Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Oktober 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Okt. 1924.
Mein geliebtes Herz.
Ich möchte Dich mit diesem Briefe gern noch erreichen, ehe Du von neuem auf Reisen gehst. Ich möchte Dich grüßen mit unseren lieben Reiseerinnerungen u. Dir sagen, daß ich auch dort oben am Finnischen Meerbusen immer, immer bei Dir bin. Vielen Dank, daß Du mir ein so genaues Programm schicktest. Da wirst Du ja beinah 2 Wochen unterwegs sein!
Wie wünsche ich Dir vor allem, daß Du wegen Riehls ohne momentane Besorgnis fahren kannst, u. daß es eine interessante Zeit voll bleibender Werte für Dich sein möge. - Daß Du Dich nach Möglichkeit dabei schonen möchtest, - das bitte ich Dich hoffentlich nicht vergeblich. Denn Du weißt doch, daß die Zukunft noch viel von Dir zu fordern hat! Und dann - ein ganz klein wenig, tu es auch mir zuliebe, u. laß meine Stimme heimlich Dich mahnen, wenn Du unvernünftig mit Deinen Kräften hausen willst. - Ich hoffe, das Fahren in Rußland soll nicht so anstrengend sein, wie bei uns. Man rühmt doch immer so sehr die dortigen Bahnen. -
An die angegebenen Adressen werde ich vielleicht
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| mal einen sichtbaren Gruß schicken, auch wenn kein eigentlicher Grund zum Schreiben vorliegt. Wenn Du zurück kommst, dann mußt Du auch mal die beiden Briefe von Felizitas u. der Mutter lesen, die mich beide außerordentlich freuten. Sieh, es ist mir eigentlich ein wenig sonderbar, daß Du immer wieder von einem Opfer sprichst, das der Besuch der Kleinen für mich gewesen sei, da er doch in jeder Beziehung mir eine Bereicherung war. Fühle das doch mit mir, mein Lieb, u. suche keine Schwierigkeiten, wo keine sind. Laß uns auch darin die Unzertrennlichkeit unsres tiefsten Wesens spüren. Es ist mir ja ein richtiges Glück, daß ich so rückhaltlos u. frei das junge Menschenkind lieb gewinnen gewinnen konnte; hast Du nicht selbst gewünscht, daß damit auch zwischen uns eine neue Beziehung erwachsen möchte?
Ob ich imstande war, die Möglichkeiten eines vertieften Verkehrs mit Felizitas voll auszubauen, ist mir fraglich. Du weißt, wie zurückhaltend ich von Natur bin. Aber ich habe den Eindruck von Vertrauen u. Zuneigung bei ihr u. glaube, ihr Wesen richtig zu empfinden. Sie war offenbar auch beim Vorstand ziemlich mitteilsam, erzählte
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| ihr von Deinen Gedichten u. bedauerte, sie ihr nicht zeigen zu können. Das empfinde ich doch durchaus als kindlich. - Sie hat aber in allem ein feines, liebenswürdiges Taktgefühl. - Ihr Verhältnis zu den Vorgängen der Natur ist lebendig u. interessiert. Sie möchte "mal dabei sein können, wenn die Blätter so auf einmal gelb werden".
- Gerade als Felizitas u. ich nach Mannheim fahren wollten, kam der kleine Saupe wieder. Da konnte ich ihn natürlich nur auf ein andermal vertrösten. Muß ich ihn da wohl einmal einladen?
- Von Johanna Wezel kam eine Besprechung Deiner Jugendpsychologie. Ich war erstaunt, wie sehr sie sich der Kindergarten-atmosphäre angepaßt hatte. Man könnte, wie man von Frosch-perspektive redet, hier von einer Fröbelperspektive sprechen. - Und der Theologe vermißt [über der Zeile] in der Goetherede die unterstrichene Moral? Da ist doch wohl etwas in ihm, war zum vollen Menschentum fehlt. -
Aber was Du von Riehls schreibst, das fühle ich in tiefster Seele mit. Es ist die Gewißheit einer Gemeinschaft im Ewigen -
Und so sei es auch bei uns, Geliebter.
In Liebe u. Treue
Deine
Käthe.