Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. November 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. Nov. 1924.
Mein liebstes Herz.
Morgen also hast Du vor, wieder in Berlin zu sein! Ich war so froh über Deine liebe Karte aus Riga, die von mäßiger Anstrengung sprach. Ganz befriedigt klang sie leider nicht, u. darum hoffe ich, daß der weitere Verlauf der Reise Dir erfreulicher gewesen sein möge. Wenn die Leute nicht reif sind für die geistige Stufe dessen, was Du ihnen bringst, so wird es ihnen umso [über der Zeile] mehr ein Anstoß werden zu weiterem Streben. Oder wenn sie vielleicht nur in der Äußerung langsamer u. zurückhaltender sind, so ist das ja noch kein Beweis dafür, daß sie nicht aufnahmefähig waren. Ich weiß ganz gewiß, daß kein Suchender vergeblich zu Dir kommt.
- Und auch für Dich hoffe ich auf einen bleibenden Ertrag an neuen Eindrücken, an Gelegenheit zu vergleichen, zu urteilen - Zusammenhänge zu finden, - Beziehungen zu knüpfen. Ich vertraue darauf, daß Deine Reise ein Stück geistiger Eroberung im Osten war!
Wenn ich mir auch so ruhig über die gesundheitliche Seite der Sache sein könnte! Aber ich kann da eine heimliche Sorge nicht abschütteln. Das kommt wohl, weil ich so lange schon ohne Nachricht bin! Meinen Brief nach Reval hast Du hoffentlich bekommen. Ich weiß nicht, reist die Post zu Lande oder zu Wasser? Im letzteren Fall braucht sie vermutlich recht lange, denn es steht in der Zeitung von argem Sturm dort oben, bei dem auch Schiffe scheiterten. Gott sei Dank hattest Du Dich ja für den Landweg entschieden.
- Ich denke viel daran, wie es wohl bei Riehls gehen mag. Hoffentlich dauernd besser. - Von Inge hörte ich sehr lange nichts. Wahrscheinlich hat niemand Zeit zu schreiben. Ich denke, es ist ein Zeichen, daß es gut geht.
Von Felizitas bekam ich wieder einen sehr netten, herzlichen Brief. Sie scheint sich in Genf auch recht zu gefallen u. garnicht bewußt, was sich ihr bietet. - Ob Du meinen Brief mit dem Bildchen vom Auerbacher Schloß bekamst, habe ich nie von Dir gehört. Ich hoffe es aber!!
- Bei uns ist Hochwasser, der Neckar ein mächtiger Strom. Und dabei 15° Wärme u. beständiger Regen. Gut, wenn man nicht hinaus muß. Ich habe mich darum recht intensiv im Hause betätigt u. auch fleißig gezeichnet. So gehe ich mit einem erfreulichen Überschuß in den neuen Monat, der nun die Winterkohlenanschaffung bringen soll. Ich hatte so große Pläne, wegen einer Strickjacke u. eines Regenmantels - auf Deinen Anstoß hin, aber zum Glück habe ich es beim Betrachten in den Schaufenstern bewenden lassen, denn sonst wäre ich doch in Verlegenheit gekommen. Jetzt ist die blaue Strickjacke gewendet u. sieht aus wie neu! Also wäre es ganz unnötig gewesen.
Endlich hat nun der Vorstand auch wieder vermietet. Und zwar an eine Jüdin, geschiedene Frau eines Bayreuther Opernsängers Davisohn, die beide Zimmer nach vorn haben will u. deren Sohn im roten Eßzimmer als Repetitor in Nationalökonomie Stunden geben wird. Er wohnt wo anders, mittags essen sie auswärts u. abends versorgt sie sich selbst. Aenne bekommt für Zimmer u. Kochgelegenheit 100 M, Heizung, Licht ist extra.
- Für heute ists ja nur mein Zweck, Dich daheim wieder zu begrüßen. Laß mich nur hören, wie es Dir geht, ich will Dich nicht quälen um ausführliche Nachricht.
Mögest Du gern ins deutsche Land zurückgekommen sein u. die Semesterarbeit wieder aufnehmen. Wie ists mit dem Sekretär? -
Ich grüße Dich in Liebe.
Deine Käthe.