Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. November 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Nov. 1924.
Mein geliebtes Herz.
Wie froh war ich, als Dein "Gruß" mir Deine glückliche Heimkehr meldete! Habe Dank dafür u. auch für die üppige, materielle Seite der Sache. Hast Du denn so unerschöpfliche Reichtümer, daß Du nach dieser kostspieligen Reise noch so im Großen fortschenken kannst? Es ist mir damit die Möglichkeit gegeben, ein wenig sorglos an Weihnachtsgeschenke zu denken. Das ist mir eine große Freude.
Und auch für den dicken, ausführlichen Reisebericht tausend Dank! Er ist, um schwindlig zu werden, u. ich habe bei dem Vorüberrauschen der Namen u. Tatsachen ein ähnliches Gefühl wie bei dem Wasserfall am Werk Stallegg. Ich habs immer wieder gelesen, u. immer mit dem Eindruck, wie es Dir nur möglich war, diese Unzahl von Menschen richtig auseinander zu kennen, u. noch mehr - sie in der Erinnerung nicht zu verwechseln!
Ich hoffe - bescheiden wie ich bin - nun im Laufe der Zeit auch noch zu hören, was sich für Sinn u. Bedeutung an diesem Ariadnefaden aufgereiht hat, so daß ich teilnehmen kann an dem Wert, der diese Tage für Dich erfüllte. Wenn ich mir auch ohne das ein Bild mache, so ists rein gefühlsmäßig dies, daß Du die Rede von der friedlichen Eroberung zur Tat gemacht hast, u. daß Du dort im fernen Osten verständlich gemacht hast, was deutsche Art u. deutscher Geist ist, u. wie sie auf friedlichem Wege teilhaben können an diesem Reichtum u. dieser Kraft. -
Möchtest Du nun nicht allzu ermüdet ins Semester hineingegangen sein. Denn bei aller Anstrengung hat doch solche Zeit gesteigerten Wirkens u. beständig neuer Eindrücke auch etwas ungemein Belebendes. - Sei gut, u. schicke mir gelegentlich den Stundenplan mit Angabe der Themata. Ich bat Dich schon länger mal darum! Und auf die Briefe von Felizitas freue ich mich. Sie schreibt so munter u. natürlich, gerade so unbefangen wie sie redet! Offenbar ist die Reise für sie in jeder Weise das Richtige gewesen. Nun wird es wohl leider bald damit ein Ende haben? - Hier ist es seitdem recht einförmig. Die Arbeit ist gedeihlich, auch im pathologischen Institut hatte ich wieder zu tun. Aber Du siehst an Grete Paulsen (wie heißt sie eigentlich jetzt? Sie scheint
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| keinen Wert auf ihren Namen zu legen!) daß es für die Augen, auch wenn sie von Natur kräftig sind, eine üble Strapaze ist. Das ist eben auch stets mein Kummer. Denn ich muß doch immer die Rücksicht nehmen, die Augen für die Arbeit zu schonen u. da ist es mir öfters nicht möglich, abends noch für mich zu lesen, was ich doch so gerne tue. Aber in diesem Jahr ist doch alles viel besser. Schon die Tatsache, daß ich beschlossen hatte, meinen irischen Ofen wieder durchbrennen zu lassen, schafft ein Behagen, das ich ja garnicht so als Wonne empfinden würde, wenn ich es nicht so lange entbehrt hätte. So sind jetzt immer 13-14° R im großen Zimmer u. ich kann mich da jederzeit mit einer Beschäftigung aufhalten, während ich im vorigen Jahr fast nur abends im Bett warm wurde u. mir auch da noch die Hände abstarben, die ein Buch halten sollten!
Daß der Vorstand vermietet hat, schrieb ich wohl schon. Wir wohnen jetzt ganz u. gar im hinteren Zimmer u. es ist auch da recht gemütlich. Sie bekommt für beide Vorderzimmer mit Reinhaltung 100 M, wenn vom 1. Dez. ab die Mutter des Repetitors auch noch da wohnen wird. Für den Nov. 50 M. - Aber Aennes Sehnsucht ist es, daß sich womöglich noch stattdessen mit der Zeit ein älterer Herr als gut zahlender Pensionär finden möchte. -
Aus Berlin ist der Bericht über Inge befriedigend, stattdessen hatte Lili den Ziegenpeter u. Carl - wieder eine schwere Erkältung mit Nierenreizung! Die Sorgen hören nicht auf. - Walther, der Unglücksrabe - sagen wir also in Zukunft: Hans Huckebein - ist schon wieder in eine neue Vertretung geschickt statt des noch ausstehenden Sommerurlaubs. Er ist jetzt in Meerholz bei Gelnhausen, u. denkt von dort mal wieder wieder herkommen zu können. -
Gestern waren ein paar Damen zum Kaffee bei mir, ganz nett. Da wurde von unserm neuen Staatspräsidenten, der so viel vom fortschrittlichen Baden redet, erzählt, daß er neulich auf der Görres-Tagung gesagt hat: "Religion sei nötig. Wohin man käme, wenn man nur Natur u. Geist gelten lasse, das sehe man ja an Goethe." - Ich muß an den Hochberg denken - "jawoll - ja".
Für heute soll dieser Wisch Dir vor allem innige Grüße u. vielen Dank bringen. Wie magst Du es am Freitag bei Riehls gefunden haben? Ich denke so viel dorthin.
Immer Deine Käthe.

[li. Rand] Grüße doch auch Susanne. Habe ich sie gekränkt, oder warum schreibt sie mir nie mehr?