Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. September 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. September 1924.
Mein geliebtes Herz.
Wie unerwartet kommt doch oft eine große Freude! Ich hatte nicht entfernt darauf gehofft, in diesen Tagen von Dir einen Brief zu bekommen u. bei aller Telepathie ahnte ich nicht, daß Du noch in Partenkirchen sein könntest, sondern glaubte, der Zeppelin habe Dir in Berlin echte Heidelberger Grüße gebracht. Wir haben ihn hier famos gesehen. Mir ist es keine rechte Freude, so schön u. stolz das Schiff auch sein mag – wie anders war es doch mit uns, als die ersten Luftschiffe ihre Flugversuche machten! – Nun hast Du also noch ein paar sonnige Ferientage genossen u. wirst vermutlich gerade jetzt wieder in Berlin eintreffen. Ob Dir auch zunächst die Großstadt so unerträglich widerwärtig erscheinen wird?
Ich habe Dir so viel zu erzählen, daß es vermutlich kein Ende damit [über der Zeile] zu finden [über der Zeile] sein wird. Vor allem aber muß ich Dir sagen, daß die Offenheit, mit der Du zu mir redest, mich sehr glücklich macht. Ich kann nun verstehen, wie Du es meinst u. kann hoffen, das zu ändern, was Dich stört. Bitten aber möchte ich Dich, nicht ein Vorurteil u. Mißtrauen in dir Wurzel fassen zu lassen, als wäre ich nicht immer mit ganzer Seele Dir offen. Das ist mein Leben u. wenn ich fühle, wie Du mir ausweichst, dann ist mir, als müßte ich in der Einsamkeit erstarren. Du hast ja selbst gesehen, daß es seit jenem unseligen Spaziergang, bei dem uns die Belvedere überfiel, mit meiner Erholung nichts mehr war. – Daß ich nach außen hin durch die vielfach engen Verhältnisse oft rein physisch mehr leisten muß, als meine kümmerlichen Kräfte hergeben wollen, das ist ja leider richtig. Weil ich in Handfertigkeiten geschickt bin, kann ich mancherlei sparen u. das war nun einmal immer recht nötig. Aber ich kann doch nicht sagen, daß ich das gerade gern täte u. mich nicht sehr nach einer geistigeren Existenz sehnte. Das Schlimme ist eben, daß die Augen den Dienst versagten u. gerade das Lesen sie besonders angreift. Es waren im letzten Jahre auch ungewöhnlich viel trübe Tage. Seit kurzem bin ich aber die Schmerzen los u. fühle mich überhaupt besser. Ich gebe den Bädern die Schuld, die mich entschieden beleben.
– Was nun Felizitas betrifft, so will ich Deine "aufrichtige Frage
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| aufrichtig beantworten." Mir wäre es eine wirkliche Freude, wenn sie herkäme. Hoffentlich würde es ihr in dem einfachen Betriebe hier auch behagen! Der Vorstand griff den Gedanken sofort sehr eifrig auf unter dem Gesichtspunkt einer Verdienstmöglichkeit. Denn das Zimmer des Doktors ist noch nicht vermietet. Es ist geweißt u. tapeziert worden, wird sehr sauber hergerichtet u. wenn bis dahin noch kein Mieter gefunden ist, kann Felizitas gut dort schlafen.* [Kopf] * oder soll ich ihr lieber mein Zimmer einräumen? Bedenklicher ist mirs mit dem Essen. Denn Aenne spart jetzt kollossal u. die Suppe spielt nach wie vor eine große Rolle. Fleisch haben wir seit dem 16. noch nicht einmal gehabt: Kartoffelsuppe u. Würstchen, Wurst u. Linsen, Eintopfgericht, Reissuppe mit Wurst, Blumenkohl mit Reis u. Schinken, das ist alles; ich war wirklich in der Zeit allein besser dran. Denn die Küche im Schiff ist tadellos u. ich vermisse es, wenn man niemals was Gebratenes bekommt.
Ach, es ist mir überhaupt oft so schwer, mit dem Vorstand in Einklang zu kommen. Sie macht immer wieder so störende Sachen. So wollte sie mich durchaus veranlassen, einmal in der Woche in einer Mittelstandsküche Essen auszuteilen, meldete mich einfach dazu an. Ich konnte es zum Glück bei Frau Geh. Rat Seng auf gute Art rückgängig machen. Denn mit den Bädern, dem Besuch von Gretli u. event. Felizitas wäre es doch wirklich sehr unbequem. Morgen kommt auch Dr. Gans wieder u. der wird mich auch recht lebhaft beanspruchen. Und Das ist doch schließlich wichtiger. Außerdem eigne ich mich garnicht für einen Verkehr mit einem Publikum, das man auch noch dirigieren soll, da es meist recht anspruchsvoll ist. – Das traf nun gerade gestern mit Deinem Brief zusammen u. meinem Wunsche, wieder mehr zu innerer Freiheit kommen zu können. Denn es ist keine Frage, daß die laufend kleinen Obliegenheiten das Dasein zersplittern u. daß es auch die innere Ruhe nimmt, wenn man sich äußerlich gehetzt fühlt. So ist es auch mit den Flickereien: es sind meistens Kleinigkeiten, aber es machte mich ganz verzweifelt, daß eben alles u. alles der Reparatur bedarf, was man anfaßt, u. daß man garnicht weiß, wo anfangen!
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Die Hauptsache aber ist doch, daß man mit sich selbst einig ist. Und darin, mein Lieb, bin ich wohl mal wieder ein wenig vorwärts gekommen. Erst aus mir selbst, u. nun durch Deinen lieben Brief, für den ich Dir innig, innig danke. Es kommen nun einmal immer wieder Zeiten, in denen man es schwer hat mit sich, u. dann fühlt man, daß man Andern nichts sein kann. Da heißt es von neuem: stirb u. werde. Das ist ja das Wunder, daß gerade aus der Überwindung von selbst ein neues Leben wächst.
Etwas Schönes habe ich dieser Tage erlebt: wir waren – im Kino, u. sahen den Bergfilm. Der Titel: Berg des Schicksals hatte es mir angetan, u. der Gedanke an Dich u. Deinen Berg. Es war ein großer Eindruck. Naturaufnahmen von bezaubernder Schönheit, u. Menschen hinein gestellt, dieser großen Natur würdig. Es ist fabelhaft, was diese leidenschaftlichen Bergsteiger leisten. Es ist, als hätte der Körper kein Gewicht, als wären die Hände eiserne Klammern, so scheinbar mühelos steigen die Menschen an den senkrechten Wänden auf. Und diese Wolken in ihrer ruhelosen Beweglichkeit, ihren immer wechselnden Formen u. Stimmungen. Sie sind die lebendigen Gedanken, die um die Häupter dieser unbewegten Riesen spielen. – Die menschlichen Charaktere, deren leidenschaftliches Ringen sich einfach u. wuchtig von dieser großen Umgebung abhob, waren tief ergreifend.
Wie seltsam war es mir, daß bei alledem, selbst im Moment, wo man glaubt, einen Menschen abstürzen zu sehen, mir nicht der Schmerz u. die Erinnerung an den Tod meines lieben Vaters nahe war. Du standest dazwischen, u. ich dachte nur an Dich u. Deinen Weg zur Höhe, den frommer Glaube behütet.
Weißt Du, mir war doch immer der Jupiter Dein Stern. Wie oft hat er mich tröstlich gegrüßt, wenn ich in der Kriegszeit vom Kinderhort heimging. Immer suche ich ihn zuerst, wenn ich in sternenklarer Nacht draußen bin. Und ich weiß jetzt aus dem Büchlein von Boll, daß er ein Glücksstern ist!
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Der Vortrag auf der Tagung war wirklich von Frl. Paulßen, (wenn sie sich so schreibt, was ich nicht wußte) Aber raubvogelartig ist sie mir nicht erschienen, sondern vielmehr still u. fein. Sie ist in der Tat eine starke, bedeutende Natur, die zu schöner Reife gekommen ist. Sie kann gewiß in ihrem Beruf eine starke Wirkung üben. Nach Deinen Äußerungen hatte ich sie mir ganz anders gedacht, u. glaube auch, der Schmetterling sieht der Puppe nicht mehr ähnlich. – Johanna Wezel kennt sie flüchtig von Frankfurt her, erzählte, daß [über der Zeile] sie einmal eine Unterredung mit ihr hatte, in der sich Frl. P. beklagte, daß sie niemals während ihres Studiums befriedigt gewesen wäre, weil alle sich nur an ihren Intellekt gewendet hätten, u. niemand etwas von ihrer Seele gewollt hätte. Joh. Wezel hätte sich darob verwundert, daß sie für dieses Suchen nichts bei Dir gefunden habe, da sie doch in Leipzig studierte! Darauf hat sie offenbar ausweichend erwidert. – In Frankfurt hätte sie scheinbar auch noch nicht den rechten Boden gefunden gehabt. – – Viel weniger gefiel mir bei der Tagung die 2. Vorsitzende, Frl. v. d. Leyen. Sie soll krank gewesen sein. Jedenfalls hatte sie etwas Forciertes, Gewolltes, was vielleicht auf nervöser Abspannung beruhte. Ihre Erscheinung ist sonst sehr fein.
Wirklich auffallend war bei der Diskussion die gänzlich verschiedene Einstellung der älteren u. jüngeren Generation. Es ist ein psychologisches Vertiefen bei den Jungen, für das die andern offenbar garkein Organ haben. – Das ist das "gut Land", auf dem die Saat Deiner Jugendpsychologie aufgeht. Johanna Wezel meinte zwar, Du habest nur dem allgemeinen Streben der Zeit eine Stimme gegeben – aber das ist ja gerade das Merkwürdige, daß alles erst geformt werden muß, ehe es Wirklichkeit u. Besitz werden kann. –
Die kleine Kindergärtnerin, die mit Johanna hier war, u. die in Frau Kochs Wohnung kampierte, sprach genauso über Dr. Behm wie Gretli. Ich möchte aber mit Dir mein Urteil zurück halten, bis ich mal Gelegenheit hatte, Frau Koch selbst zu hören. Es wäre mir eine schmerzliche Enttäuschung, wenn sie die Kritik bestätigte.
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Ob die Fräulein Dr. Carstens das einzige Kind ihrer Eltern war? Es ist zu grausam, daß sie so aus dem kaum begonnenen reichen Wirken gerissen wurde. Und in der Odenwaldschule hat sie sich die Krankheit geholt? – Du hast mir nie von ihr gesprochen u. doch scheint sie gerade eine der tiefen Naturen gewesen zu sein, die – geweckt von Dir – echtes Leben weiter geben konnten. –
Sage mal, gibt es denn keine Sonderdrucke von der Goetherede? Ich möchte sie doch so schrecklich gern zu eigen haben. Und der Kerschensteiner-Beitrag kommt mir noch garnicht vor, wie mein Eigentum, wenn nicht von Dir darauf steht, daß er mir gehört! – Was hat wohl der alte Herr zu Dir darüber gesagt?
- Etwas muß ich Dir bekennen bei Gefahr Deiner Ungnade. Veranlaßt durch die wunderbar schönen Worte holte ich mir die "Wanderjahre" wieder vor. Aber bei aller Schönheit, Tiefe u. Wahrheit im Einzelnen kann ich mich in dieses Durcheinander abgerissener Erzählungen, geheimnisvoller Andeutungen u. Beziehungen nicht finden. Es bleibt mir fremd. – Vielleicht ist es eben das, daß ich dazu mehr Zeit u. Geduld haben müßte, jene innere Stille. Es ist ein beschauliches Bilderbuch – u. ich verlange nach einem geschlossenen Kunstwerk. – Vor ungefähr 20 Jahren las ich es mit ähnlichem Eindruck u. Einzelheiten sind mir von damals noch ganz lebendig, das Ganze ist völlig vergessen.
Eigentlich sollte doch dieser Brief Dich morgen früh begrüßen! Nun wird es leider nichts damit. Und Du hättest auch erwarten dürfen, daß der versprochene Kaffeefilter Dich in Berlin empfangen hätte. Auch der hat sich verspätet, u. zwar weil ich wieder in ganz Heidelberg suchen mußte, bis ich den wollnen Gegenstand bekam, der auf der Reise so vermißt wurde. Nun ist das Päckchen erst gestern fortgegangen. Möchte es Dir Freude machen u. nicht wie die dummen Löffel Dich ärgern. Nicht wahr, mein liebes Herz, das ist jetzt nun vergeben, wirklich u. für immer? – Und noch mehr muß ich bitten: laß auch die Sache von Weihnachten nun wirklich überwunden sein.
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| Wenn Du gesehen hättest, wie glückselig ich die Blätter empfing, wie heilig es mir damit war – u. wie tief ich es als einen Raub empfand, als man sie ohne auch nur zu fragen genommen hatte – – Du würdest es besser verstehen, daß ich da zuerst nur mich bestohlen fühlte u. doch glaubte, aus Mitleid verzeihen zu müssen. Sage mir jetzt, mein Lieb, daß wir beide dem Walther verzeihen wollen, dann werde ich es wohl endlich fertig bringen. Denn ich bin seitdem völlig mit ihm auseinander [über der Zeile] (stillschweigend) – u. er hat doch so wenig Menschen.
Meinst Du nicht, daß es möglich u. daß es gut ist, zuweilen mal recht gründlich an allen Ecken gerade zu rücken, was sich verschoben hat? Ich bin so voll guten Willens. – Aber zu allem u. allem kommt mir nur die Kraft von Dir. Hilf mir weiter, mein Lieb, daß ich wieder froh sein kann. – All das Schöne unsrer gemeinsamen Reise ist in mir lebendig u. wirkt in mir nach. Immer wieder tauchen andre Bilder vor mir auf mit allem, was sie mir bedeuten. –
Ist nicht der "Gral" ein stimmungsvolles Bild geworden? Ich wußte nur garnicht, daß so viel Himmel in das dunkle Tal hineinschien!
Nun sei mir gegrüßt u. habe mich lieb.
Deine Käthe.