Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15./16. Oktober 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15. Okt. 1924.
Mein geliebtes Herz.
Du wirst auf einen Bericht warten u. ich habe sehr den Wunsch, zu schreiben. Aber am Badetag ist die Faulheit beinah noch größer! Doch will ich wenigstens anfangen u. Dir vor allem einmal sagen, welch große Freude Du mir mit dem Besuch von Felizitas gemacht hast. Sie war so fröhlich u. natürlich, machte einem das Dasein nicht einen Augenblick schwer. Sie bedauerte sehr, schon fort zu müssen u. erklärte, es sei ihr, als wäre sie bei uns von je bekannt. Wie Du sagst, ist sie in vielem noch völlig Kind, daneben aber von einem verblüffenden Realismus. Dabei hat ihr ganzes Wesen doch eine so entzückende Unberührtheit. Sie ist von Natur bequem, aber immer freundlich bereit, wenn man sie etwas heißt. Ich glaube, sie ist nicht so kräftig wie sie aussieht, scheint ziemlich bleichsüchtig u. darum nicht zu Tätigkeit aufgelegt. Auch ist sie nicht gewöhnt, im Häuslichen zu zugreifen, merkt nicht auf, wo es fehlt. In den 8 Tagen war natürlich keine Gelegenheit, da etwa Erziehungsversuche zu machen, da es offenbar auch garnicht der Neigung des Prinzeßchens entsprach. Warum soll sie es auch nicht einmal gut haben, da sie doch zu Haus schon ihren festen Pflichtenkreis zu erfüllen hat.? – Wegen der ärztlichen Consultation haben wir mehrfach beraten; da aber eine Behandlung doch nur unter dauernder Beobachtung möglich ist, schien eine einmalige Untersuchung ziemlich zwecklos. Jedenfalls ist aber solch Kropf keine Sache von plötzlichem Verlauf u. sie kann besser in München eine Autorität fragen, zu der sie dann öfters wieder hingehen kann. – Deine Besorgnis wegen der Wittingschen Geldschwierigkeiten scheint mir aber nach dem ganzen Auftreten u. der eleganten Garderobe der Kleinen nicht begründet. Sie hat sich hier garnicht damit aufgeputzt, vielleicht aus dem Gefühl heraus, nicht so abstechen zu wollen, oder auch, weil sie keinen besonderen Wert darauf legt. Aber als ich ihr beim
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| Einpacken half, sah ich die wirklich sehr kostbaren Sachen. –
Daß Friedrich d. Gr. ihr durch den Film nahe gebracht ist, weißt Du vielleicht. Da sieht man, daß doch für ein gewisses Alter diese Form der Belehrung nicht zu unterschätzen ist. – Von der Wahrhaftigkeit habe ich eines Abends mit ihr gesprochen, wie Du es wünschtest. Hoffentlich war es richtig, wie ich es machte; jedenfalls war sie sehr lebhaft dabei u. es war ein innerliches Beisammensein. Sie kam überhaupt immer sehr gern mit mir in meine Wohnung. –

16.X.   Über die Weiterreise machte sie sich keine großen Skrupel. Auf unsern Rat fährt sie nach der Paßrevision zum Schweizer Bundesbahnhof weiter, um dort ein Hotel aufzusuchen, das ihr empfohlen war. Ob der Herr, der Frl. Bockfisch bekannt ist, sie dort aufsuchen wird, ist ungewiß geblieben. Ich vermute, daß sie sich lieber auf eigne Faust die Stadt ansehen wird, u. sie scheint durchaus gewandt u. umsichtig. Natürlich haben wir ihr gute Ratschläge genug mitgegeben! Ungeschickt ist, daß die Mutter immer, wenn sie mit den Leuten in Basel u. Genf schriftliche Verabredung getroffen hatte, von Partenkirchen aus anders hinein dirigierte. Sogar noch nach ihrer Abreise kam ein Brief hierher von ihr, der vielleicht wieder andre Bestimmungen enthielt. Ich denke schon, die Kleine wird ihre Sache gut machen, sie hat die Augen offen u. weiß, was sie will. – Ich schrieb Dir neulich schon, daß Aenne sie fortwährend "Du" nannte, bis Felizitas ausdrücklich erklärte, das sei ihr auch viel lieber u. da ich gerade dabei war, mich in diese Aufforderung einbezog. Mir wäre es nicht so eilig damit gewesen, aber es wäre unfreundlich gewesen, hätte ich das Anerbieten abgelehnt. So haben wir dann vorläufig mal eine einseitige "Brüderschaft". – – Ich hätte Dir noch viel von dem lieben Mädel zu erzählen; sie sprach ganz offen von zu Haus mit mir, von dem älteren Bruder, der ihr völlig fremd sei, u. von dem sie nicht glaubt, daß noch besserungsfähig sein wird. Von Anderl mit Liebe u. gutem Zutrauen, vom Vater nur ganz vorübergehend u. äußerlich; sehr stolz u. vergnügt berichtete sie von ihren Ballerfolgen u. sie hofft durch den jungen Pixis, auch künftig bei solchen Vergnügungen einen zuverlässigen Begleiter zu haben. Ist es nicht drollig, daß ich den Vater
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| des jungen Mannes u. seinen Zwillingsbruder in München gesellschaftlich kennen lernte? –
Von unserm Weg nach Jugenheim berichtete Dir unsre Karte. Wir suchten natürlich das bewußte Haus vergeblich, denn die näheren Angaben darüber von Frau Witting kamen erst 2 Tage später. Auf dem Hinweg stiegen wir zum Auerbacher Schloß hinauf, u. machten auf der Höhe der Burgmauer, wo die Bäume so romantisch aus dem Gemäuer wachsen, die kleine Aufnahme. (Weitere Versuche zu einem Bild von Felizitas sind leider infolge des dicken, dunklen Nebels mißglückt.) Der Weg von Auerbach immer auf halber Höhe des Berges durch wundervollen Buchenwald war herrlich. Felizitas immer voraus, munter trällernd, all ihre lustigen Liedchen u. Schnaderhüpfeln. Aenne immer hinterher, Blümchen pflückend, allmählich immer beschwerlicher steigend. – – Jetzt ist nun wieder der Alltag eingekehrt. Man vermißt das fröhliche Gesichtchen natürlich sehr. Bei aller Kindlichkeit hat sie so etwas Klares u. Festes im Wesen. Ich denke, wir sind gute Freunde geworden! –
Und Du, mein Lieb, wie ist es Dir ergangen seit der Rückkehr von Thale? Es ist zu greulich, daß Du das Bahnfahren so schlecht verträgst u. nun doch bald schon wieder eine größere Reise vorhast. – Und wie hast Du es in Neubabelsberg getroffen?
Ich habe mir seit gestern einen Schnupfen zugelegt, doch hoffe ich ihn möglichst zu bezähmen. In meinem Schlafzimmer, das ich vorzugsweise an kalten Tagen bewohne, heize ich bereits ein wenig. – Dr. Gans ist qualitativ entzückt, quantitativ unzufrieden mit meiner Arbeit. Jetzt wird es ja aber wieder besser. Immerhin will ich die Sache möglich rationell betreiben u. nicht wieder so herunter kommen, wie voriges Jahr. Da sorge aber auch, mein Herz, daß ich nicht so unnötige Schreckschüsse bekomme, wie Deinen lieben Brief vom 30. September! Aufregungen setzen mir immer am meisten zu.
Vorhin war ich bei Adele Henning, die ihren Sohn Hans zu Besuch erwartet. Dabei habe ich zum ersten mal etwas Verdienstliches von ihm erfahren, daß er nämlich gegen das betrügerische, okkulte
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| Unwesen arbeitet. Ich fürchte nur dem trocknen Philister wird die Kraft der Autorität fehlen, weil man ihm nichts "Geistiges" zutraut.
– Mit Freude vertiefte ich mich in Deine lieben Drucksachen – Düsseldorf u. die Turner – sowie in das Reichenau-Büchlein. Immer Abends habe ich da noch ½ Stunde für mich. –
Heute aber will ich nur rasch noch diesen Wisch zur Post bringen. An Geh.Rat Kühne schickte ich das Bildchen endlich. – Und wie ist es mit Fürsatz? Willst du es senden?[über der Zeile] Dann schicke ich Dir einen nicht aufgeklebten Abzug. Hermine Geiser nicht wahr? Immerhin ists doch eine ganz niedliche Photographie – jawohl ja!
Ach, wieviel hätte ich Dir noch zu erzählen!
Aber Du Armer hast ja garkeine Zeit, es zu lesen! Wie in aller Welt kann man nur dieser Postmisere abhelfen? Weißt Du aber auch noch, wie wenig Du zufrieden warst in Zeiten, wo diese Fülle ausblieb?
Ich grüße Dich von Herzen!
Deine
Käthe.

[] Ist das nicht wundervoll mit dem Zeppelin? Wie schade, daß Du ihn nicht sahst! Wir haben doch von unserm Bodensee her so ein besonderes Verhältnis zu ihm!