Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20./21. September 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg, 20. Sept. 1924.
Mein geliebtes Herz.
Eben vom 1. Thermalbad zurückgekehrt, finde ich Deine liebe Karte. Wie mich das freut, daß Du diesen lang gehegten Wunsch Dir erfüllen konntest! Wenn mir auch die körperliche Anstrengung etwas Gedanken macht; so schätze ich doch die Freude in dem Erreichen, die befreiende Wirkung, die in der Überwindung dieser mächtigen Natur liegt viel höher ein. Möchte die Erhabenheit u. Ruhe dort oben Dir Kraft u. Gewißheit zurückgegeben haben.
Ich schreibe im Liegen, drum verzeih die schlechte Schrift. Aber wie könnte ich diese erzwungene Ruhe lieber verbringen als mit Dir?
Heute morgen reiste Johanna Wezel ab. Sie war diesmal sehr angenehm u. frisch im Wesen, scheinbar endlich im Gleichgewicht mit sich selbst. Du hättest sicher auch Deine Freude an ihr gehabt. Jetzt endlich hat sie, bei aller Wesensprägung, die sie durch Dich empfangen, ihre Selbständigkeit wieder gefunden. - Sie erzählte allerlei von der Tagung, u. gestern, wo Nohl sprechen sollte, ging auch ich mit in die Stadthalle. Aber die großen Herrn werden bei solchen Veranstaltungen öfters krank wie Du weißt u. so kam er nicht. Es wurde über Fürsorgeversicherung geredet, u. Vorträge wie Diskussion waren mir ungemein interessant, Bondi, der selber aussieht wie ein Psychopath, sprach sehr leidenschaftlich, kein Vortrag - mehr aneinandergereihte Gedankengruppen: den Willen wecken - beim Milieu auch auf die Polarität hoffen - es gäbe keine Unerziehbaren, darum keine Sozialpädagogik für Verwahrloste sondern der Normalpädagoge soll ebenso mit ihnen Bescheid wissen, wie umgekehrt der andre mit den Normalen: Arbeitsproblem: nicht nur Beschäftigung, sondern nach Neigung u. Eignung, Vorbereitung zum Beruf in der Welt; das ist eine soziale Frage, denn der ungelernte Arbeiter hat kein Verhältnis zu seinem Beruf. - Gemeinschaft: zunächst Haß gegen die Gesellschaft, die ihn ausgestoßen hat. Verkümmertes Selbstgefühl, ist unverstanden u. ungeliebt. Der Erzieher soll zum Band werden mit der Gemeinschaft, Vertrauen gewinnen durch Aussprache etc. durch seine Person objektive Werte vermitteln. - Und ebenso soll Zögling auf Zögling wirken, "man tut dies nicht!" jeder verantwortlich sein u. mithelfen. - Dann noch eine energische Ablehnung jeglicher Züchtigung.
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| Nach diesem Erguß, der lebhafte Teilnahme fand, kam ein formvollendeter Vortrag von Frl. Dr. - Paulsen. Zuerst drang ihre Stimme nicht durch, aber dann lernte sie, die schlechte Akkustik zu überwinden und inhaltlich fesselte sie so, daß alles mäuschenstill war. Auch sie begann mit dem Verstehen und Achten jeder Menschseele. Daß aber alle Arbeit vergeblich ist, wenn es nicht gelingt, den sittlichen Willen zu wecken. (Dabei berief sie sich auf Deine J.Ps.) Dann stellte sie 4 Typen auf: die Abgeglittenen, die sich ihr sittliches Bewußtsein bewahrt haben, aber nicht zurückfinden können, die Infantilen, die einfach völlig indifferent in sittlicher Hinsicht sind, erotisch gänzlich gleichgültig. Die Schwachsinnigen, die nicht zu ändern sind, u. der Aufstiegstypus, der intelligent u. strebsam ist u. dem jeder Weg ins Freie recht ist. - Dieser ist durch überlegene Naturen zu beeinflußen. - Ihr Vortrag war ganz schlicht u. klar, ihr Auftreten so natürlich und anspruchslos, sicher u. zurückhaltend, kurz der ganze Eindruck überraschend angenehm. - In der Diskussion sprachen die allerverschiedensten Typen, teils zu den Vorträgen, teils nach eignem Bedürfnis. Verblüffend war ein junger Gefängnisdirektor, der auch sehr lebhaft für persönliche Beeinflussung eintrat u. der erklärte, daß bei ihnen die Gefangenen ohne bewaffnete Aufsicht stundenweite Spaziergänge machten, ohne daß seit 1 Jahr je ein Fluchtversuch vorgekommen wäre. Es redeten noch Geistliche, Juristen, Psychiater - durchweg für mich sehr interessant schon durch die Art der Beleuchtung bei jedem Einzelnen. - Welch eine Last trägt unser Volk mit dieser Aufgabe, die gerade seit dem Krieg so angeschwollen ist. Aber wie tief u. mutig wird sie aufgefaßt. - Besonders lebhaft stimmte Joh. Wezel der Behauptung der Paulsen bei, daß die Menschen zwischen 16 u. 18 u. darüber stärker beeinflußbar seien, als vorher. -
(Eine Visitenkarte vom kleinen Saupe in meinem Kasten! Odenwaldschule Oberhambach.)

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Sonntag. 21. Sept. 24. - Es kommt mir unglaublich vor, daß ich erst heute vor 2 Wochen wieder zurückkam, so endlos erscheint mir die Zeit. Viel gearbeitet habe ich noch nicht, aber es hat sich doch in mir eine größere Spannkraft entwickelt, die ich dankbar als Nachwirkung der schönen Wochen mit Dir empfinde. - Auch sonst klingt die Zeit in mir nach, u. zwar habe ich mich in die badische Landeskunde vertieft, u. mich überzeugt, daß die Donau unmittelbar vor Sigmaringen wieder badisch ist, nur von Tuttlingen bis Fridingen württembergisch. Ich möchte wirklich, man hätte immer die Möglichkeit im Anschauungsunterricht der Reise rasch auf einer genauen Karte die unbestimmten Vorstellungen klar zu stellen. Denn nur so prägt sichs wirklich ein. - So habe ich auch erfahren, daß unsre wildromantische Wutach früher im Tal der jetzigen Aitrach zur Donau floß, dann aber eine Wasserscheide nach Süden durchbrach u. nun dem Rheine bei Thiengen zufließt. Dadurch ist ihr Gefälle so stark geworden u. ihr Charakter so stürmisch. Dann - denke nur, bei Weingarten gibt es einen Bach, der heißt Dreckwalze (keltisch Tragi-alta-der Laufenda) Ob es das reizende Wässerlein ist, an dem wir von Schlierbach herunter gingen? - Das Wutachtal muß auch weiterhin sehr anziehend sein, u. es ist schade, daß wir nicht noch Zeit dafür übrig hatten!
Daß Du schon am Mittwoch abreisen willst, überrascht mich. Ich dachte, Du bliebest noch diese ganze Woche. Liegt irgend ein Grund vor, der Dich früher nach Berlin zieht? Willst Du Exc. Schmidt noch gute Reise wünschen?! - Wegen einer geeigneten Pension für Felizitas habe ich mich schon recht besonnen. Es würde mich freuen, ihr etwas Nettes zu verschaffen, aber Du müßtest mir womöglich doch, (falls es in Frage kommen sollte), etwas genauere Direktiven geben. Wie teuer darf die "billige" Pension sein? Sollen womöglich Kinder, resp. junge Mädchen im Haus sein? - Ich hatte bei mir gedacht, daß Frau Prof. Hampe häufig junge Mädchen als Haustöchter hatte, es ist ein Haus mit regem ästhetischem Leben. Aber ob sie gerade jetzt jemand brauchen kann, weiß ich nicht. Es wäre sicher nicht leicht u. man müßte auch wissen, was eigentlich der Sinn dieses Aufenthaltes sein soll: Unterhaltung, ein wenig neues Leben, veränderte Verhältnisse, städtische Bildungsmöglichkeit durch Theater u. Musik??? Nun, die Verwandten in Genf werden vielleicht das Geeignete sein!
Heute ist hier wieder eine Luft zum Ersticken, nachdem wir einige herrliche Tage hatten. Mit Joh. Wezel besuchte ich noch in Neckargemünd das Erholungsheim für Mannheimer Kinder:
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| Lenel-Stift, wo wir allerdings gerade ins große Reinmachen fielen, das immer zwischen zwei Transporten stattfindet. Es ist in Bezug auf die Ausstattung üppig gegen den Heuberg, vom Erziehungsgeist war aber unter der Scheuerflut kein Eindruck zu gewinnen, besonders da wir nur, in Abwesenheit der Oberin, von einer älteren Schülerin geführt wurden. - Abends ließen wir einen Vortrag von Sigmund Schultze schwimmen um Musik zu hören - leider. Denn es war keine Musik. Gehe niemals, wie ich Dir sonst riet, in ein Conzert von Adolf Busch. Er ist lediglich Virtuose geworden. Auch äußerlich war er höchst ungünstig verändert, sodaß ich ihn nicht wieder erkannte.
Heute hatte ich einen Brief von Ada Weinel, mit lauter guten Nachrichten. Sie waren wieder in Elmau, sind beide sehr erholt. Allerdings hat auch die Tochter bereits mit Bronchitis zu tun gehabt. - Dr. Gans schreibt aus Trafoi, kommt am 29. zurück. Es ist natürlich, weniger das Bedürfnis mich zu grüßen als eine versteckte Mahnung!
- Die kleinen Photographien habe ich von Cassel noch nicht zurück. Ich habe aber leider wenig Hoffnung auf ihr Gelingen. Es war ein so ausgesucht ungünstiges Wetter. -
Eine Flut von lästiger Tätigkeit steht mir bevor. Denn meine Sachen sind eigentlich alle reparaturbedürftig. Vorläufig bin ich noch nicht schlüssig, wie ich mich dazu stellen kann, ohne wieder, wie im letzten Winter all meine überschüssige Sehkraft für solch langweilige Näherei hin geben zu müssen. Hoffentlich helfen doch die Thermalbäder meinem ganzen physischen Menschen recht gehörig auf die Beine. Am guten Willen dazu fehlt es nicht. - Du hältst es doch auch für richtig, daß ich vorläufig nichts ändere an dem Pensionsabkommen mit Aenne? Ich habe in der Woche, [über der Zeile] als ich allein [über der Zeile] war, wieder mit reichlicher Ernährung weniger verbraucht, als ich ihr bezahle, also macht sie keinen Schaden. Und was ich dadurch mehr gebrauche, kommt ihr zu gute. Heute ging sie mit mir ins Schiff u. fand es dort auch sehr gut. - -
Mein liebes, liebstes Herz, wie sehr hoffe ich, daß der "Berg der Verheißung" Dir eine Stätte der Erfüllung gewesen sei. Die Offenbarung höchster moderner Geistigkeit in Deinem Goethevortrag, die Kraft, mit der Du im Kerschensteiner-Aufsatz vom suchenden Verstehenwollen zum Fordern u. Formgeben übergehst, erfüllt mich beständig. Möchtest Du im Gefühl frisch quellender Kräfte nach Berlin zurückkehren. -
In Liebe
Deine Käthe.