Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Oktober 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24. Okt. 24.
Mein geliebtes Herz.
Da ich garnicht weiß, wie lange ein Brief nach Riga reisen mag, fürchte ich, Dich dort nicht mehr zu erreichen. Vermutlich hätte ich dazu schon vor Deiner Abreise schreiben müssen!
So will ich diesen Gruß lieber gleich nach Reval schicken, wo Du Dich ohnehin länger aufhalten willst. Wie mag es Dir gehen? Ich hoffe, es ist eine Zeit interessanter u. guter Eindrücke. Solche Kongresse u. Tagungen sind doch an sich immer Tage gehobener Stimmung, ein über den Alltag erhobenes Niveau u. außerdem mag für den Fremden dort manches neu u. bedeutend erscheinen. - Hier ist seit einigen Tagen leider das Wetter ungünstig, u. ich will mir wünschen, daß bei
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| der unendlichen Kilometerzahl, die jetzt zwischen uns liegt, darin zwischen uns keine Übereinstimmung herrscht.
Sehr intensiv begleiten Dich meine Gedanken. Leider hast Du mir keine Angaben der Themata gemacht; aber ich vermute, sie werden im Gebiete der Lebensformen u. Psychologie liegen?- Ich suchte mir die alten Kriegskarten vor u. verfolgte Deinen Weg möglichst genau. Du wirst vermutlich dort in Livland (Walk?) noch weiter nach Osten kommen, als tief im Süden bei Motol Kurts fernes Grab ist. -
- Es ist augenblicklich eine seltsam zuversichtliche Stimmung. Aber mir geht es wie Till Eulenspiegel: ich argwöhne gleich wieder neue Bosheiten unsrer Feinde dahinter. Frankreich räumt Mannheim, wo Felizitas u. ich neulich noch mit Abscheu die braunen Franzosen sehen mußten. Wahrscheinlich wollen sie dafür auf
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| der Zerstörung von Friedrichshafen bestehen.
- Noch immer haben wir keinen Mieter unten in des Dr.'s Zimmer. In Sicht ist ein Privatdozent d. Philosophie , (Rickertschüler, Name unbekannt!) u. ein Reisender mit Frau. -
Seit über einer Woche bin ich mit einem ganz enormen Katarrh behaftet gewesen, wie ich ihn seit Jahren nicht hatte. Es ist mir aber, abgesehen von den lokalen Beschwerden tadellos gegangen. Weder Augen-, noch Kopf-, noch Halsschmerzen - nur Schnupfen u. Husten en gros! So hat es mich nur einen Tag im Zeichnen gestört, u. ich verdiene also recht nett, da ich auf mein Verlangen jetzt 2 M pro Std. bekomme. Springer will es "gern" bezahlen, wie er schreibt! Ich war gewiß immer zu dumm, nicht mehr zu fordern! Endlich habe ich jetzt auch mal wieder Geld von dort bekommen, denn es war eine lange Pause gewesen.
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| Von den 150 M, mein Lieb, habe ich mit Felizitas etwa 80 verbraucht u. noch 50 für Gretli Schw., Photos, u. so allerlei - die restlichen 20 sind aber auch weg!! Es hilft nichts, es ist alles ganz rechtmäßig zugegangen u. ordentlich verbucht!
Bald hoffe ich, mal eine Karte von Dir zu erhalten - vielleicht aus Insterburg? Kam mein Brief mit dem Bildchen vom Auerbacher Schloß, u. der große mit den andern Bildern noch vor Deiner Reise an? Ich meine, Dienstag früh hätte er da sein müssen. Ich wollte so gern, daß Du diese kleine Freude noch mit auf die lange Fahrt nehmen solltest u. daß Dir die lieben Bilder zuweilen vor Augen schweben möchten, wenn Du die endlosen Stunden auf der Bahn sitzt. - Ich grüße Dich u. bin Dir nah, wo Du auch bist!
Deine Käthe.

[li. Rand] Ist die Reise nicht noch viel länger, als Du sie Dir dachtest?
[li. Rand S. 1] Du wirst doch nicht für die Rundfunkstunde reden?