Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. Oktober 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg, 1. Okt. 1924
Mein Lieb, soeben kam ich vom Laden nachhause u. fand beglückt Deinen großen Brief. Aber welchen Schrecken machst Du mir wieder! Ich hatte gedacht Du habest eilends an Felizitas (resp. die Mutter) geschrieben u. alles wäre gut u. schön. - Wie sollte ich denn nicht gestimmt sein, das Mädelchen hier zu haben? In fröhlicher Selbstverständlichkeit schrieb ich mit der so lieben Riehlschen Wendung von der "aufrichtigen Freya": es wird mir eine große Freude sein. - das kam aus vollem Herzen und damit war für mich alles gesagt. Du hattest die Sache so problematisch abgefaßt, daß ich dachte, der Entschluß sei noch nicht definitiv u. ich wollte mich nicht zu sicher darauf freuen. Aber trotzdem waren meine Gedanken immer damit beschäftigt u. ich fragte mich, ob ich wohl imstande sein würde, das Zutrauen des Kindes zu gewinnen u. wie ich recht vorsichtig u. leise sein wollte. Gerade, daß sie allein herkommt, daß ich sie ganz ohne störende Einflüsse kennenlernen sollte, schien mir besonders glücklich - Mir ist das alles innerlich doch viel wichtiger als die Zeichnerei, die aber als unabänderliche Pflicht nebenher laufen muß. - Du schriebst es solle um den 10. Oktober sein, u. so erwartete ich alle äußeren Bestimmungen lediglich von Dir. Für mich ist eine Woche wie die andere. Über das Einzelne dachte ich nach der Entscheidung: ob überhaupt, noch mit Dir zu verhandeln. So erbitte ich zunächst von Dir mal ein [über der Zeile] genaues Programm dessen, was notwendig zu sehen ist, außer dem Schloß, Mannheim, Neckarsteinach, Jugenheim - -? Ich werde für die Woche das Baden auslassen, das ist garkein Unglück u. ich gewänne 2 volle Tage. So wäre der Inhalt einer Woche Sonntag, Mittwoch, Sonnabend, Sonntag = 4 freie Tage. Wegen einer jungen Begleitung tue ich mich auch um - hoffentlich glückt es.
Ich habe mir so lebhaft ausgemalt, wie Du im Geist bei uns sein würdest, da es ja leider nicht in Wirklichkeit der Fall sein kann. Und dann sagte ich mir wieder, es ist vielleicht eben gerade das Gute u. Richtige, daß sie mal allein kommt u. wir uns ohne Vermittlung gegenüber stehen. Kurz, ich habe mich hin u. her ganz in den Gedanken eingelebt. - Daß ich vom Wohnen und Essen schrieb,
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| war Erwiderung auf Deine Bemerkungen u. war das, was mir Bedenken machte.
Was Walther mit uns zu tun hat? Das ist vielleicht töricht, aber es ist so in mir: ich hasse alles, was sich störend zwischen uns stellen will. Nicht nur so obenhin, wirklich u. nachhaltig. Ich empfand damals gleich bei meinem Eintritt ins Zimmer, als ich das Buch in seiner Hand sah, daß mich das in der Tiefe traf. Es war wie ein Verhängnis, gegen das ich wehrlos war. Und die Folgen mußten wir ja beide tragen, denn es machte mich ängstlich, weil es Dich gegen mich verstimmte u. immer sagte u. tat ich gerade das Verkehrte, oder wenigstens das, was Du mißverstehen konntest. - Ich weiß nun, daß meine Stellung zu Walther nur dadurch geheilt werden kann, daß all das trübe Mißverstehen in uns endgültig überwunden ist.
Niemals richtet sich aber meine Abneigung gegen etwas, was Dir lieb ist. Für Felizitas ist mir bezeichnend, daß Du von ihr sagtest: "Sie ist ein grundgütiges Geschöpf" - u. so freute ich mich einfach auf ihr Kommen. Es wäre mir garnicht in den Sinn gekommen, daß Du daran zweifeln könntest.
Siehst Du, das ist so seltsam, daß ich manchmal in Dir etwas wie Mißtrauen fühle, eine Neigung, aus allem ein Negatives heraus zu deuten. - Ich bin wohl umgekehrt der Gewißheit unsrer Liebe so sicher, u. Du hast recht, daß man immer von neuem suchen und ringen muß, den Frieden zu finden, den Frieden - in Dir! - Ich habe Dich nicht allein gelassen, mein Lieb, nicht eine Minute meines Lebens ist fern von Dir - aber auch Du mußt - suchen u. glauben.
Ja, ich weiß gewiß, daß wir nicht leben können, wenn wir nicht einig sind, u. daß wir uns immer verstehen werden, wenn wir offen zueinander sind. Aber das trotzige und das scheue Schweigen tötet. Du weißt doch, daß ich nichts habe als Dich. Und daß auch ich verzweifle, wenn Du so verschlossen neben mir gehst. Glaube mir, ich war in Lenzkirch manchmal fast am Ende. - Aber auch ich brauche ein erlösendes Wort,
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| um mich mit freier Seele geben zu können. Und es ist nicht Ängstlichkeit für mich, wenn ich mich zaghaft zurückhalte, sondern vielmehr die Sorge, Deine überzarte Empfindlichkeit womöglich nur zu verletzen, statt Dir zu helfen. Aber das ist verkehrt. -
Und hier, in der Stille mit mir allein brach von neuem die tiefe Überzeugung durch, daß wir untrennbar verbunden sind, daß unsere Gemeinschaft auf einigem Grunde ruht. Ich will nichts von Dir, als was aus der Tiefe Deiner lieben Seele kommt, aber ich will für Dich da sein - immer u. rückhaltlos, - wenn Du mich brauchst. - Ich kam so sehnsuchtsvoll zu Dir in den Schwarzwald. Daß ich krank gewesen war, war doch nicht meine Schuld. Unzählige Menschen leiden heute an der unheilvollen Wirkung des Krieges. Man hat die Widerstandskraft gegen Schädlichkeiten nicht mehr so wie früher. Äußerlich bedrückt es mich auch, daß, die Arbeit, die ich leisten kann u. die ich übernommen habe, zuweilen Augen u. Kopf ganz erschöpft. Es ist schrecklich, wenn man sich eigentlich nur mit Gewalt das nötige <Wort unleserlich> abzwingt, u. ich genieße es in diesen Tagen ganz besonders, mit Frische u. Leichtigkeit arbeiten zu können. Es ist mir ein ganz ungewohntes Gefühl. - Das ist natürlich die Wirkung der schönen Erholungszeit, [über der Zeile] u. das danke ich jedesmal Dir von neuem.
Indem ich Deine Zeilen las, dachte ich: ich will telegraphieren, damit er nicht länger zweifelt. Aber - nein - das kann er nicht leiden! - u. dann forderst Du es selbst. Das war so schön u. tröstlich. - Ich schrieb Dir auch so ausführlich von dem Zimmer etc., weil ich zweifelte, ob es Dir vielleicht lieber wäre, wenn sie ausdrücklich auch bei mir wohnte, etwa im Wohnzimmer neben mir? Aber Du scheinst ja mit dem Lager unten einverstanden zu sein. Ich möchte eben gern, daß Felizitas möglichst bei mir ist u. daß es nicht immer ein Triumvirat gibt. - Weil es mir absolut kein Opfer ist, daß das Kind herkommen soll, darum ging ich auf den Gedanken auch innerlich mit keinem
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| Worte ein. Einzige Sorge ist mir, ob wir uns zueinander finden werden. Ich kann mir da nichts Bestimmtes vornehmen, alles Absichtliche macht mich befangen - ich kann nur liebevoll bereit sein, sie zu empfangen. Und das Übrige ist Schicksal. -
- War das denn wohl alles, was Du aus meinem Brief herausgelesen hast? Hast Du garnichts von mir gefühlt? Muß man alles immer mit dürren Worten sagen? - Dann laß das Bildchen vom Gral zu Dir reden; ja, es soll uns Symbol sein stiller, befreiender Einkehr - wie immer: Hand in Hand.
Deine Käthe.

Und noch vielen, vielen Dank für die 3 Büchlein; wie glücklich bin ich besonders über die Goetherede. Aber nicht vom Vergangenen wollen wir reden - wir wollen vorwärts schreiten im Vertrauen auf das Einige in uns.
[Kopf S. 1] Bitte um die Adresse von Kühne.