.
Bist Du schon ungeduldig wegen der endlosen Schreiberei? Ach, Liebling, es sind ja nur ein paar Minuten! Und nun grüß ich Dich viel tausendmal u. bin in treuer Liebe
Deine Käthe.

Nun kommt es doch nicht zum Sonntag an!