Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. September 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. Sept. 1924.
Mein über alles geliebtes Herz.
Unsre Briefe haben sich gekreuzt - u. damit das nicht wieder geschieht, will ich Dir gern sogleich antworten. Wie tief hat mich Dein liebes Schreiben bewegt. Ach, sage doch, was ist es, das so schwer auf uns liegt? Weißt Du nicht, daß ich Dich fühle ohne Worte u. daß ich grenzenlos unter Deinem Schweigen litt? Ich bin so scheu, mich aufzudrängen u. die Tortur der Inquisition, unter der ich Jahre u. Jahre meines Lebens stand, hat die natürliche Zurückhaltung in mir noch verstärkt, so daß mir jeder Schein von Zwang oder Drängen unerträglich scheint. Nur was die Seele in Freiheit gibt ist von Segen. Und Du wolltest allein sein, so ging ich still in Sehnsucht neben Dir.
Ich weiß es, das ist so im Rhytmus des Lebens, u. ich wollte Deinen Wunsch nach innerer Stille nicht stören. Denn Du mußt es ja wissen, wie meine ganze Seele Dir offen ist, wie tief jedes Wort - absichtlich oder nicht - mich berührt. Bin ich es nicht mehr wert, daß Du offen mit mir redest, so muß ich es tragen. In mir kann es nichts verändern an der unendlichen Liebe. Denn ich will nichts, was Dir zur Last wäre! Aber der Sinn meines Lebens ist dann ausgelöscht. "Wir leben von der Seele aus" hast auch Du mir einst geschrieben u. wir sind über die Berge gejagt wie gehetzt, auf der Flucht vor diesem Leben; da ists wohl natürlich daß aus der Erholung nichts wurde.
Aber mein Einziger, leiden wir nicht beide gleich darunter? Weißt Du nicht im tiefsten Grunde Deines Herzens, daß Du mit allem, was in Dir ist zu mir kommen kannst u. daß ich alles immer nur von Dir aus fühle, in Deinem Lebenssinn erlebe? Ich glaube nicht, daß es etwas geben kann, was meine Liebe nicht verstünde.
Was Du von Deinem dortigen Leben erzählst, ist viel Schönes. Es ziehen bunte, freundliche Bilder an Dir vorbei u. Du siehst sie wie einen Traum. Möchten sie in den nüchternen Arbeitstag des Winters froh u. erhellend nachklingen.
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Über Deine Absicht mit den Lebensformen denke ich viel. - Was war es, das uns auf dem Heuberg so bewegte? Ich meine, es war das ganz ungestempelte, freie, quellende Leben, das wir dort von verständnisvoller Sorge umhegt fühlten. Es erschien uns hier in Verklärung, was Du als "biologischen Menschen" etwas kurz abtust. Es wäre also doch eigentlich eine richtige Umwertung, die damit zum Ausdruck kommen soll u. dieser "7. Typus" wäre eigentlich der tragende Unterbau, als organischer, unergründlicher Lebenstrieb das Einigende, an dem die andern Lebensformen nur Seiten der Auswirkung sind.
Gestern abend kam nun Gretel Schwidtal, u. kaum war sie richtig im Haus, da rief ein Telegramm sie nach Cassel, weil dr Bruder in der Abreise ist. So expedierte ich sie heute um 5 Uhr morgens wieder ab. - In ihrer ruhigen, maßvollen Art, die wohl etwas nüchtern verständiges hat, dämpfte sie mein günstiges Urteil über Dr. Behm etwas ab. Es scheint, als ob er eine etwas forcierte Munterkeit vertritt u. auch Neigung zum Schönfärben hat. Zu seiner ärztlichen Kunst haben die jungen Mädchen kein volles Vertrauen, sondern wenden sich lieber nach Tübingen, wenn sie krank sind. -
Etwas sehr Nettes erzählte sie von einem verzweifelten Fall, wo am Abend vor der Abreise in einem Haus mit größeren Jungen die Tante der Lage machtlos gegenüber stand. Die Nachbarschaft benachrichtigte die Wache u. Gretli hörte, wie famos der Soldat den Jungen ins Gewissen redete u. erklärte, die Unruhestifter sollten sich melden, sonst würde er alle durch die Bank durchwichsen. Und wirklich meldeten sie sich u. bekamen ihre Prügel, worauf allgemeiner Friede u. Erleichterung eintrat. - Das ist doch nun nur die Bestätigung dafür, daß "Tanten" mit liebevollem Zureden in solchen Fall nicht ausreichen, wie Du von vornherein sagtest.
Heute früh kam Johanna Wezel zur Tagung. Sie ist wohl u. scheinbar guter Stimmung. - Ich habe mir auf allerlei Anträge hin die Berechtigung auf 10 Thermalbäder errungen. Die Augen soll ich mit Borwasser waschen, sie sind etwas leicht entzündlich. Über den Zahn diskutiere ich noch mit Rösel Hecht. Er wird wohl herausmüssen. Aber es ist der letzte brauchbare links u. sie möchte ihn durch Jodpinseln erhalten. Ich scheue aber erneute Neuralgien. Und außerdem habe ich einen Hexenschuß - nur leicht, aber lästig. Das wird hoffentlich alles mit den Bädern vergehen!
Das Einzige aber, was mir Kraft gibt zum Leben, das ist das <li. Rand> Gefühl Deiner Nähe. Denn ich bin ja immer in Liebe Deine Käthe.
[Kopf] Mein Sonntagsbrief ist doch angekommen?