Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11./12. Oktober 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11. Okt. 1924.
Mein liebstes Herz.
Es ist natürlich garkeine Zeit übrig, u. doch möchte ich Dir so gern schreiben. Habe Dank für die Karte aus Thale u. verzeih, daß der Dank für die Geldsendung – den ich im Brief vergaß – Dich nicht mehr vor der Reise erreichte. –
Inzwischen haben wir das abwechslungsreiche Leben weiter geführt. Aus Mannheim meldete Dir unser Gruß von dem sehr gelungenen Unternehmen. Wir besuchten zuerst die Kunsthalle, wo Felizitas ein sehr gesundes Urteil entwickelte u. auch anscheinend auf jede Anregung einging. Sie hat offenbar ein feines, e ästhetisches Gefühl, das sie auch treffend zu äußern vermag. Mit allen Plänen ist sie immer einverstanden u. macht vergnüglich mit. –
Von der Kunsthalle gingen wir durch die Stadt zum Schloß u. an den Rhein, vorüber am Paradeplatz, Kaufhaus, Theater, Jesuitenkirche. Über die Brücke ließ ich sie allein gehen, da ich keinen Paß habe u. dann wanderten wir durch den Schloßhof, der von Franzosen wimmelte, wieder in die Hauptstraße, zum Kaffeetrinken in eine Conditorei u. von dort ins Concert zu dem dänischen Heldentenor: Lauritz Melchior, der eine Stimme hat, wie die Trompete von Jericho. Es schmetterte nur so in dem großen Saal, der ja ganz besonders schön ist. (Im Theater war es leider schon seit Tagen ausverkauft.) – Aber wir bereuten es nicht, denn es war wirklich ein Genuß, diese Fülle von Wohlklang zu hören. –
Für das Schiller-Denkmal hatte Felizitas neben dem Rhein das meiste Interesse. Und ist das wohl Dein Einfluß, daß sie sich so für Friedrich den Großen begeistert? Das ist doch wohl bei einem Bayernkind nicht das Übliche. – Am Donnerstag in Neckarsteinach war sie sehr schweigsam, so wie die Mutter damals u. es kam heraus, daß sie zu enge Schuh anhatte! Das beeinträchtigte natürlich den Genuß etwas. – Mit der Unterhaltung ist es überhaupt meistens nicht lebhaft. Sie ist
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| freundlich u. geht auf den Moment ein, aber äußert sich nicht gerade viel. Von den Brüdern, besonders Anderl, spricht sie gern – natürlich auch von der Mutter, u. der "Professor" wird häufig erwähnt, aber ein Sprechen "über irgend etwas" will sich nicht einfinden. –
Für morgen, Sonntag, ist Jugenheim geplant, hoffentlich kommt es dazu. Das Wetter scheint sehr vielversprechend. – Außer dem Weg aufs Schloß ist Felizitas niemals allein fortgegangen. Sie steht dann lieber spät auf u. beschäftigt sich mit Schreiben: an die Mutter, an Dich, nach Genf u. Basel. Am Mittwoch will sie nach Basel fahren, am Donnerstag weiter. —
Daß es in Thale sehr lebhaft war, kann ich mir denken. Die Namen, die Du nennst, scheinen mir ein erfreulicherer Zusammenklang als in Weimar. Warst Du mit einem Vortrag beteiligt? Und wie magst Du es bei der Rückkehr bei Riehls getroffen haben? Es wäre so schön, wenn der alte Herr noch einmal wieder richtig gesund werden könnte. – Von Inge meldet meine Schwester gutes. Es geht normal weiter. Sie schickte auch Kinderbilder aus Rügen mit; danach sind die Mädels sehr herangewachsen.
Abends. Mein Lieb, es ist wirklich jetzt keine Möglichkeit zu einem Briefe! Ich bin froh, doch, ohne daß Dr. Gans ungeduldig wurde mit einer beschränkten Arbeitszeit auszukommen. Es kam mir zu Hülfe, daß Handwerker im Haus meine Abwesenheit entschuldigen konnten. – Heute haben wir nun keine größere Unternehmung gehabt, gingen nur nach dem Kaffee: Philosophenweg, Bismarckturm, am Berge nach Handschuhsheim, Wasserburg u. mit der Elektrischen zurück. Heut ist zum erstenmal eine kleine Annäherung zu spüren u. ich habe meine Freude daran. Hoffentlich gestaltet sich das noch ein wenig aus. – Dein Brief, der mich bei der Rückkehr überraschte u. innig freute, wird den Weg dazu weisen. So bist Du bei uns, mein liebes Herz, u. das Kind ist "bei uns." Die Einsicht von Heinrich Maier ist eine richtige Freude. Möchte er auch Tatkraft u. Fähigkeit zur Besserung haben! –
Ich aber grüße Dich, mein Einziger, viel tausendmal. Es ist sehr schön, daß Du Felizitas herschicktest u. man hat nur Freude an der frischen Empfänglichkeit, mit der sie alles aufnimmt. Der rote <li. Rand> Sonnenball, der im Westen versank, erregte ihre staunende Bewunderung. So geht die Sonne im <li. Rand S. 1> Gebirge nie unter. [Zwischen der Zeile] Heute, Sonntag nun also wirklich nach Jugenheim! Wie immer Deine Käthe.
[Kopf S. 2] Ich denke oft an Susanne. Wie leid tut es mir, daß es mal wieder mit ihr so unergiebig ist. Hat sie etwas, was sie bedrückt?