Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Oktober 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Okt. 1924
Mein liebstes Herz.
Bist Du wohl nach Thale gefahren? Wie gern wüßte ich, ob es Deinem guten Vater Riehl nicht schlechter geht! - Auf alle Fälle sollst Du doch morgen, wo du sicher wiedr zu Hause bist, einen Gruß haben. Ich denke ja, beständig an Dich.
Seit Dienstag ist Felizitas hier, munter, unbefangen fröhlich. Wir waren gleich auf dem Schloß, das sie am nächsten Morgen allein mit Führung sah, nachmittags Königstuhl, Speyrer, Friedhof - u. abends im Kino. [über der Zeile] Kulturfilm <unleserliches Wort> Das Theater ist leider sehr unergiebig, hier nur Zweifelhaftes u. in Mannheim ebenso. Ich will noch zu ergründen suchen, ob in Mannheim etwa ein schönes Concert ist - der
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| Rosengarten ist ja sehenswert u. dann muß das Theater von außen genügen. -
Die Ankunft war natürlich ein Verfehlen. Ich ging zweimal den ganzen Zug ab u. wir haben uns beide nicht gesehen, obgleich sie sich auch nach mir umguckte. So kam sie mit einem Dienstmann ins Haus, [über der Zeile] beinah gleichzeitig mit mir u. Liesel. Sie ist ja durchaus selbstständig u. nicht ängstlich, hat sehr ihren bestimmten Willen. Hier fügt sie sich lieb u. freundlich ein, war begeistert von der Stadt u. Gegend, die sich wirklich in günstigstem Lichte zeigen, u. gestern Abend gingen wir nach dem Kino noch zu Biere - da war das Bayernkind selig. -
Der Versuch, Gertrud Spröhnle für
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| einen Ausflug zu gewinnen, schlug leider fehl, da sie verreist.
So wird Felizitas heut [über der Zeile] vormittag an die Mutter schreiben, was ein Stück Arbeit zu sein scheint, nachdem sie gründlich ausgeschlafen hat. Nachmittag noch unbe[unter der Zeile] stimmt.
Von Frau Witting kam gestern eine Drucksache, die Fel. mir eigentlich von Dir hatte mitbringen sollen. Wie lieb von Dir! Hat das das Kiehmchen geschrieben, was darin steht?
Die Nachrichten über Inge sind fortdauernd gut. Nun wird sie vielleicht erst richtig gesund.
Ich hoffe sehr, noch von Dir etwas über den verehrten Herrn Riehl zu hören. Ich trage die Sorge um ihn - u. so recht eigentlich Deine Sorge beständig mit mir herum.
Aenne ist gleich sehr intim mit Felizitas, sagt alle Augenblick: "Du" zu ihr. Du weißt, ich kann
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| das nicht so fix, so lieb mir auch das Mädel vom ersten Augenblick an ist. - Sie denkt am Mittwoch nach Basel zu fahren, am Donnerstag weiter bis Genf, da sie die Fahrt auf einmal zu anstrengend findet, u. in Basel Bekannte hat, die ihr die Stadt zeigen können.
Möchtest Du Dir mit der Reise nach Thale nicht von neuem schaden, sondern die Kräfte sammeln für die große, interessante Fahrt nach Norden. Vorher können wir ja Gott sei Dank noch regelmäßig verkehren - während es dann auf 14 Tage ziemlich ungewiß sein wird. -
"Schreiben" werde ich Dir inzwischen auch mal wieder, aber in diesen Tagen gings nicht, wie Du begreifen wirst.
Mit innigen Grüßen
Deine Käthe.